MOOC = Massive Open Online Course (Bild: Salford Business School [CC BY 2.0], via Flickr)

Studium Digitale per MOOC

Mit einigen MOOCs lassen sich jetzt ECTS-Leistungspunkte sammeln. Das fordert das traditionelle Universitätsmodell aus Anwesenheitspflicht und festem Lehrplan heraus. // von Christina zur Nedden

MOOC  = Massive Open Online Course (Bild: Salford Business School [CC BY 2.0], via Flickr)

Verschulte, vorgefertigte Bachelor- und Masterstudiengänge lassen heute wenig Raum für individuelle Persönlichkeitsbildung. Ergänzende Online-Kurse – oder MOOCs – zur Verfolgung eigener akademischen Interessen werden immer beliebter, waren bisher aber nicht vom Hochschulsystem anerkannt. Das ändert sich jetzt in Europa. Werden wir uns bald ein Studium digital selbst zusammenstellen können?


Warum ist das wichtig? Online lernen und Lehren mit MOOC gewinnen in Deutschland immer mehr an Bedeutung und können das Bildungssystem nachhaltig verändern.

  • MOOCs ermöglichen eine hochschulübergreifende, kostengünstige Bildung nach dem eigenen Geschmack. Sie waren bisher aber nicht vom Hochschulsystem anerkannt.

  • Die Plattform iversity.org mit Sitz in Berlin hat als erster Anbieter erfolgreich Zertifikate mit denen ECTS-Leistungspunkte erworben werden können für einige MOOCs eingeführt.

  • Trotz aller Vorteile der Online-Lehre, kann eine virtuelle Plattform nicht alle Aspekte eines traditionellen Studiums ersetzen.


Arbeiten, fernsehen, einkaufen – vieles geht heute an jedem Ort und zu jeder Zeit. Immer mehr Menschen arbeiten von zuhause oder unterwegs aus. Man hält sich nicht mehr an feste Sende- oder Ladenöffnungszeiten, sondern lebt nach dem persönlichen Zeitplan. Das Internet macht es möglich: viele Bereiche unseres Lebens können durch Digitalisierung zunehmend individualisiert werden. Doch in anderen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die akademische Welt gehört zu dieser Kategorie. Das Universitätsmodell mit physischer Anwesenheitspflicht und einem festen Programm aus Vorlesungen und Seminaren bis zum Examen hat sich seit Jahrhunderten praktisch nicht verändert. Seit der Bologna-Reform ist es sogar noch unflexibler geworden.

Vor 2010 konnten sich Diplomstudenten nach einem zwei- bis viersemestrigen Grundstudium auf ein Fach ihrer Wahl spezialisieren. Nach weiteren vier bis sechs Semestern erwarben sie ihr Diplom. Zwischendurch blieb Zeit für Praktika und Nebenjobs. Nach der Umstellung auf das Bachelor-Master-System kann von individualisierter Persönlichkeitsbildung nicht mehr die Rede sein. Das Studium ist verschult, es gibt kaum Möglichkeiten, es nach den eigenen Interessen auszurichten. Der rasend schnelle Konsum von vorgefertigtem Lernstoff für einen möglichst zügigen Abschluss prägte vor einigen Jahren den Begriff des „Bulimie-Lernens“. Um sich von der Masse der konformen Fließband-Lerner abzuheben, muss man sich auf eigene Faust weiterbilden. Und wieder findet sich die Lösung im Internet.

Massive Open Online Courses – kurz MOOCs – sind kostenlose Online-Kurse von Universitäten. Mit einem Smartphone, Tablet oder Computer kann jeder unabhängig von Ort und Zeit auf Video-Vorlesungen und Lernmaterial zugreifen. Online-Studenten picken sich die besten Kurse von Eliteuniversitäten wie Harvard oder dem MIT heraus. Jeder hat plötzlich Zugang zu Hochschulbildung der Extraklasse, ohne den perfekten NC vorweisen zu müssen – und das alles zum Nulltarif. Die drei weltweit größten (und amerikanischen) Anbieter von MOOCs – edX, Coursera und Udacity – haben zusammen seit der Geburt des MOOCs im Jahr 2008 über 12 Millionen Studenten in Online-Kursen unterrichtet. Ein drittel der Teilnehmer stammt aus den USA und edX gibt an, dass die Hälfte der Studenten aus Entwicklungsländern kommen. Die New York Times waren von diesem Weltverbesserungsappeal so begeistert, dass sie 2012 zum „Jahr des MOOCs“ kürte. Wieso sollte man noch eine Uni besuchen und Studiengebühren zahlen, wenn sich von zuhause aus ein persönlicheres, hochwertiges und kostengünstigeres Bildungsprogramm zusammenstellen lässt?

Bisher unterschied man zwischen formellen und informellen Bildungsangeboten. Onlinekurse waren eine komfortable Fortbildungs-Alternative zum abendlichen Besuch der Volkshochschule. Ein MOOC wurde aber nicht vom Hochschulsystem anerkannt – schon allein aufgrund der fehlenden persönlichen Kontrolle bei der Abschlussprüfung. An einem MOOC teilzunehmen erforderte hohe Eigenmotivation, da man am Ende in manchen Fällen zwar ein Zertifikat bekam, dieses aber nicht vergleichbar mit einer Bescheinigung einer traditionellen Universität war. Viele MOOC-Teilnehmer brachen Kurse vorzeitig ab.

