Dewy (Bild: emdot [CC BY 2.0], via Flickr)

Structured Journalism: Journalisten als Bibliothekare

Informationen atomisieren, verschlagworten, neu kombinieren: Das ist das Prinzip hinter „Structured Journalism“. Warum Journalisten wie digitale Bibliothekare arbeiten sollten. // von Bernd Oswald

Dewy (Bild: emdot [CC BY 2.0], via Flickr)

Der Artikel als »standard consumption unit« des Journalismus erweist sich online als erstaunlich unkaputtbar“ – treffender kann man die herrschenden Publikations- und Rezeptionsverhältnisse in der Medienlandschaft kaum beschreiben. Zeitungen und Zeitschriften haben ihn geboren, als fertiges, in sich abgeschlossenes Produkt. Dieses Produkt wurde mit dem Beginn des Onlinejournalismus auch ins Netz übertragen und herrscht dort noch immer vor.

Information im Internet muss sich aber nicht auf ein Produkt beschränken, sondern kann eine Entwicklung darstellen: Prozessjournalismus. Den praktizieren auch Florian Steglich, Thom Nagy (beide von nzzlabs) und Sebastian Horn vom Journalismus-Software-Dienstleister Sourcefabric, sie nennen ihn nur anders: Structured Journalism. Structured Journalism?

Sebastian Horn definiert den Begriff auf dem re:publica-Workshop „Assets, Objects, Points: Was Structured Journalism bringen kann“ als Organisationsprinzip, bei dem es um folgendes geht:

  • isolieren und organisieren der kleinsten Infoeinheiten
  • zusammensetzen dieser Einheiten zu anderen journalistischen Angeboten,…
  • …die durch kontinuierliche Pflege im Laufe der Zeit wertvoller werden…
  • …und als Ganzes neue Kombinationen und damit qualitativ neue Erkenntnisse ermöglichen.

Am Anfang steht dabei immer das Ereignis, dieses besteht aus mehreren Updates. Jedes Ereignis gehört zu mindestens einem Erzählstrang. Der Erzählstrang wiederum ist die sinnvolle Verknüpfung mehrerer Ereignisse, die zusammen eine längerfristige Entwicklung abbilden. Nachdem Grafiken ja mehr als 1000 Worte erzählen, demonstriere ich das mit einer Folie aus dem Structured Journalism-Workshop:

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Klingt abstrakt und nach Zukunftsmusik? Das, was das Trio meint, gibt es schon, Thom Nagy zeigte eine Reihe von Beispielen:

  • Artikel auf Webseiten lassen sich mit Schlagworten versehen, aus diesen Schlagworten generieren sich automatische Themensites (z.B. die Snowden-Themenseite bei SPIEGEL ONLINE)
  • Liveticker oder Live-Blogs, bei denen im Abstand von Minuten (Text-)Updates veröffentlicht werden, die dann ganz oben stehen (z.B. wie beim re:publica Blog der SZ)
  • Ebenfalls mit einer regelmäßigen Update-Funktion, nur über einen viel größeren Zeitraum (bis hin zu mehreren Monaten) arbeitet The Verge mit seinen Story Streams

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  • Schon deutlich weniger bekannt sein dürfte der Begriff „Card stacks“: Hier wird ein Phänomen in einzelnen Karten erklärt, die sich nacheinander durchklicken lassen, z.B. „What is network neutrality?“ auf vox.com, die unter der Rubrik “understand the news” klassischen Erklärjournalismus betreibt.
  • Ähnlich, nur in noch kleineren Infoeinheiten funktioniert der News-Dienst cir.ca: Hier ist eine Nachricht in verschiedene Aspekte unterteilt, durch die man sich scrollen kann, es lassen sich sogar die einzelnen Absätze separat twittern
  • Bei den Google Living Stories – einer Kooperation von Google, New York Times und Washington Post, wurden alle Artikel zu einem Thema unter einer URL gesammelt, die Einträge waren in Zitate, Schlüsselfiguren und Themenstränge eingeteilt. Das Projekt wurde 2010 eingestellt, der Code ist aber weiter verfügbar.
  • politifact ist eine Fact-Checking-Plattform, gegründet von der Tampa Bay Times in Florida: Hier werden Politiker-Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Ein Beispiel für ein Angebot, das durch kontinuierliche Pflege im Laufe der Zeit immer wertvoller wird.

Bei den meisten dieser Beispiele steht Text im Vordergrund, nur kleiner und flexibler portioniert. Horn, Nagy und Steglich sehen die journalistische Story im Idealfall aber als eine Summe von Datenpunkten und diese Datenpunkte können neben Text genauso gut Bilder, Grafiken, Zitate, Karten oder natürlich Zahlen sein. Florian Steglich stellt sich den Journalisten des 21. Jahrhunderts als Bibliothekar vor, der seine Rohdaten strukturiert und einsortiert und bei Bedarf herausholt und wieder neu zu Erzählsträngen zusammensetzt. Das Anspruchsvolle dabei ist es, für jede Geschichte eine geeignete bzw. funktionierende Kombination dieser Elemente zu finden.

Die Crux in der Praxis: wie „atomisiert“ man seine Information, seine Recherche-Ergebnisse, wie und wann kann man sie verschlagworten? Inwieweit erlaubt das eigene CMS das und welche Grenzen setzt es bei der Neu-Kombination? Anders ausgedrückt: Formt das Tool die Geschichte oder die Geschichte das Tool? Setzt man Storytelling-Tools wie Pageflow vom WDR ein und richtet sich danach oder schreibt man „Code von Scratch“? Wünschenswert wäre es natürlich, wenn die Geschichte die Aufbereitung bestimmt, aber auch aufwändiger und nur mit entsprechender Programmierpower umzusetzen. Womit wir wieder bei der Diskussion wären, wie viel Programmierkenntnisse Journalisten heute haben müssen.

In bestimmten Fällen ist es sogar möglich, dass die Datenbank die Geschichte erzählt. Im Sportjournalismus, wo es viel um Statistiken geht, gibt es das bereits. Weitere Anwendungsfälle sind Wetter, Finanzdaten, Wahlergebnisse und Kriminalität. Lorenz Matzat hielt auf der re:publica einen eigenen Vortrag zum Roboterjournalismus. (Wobei die Teilnehmer viel öfter von dem twitterten, was Roboter laut Matzat nicht ersetzen können: Reportagen, Investigationen, Interviews, Feuilleton, Kommentare, Glossen).

Nicht zu verwechseln ist Structured Journalism mit Datenjournalismus. Während der Datenjournalismus Daten analysiert und daraus Geschichten filtert, geht es bei Structured Journalism darum, Informationen schon bei ihrer Entstehung zu verschlagworten und (in Datenbanken) zu strukturieren, um sie als Basis für neue Geschichten zu verwenden. Auch das lässt sich grafisch veranschaulichen:

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Aber egal, ob Structured Journalism oder Datenjournalismus: Der Artikel wird zunehmend als “standard consumption unit” abgelöst werden. Journalistische Recherche und Produktion werden prozesshafter, und wer seine Rechercheergebnisse digital strukturiert, wird diesen Prozess besser meistern.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im Torial Blog


Teaser & Image by emdot (CC BY 2.0)


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Bernd Oswald

Bernd Oswald

ist Autor und Trainer für digitalen Journalismus. Ihn fasziniert es, wie die Digitalisierung (nicht nur) den Journalismus verändert: mehr Quellen, mehr Transparenz, mehr Interaktion, ganz neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens, vor allem visuell und mit Daten. Über diese Phänomene schreibt, bloggt, twittert und lehrt er seit 2009. [Bild: Andreas Unger]

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