Messaging-Apps (Bild: junpinzon, via PicsaStock)

Cash, Comics & Gossip: Das Wettrüsten der Messaging-Apps

Rund um den Globus kämpfen Internetfirmen wie Snapchat und Facebook aus den USA, Tencent aus China, Naver aus Südkorea oder Rakuten aus Japan um die Gunst der chat-verrückten Nutzer. Ein Überblick über die Strategien. // von Jakob Steinschaden

Messaging-Apps (Bild: junpinzon, via PicsaStock)

Spätestens seit der 21-Milliarden-Dollar-Übernahme von WhatsApp durch Facebook ist klar: Messaging-Apps sind das nächste große Business nach Social Media. Ging es bei Facebook und Twitter noch darum, Privatnutzern Öffentlichkeit im Internet zu verschaffen und ihre Daten und Inhalte mit Werbung zu monetarisieren, sind Messaging-Apps von Natur aus privater Natur. Mit digitaler Werbung kann man in die intimen Chats kaum eindringen, weswegen die Betreiberfirmen andere Monetarisierungsmöglichkeiten suchen. So sehen die Strategien der Messaging-Apps aus.


Warum ist das wichtig? Messaging-Apps erreichen heute weltweit wahrscheinlich mehr als eine Milliarde Menschen. Aus dieser neuen Reichweite wollen die Betreiber Kapital schlagen.

  • Ein Weg, den die Messaging-Apps von Snapchat und Facebook einschlagen, sind integrierte Bezahl-Dienste, bei denen sie als Betreiber Provisionen je Transaktion verdienen können.

  • Die Messaging-Apps Viber und WeChat wollen die User mit Klatsch & Tratsch versorgen und haben dazu Partnerschaften mit Prominenten bzw. mit Buzzfeed geschlossen.

  • WhatsApp hat einen Vorstoß in Sachen Security gemacht und will die Chats der User künftig komplett verschlüsseln – doch Konkurrenten kritisieren die bisherige Umsetzung.


WhatsApp setzt auf Verschlüsselung

Die Messaging-App WhatsApp mit etwa 600 Millionen Nutzern, die sich Facebook für 21 Milliarden US-Dollar kaufte, will seinen Usern ein besseres Sicherheitsgefühl geben. Dazu hat man vergangene Woche eine Partnerschaft mit Open Whisper Systems (TextSecure) geschlossen, um Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu ermöglichen. Das System gilt als sehr stark, ist aber noch nicht perfekt umgesetzt, wie man bei der Schweizer WhatsApp-Alternative Threema hinweist: „Die angekündigte Verschlüsselung bei WhatsApp funktioniert im Moment nur zwischen Android-Handys und nur für Textnachrichten„, so Threema-Marketingchef Roman Flepp. „Gruppenchats sowie alle iOS- und Windows Phone-Nutzer sind bis auf weiteres ausgeschlossen. Durch die zwangsweise Bindung des Kontos an eine Handynummer sind bei WhatsApp nach wie vor eindeutige Rückschlüsse auf die Identität des Nutzers möglich. Die Datensammelei geht somit weiter.“ Außerdem würden weiterhin Informationen über Beziehungsnetze der User in den USA ausgewertet werden.

Line verkauft Comic-Sticker und Games

Die Messaging-App Line aus Japan, die dem großen südkoreanischen Internet-Portalbetreiber Naver gehört, hat 170 Millionen aktive User und im vergangenen Geschäftsquartal 192 Millionen US-Dollar Umsatz mit dem In-App-Verkauf von Games und Stickern eingebracht. 2015 könnte es soweit sein und Line wird mit einer Bewertung zwischen zehn und zwanzig Milliarden US-Dollar an die Börse gebracht. Außerdem will Line verstärkt mit Marken zusammenarbeiten, damit diese mit Usern kommunizieren und messen können, ob und welche Produkte diese später kaufen. Auch in Facebooks Messenger-App gibt es bereits einen Sticker-Store.

WeChat will Usern News zeigen

Die Messaging-App WeChat gehört dem chinesischen Internet-Riesen Tencent und hat derzeit etwa 470 Millionen monatlich aktive Nutzer. Kürzlich hat WeChat eine neue Partnerschaft mit dem Online-Medium Buzzfeed angekündigt. Buzzfeed bekommt dabei einen eigenen Account, dem die WeChat-User abonnieren können und dann über den Tag verteilt einige News zugeschickt bekommen. Mit Kurzbefehlen wie „cats“, „dogs“, „lol“ oder „wtf“ kann man den Content auf Wunsch auf personalisieren. Auch WhatsApp will ins Medien-Business und hat mit der BBC eine Partnerschaft geschlossen, die Usern relevante News in den von Ebola erschütterten Gebieten in einem Chat zukommen lässt.

Snapchat integriert Bezahl-Dienst

Gibt es Nacktfotos bei der Messaging-App Snapchat künftig gegen Geld? So witzelten Beobachter nach der Ankündigung der US-Firma aus Los Angeles, eine Partnerschaft mit dem Bezahl-Dienst Square von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey eingegangen zu sein. Snapchat-Nutzer in den USA können mit dem Feature „Snapcash“ ihren Kontakten zum Beispiel mit dem Befehl „$100“ Geld an deren Bankkonto schicken. Voraussetzung ist, dass beide ihre Kreditkartendaten bei Snapchat bekannt geben. Die User werden eindeutig über ihre Telefonnummer identifiziert, wodurch Betrügereien erschwert werden. Die App mit 100 Millionen Usern wurde kürzlich aber auch über Drittanbieter-Software gehackt, wodurch bei vielen Usern das Vertrauen fehlen dürfte, dort ihre Bankdaten zu hinterlegen. Facebook arbeitet Insidern zufolge schon seit geraumer Zeit daran, seine Apps Messenger und WhatsApp um Bezahlfunktionen auszubauen.

Kik Messenger bringt animierte GIFs

Die Messaging-App Kik mit etwa 185 Millionen Usern aus Kanada hat kürzlich frische 38 Millionen US-Dollar Investmentgelder abgestaubt und damit gleich das Startup Relay aufgekauft, das auf animierte GIFs setzt. Damit will man es der vorwiegend jungen Nutzerschaft ermöglichen, visueller zu kommunizieren, indem man ihnen etwa 6,5 Millionen verschiedene animierte GIFs zum Versenden anbietet. So will man sich von der Konkurrenz abheben, wo es zumeist um den Versand von Text, Fotos, Emoticons, Videos oder Comic-Stickern geht. Auch die konkurrierende Messaging-App Telegram hat kürzlich eine eigene GIF-Suche integriert.

Viber mit öffentlichen Chats von Stars

Die Messaging-App Viber, die dieses Jahr um 900 Millionen US-Dollar vom japanischen Online-Händler Rakuten aufgekauft wurde, hat angekündigt, den Usern so genannte „Public Chats“ zu ermöglichen. Prinzipiell sind Messaging-Apps für Zweier- oder Gruppen-Chats ausgelegt und damit gewissermaßen die Antithese zu Twitter oder Instagram, wo das Gros der Inhalte öffentlich sind. Viber will vor allem, dass bekannte Persönlichkeiten Viber-Chats den anderen Usern zugänglich machen. Allerdings sollen die Fans der Stars nicht direkt mit diesen chatten können, sondern lediglich mitlesen, was diese so bei Viber schreiben. Erste Celebrities, die mitmachen, sollen Starblogger Perez Hilton und der DJ Paul van Dyk sein.


Teaser & Image by junpinzon, via PicsaStock


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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