Das kann sich nun ändern. Die MOOC-Plattform iversity.org mit Sitz in Berlin hat als erster Anbieter erfolgreich kostenpflichtige Zertifikate für einige Kurse eingeführt, mit denen Studierende Leistungspunkte nach dem European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) sammeln können. Diese sind gleichwertig mit den Punkten, die an einer Universität gesammelt werden. Studenten in Europa können sich die ECTS-Punkte der Onlinekurse anrechnen lassen und in manchen Fällen sogar Kurse ihres Studiums durch MOOCs ersetzen. Die Zahl der Abbrecher sinkt dadurch, dass Teilnehmer zu Beginn des Kurses entscheiden, ob sie Gasthörer sind oder ein Zertifikat anstreben. Prüfungen können kontrolliert werden- durch Präsenzexamen oder Webcam und Abkopplung des Computers vom Internet. Ein MOOC unterscheidet sich dann nicht mehr groß von einem analogen Kurs, außer das man ihn gemütlich auf seinem Sofa belegen kann, anstatt sich mit 200 Kommilitonen die Luft in einem stickigen Hörsaal zu teilen. Bisher bietet iversity.org drei Kurse an, mit denen ECTS-Punkte erworben werden können. „Für Studierende ist ausschlaggebend, ob ein Kurs vom Hochschulsystem anerkannt wird oder nicht. Für Berufstätige ist die ECTS-Anerkennung ein Qualitätsindikator„, sagt Hannes Klöpper, Gründer und Geschäftsführer von iversity.org.


„How to MOOC – Was ist ein MOOC?“ erklärt von iversity Mitgründer Hannes Klöpper:


Wohin führt das digitale Studieren? Es gibt bereits einige (Fern)Studiengänge, die vollständig online absolviert werden können. Neu ist die Möglichkeit oder das Bedürfnis, sich seine Bildung selbst hochschulübergreifend aus dem besten verfügbaren Angebot zusammenzustellen. Was bedeutet dies für Universitätsgebäude? Wird sie das gleiche Schicksal wie leerstehende Kirchen ereilen? Wenn 100 Professoren einen ähnlichen Kurs in Statistik für Anfänger anbieten der auch im Internet frei verfügbar ist, werden dann 99 Kursangebote und eventuell auch Arbeitsplätze wegfallen? Wieso sollten Universitäten das überhaupt mitmachen? Was bringt es ihnen Kurse für die sonst gezahlt werden umsonst anzubieten?

Tatsächlich nutzen viele Universitäten MOOCs als Eigenwerbung. „Ein Kurs auf iversity.org hat im Schnitt 20.000 Teilnehmer. Das ist ein globaler Reputationsgewinn für Universitäten und kleinere Fachhochschulen„, sagt Klöpper. Am 14. Oktober startete die private Berliner Hochschule Hertie School of Governance einen MOOC auf iversity.org. Knapp 7000 Anmeldungen gab es für den 10-wöchigen Kurs namens „Governance and Policy Advice: How Political Decisions Come to Life„. Politiker und Berufserfahrene sollen den Studenten einen Einblick in die Geheimnisse des politischen Entscheidungsprozesses geben. Am Ende können Studenten ein Zertifikat für 49 Euro von iversity.org erwerben. ECTS-Punkte gibt es leider noch nicht. Die Hertie School verdient nichts; einen gewissen Marketing-Effekt hat der Online-Kurs jedoch. „Der MOOC schafft eine größere Sichtbarkeit unseres Angebots„, so die Leiterin des Kurses, Prof. Andrea Römmele.

Viele Universitäten wie zum Beispiel Oxford und Cambridge wehren sich gegen die Digitalisierung ihres Angebots. Doch es gibt immer Menschen, die das nicht einsehen. Sie möchten das studieren was sie interessiert und sich nicht fühlen als seien sie immer noch in der Schule. Und auch Unternehmen interessieren sich beim Bewerbungsgespräch eher für die Dinge die man neben dem Studium noch erreicht hat. Individuelle Leistungen zählen mehr als die der Masse.

Die Lösung ist eine Kombination aus Online- und Offlineangebot„, sagt Hannes Klöpper. Er hat mit iversity.org nicht die Absicht, traditionelle Universitäten online abzubilden. Studenten sollen ihr Studium durch ein umfassendes digitales Angebot ergänzen und nicht ersetzen. „Menschen kommen immer noch gerne an einem Ort zusammen- Das sieht man zum Beispiel daran wie viele Konferenzen es trotz des Internets noch gibt„, findet Klöpper.

Und es gibt weitere Gründe gegen eine komplette Digitalisierung unserer Bildung: Trotz aller Vorteile der Online-Lehre sollte man sich fragen, ob sie ein traditionelles Studium komplett ersetzen kann. Eine virtuelle Plattform transportiert noch nicht das Gefühl, das erste Mal vor seinen Kommilitonen zu präsentieren, mit ihnen zu debattieren und seine Meinung zu verteidigen. Auch der Geruch von alten Büchern in der Unibibliothek, das schlechte Mensaessen und die leuchtenden Augen des charismatischen Professors finden sich bis jetzt nur in der analogen Welt. Persönlichkeitsbildung und Lebenserfahrung erlangt man nicht nur durch bestandene Prüfungen und Scheine.


Teaser & Image by Salford Business School (CC BY 2.0)


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Christina zur Nedden

Christina zur Nedden

ist freie Journalistin und Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Ihre veröffentlichten Texte gibt es auf ihrer Website christinazurnedden.com. Auf Twitter ist sie unter @czurnedden zu finden.

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