Warum wir über unsere Spoiler-Phobie hinwegkommen sollten

Warnung: der folgenden Artikel enthält einige Spoiler zu Star Wars: The Force Awakens und andere Kino- und Fernsehproduktionen. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Im vergangenen Monat waren mein Partner und ich in einem kleinen ruhigen Restaurant in Dorset. Ein kleiner Junge kam herein und quiekte mit schreckenerfüllter Stimme: “Er hat Han Solo getötet!” Der Vater schaute entsetzt, während einige Gäste nervös lachten und sich umschauten, als ob jemand eine Straftat begangen hatte. Ich konnte nur hoffen, dass niemand von ihnen geplant hatte, den Film am nächsten Tag im Kino zu sehen.

Ich fand es zuerst wirklich noch witzig, aber dann habe ich The Force Awakens gesehen. Wenn Sie den Film noch nicht gesehen haben, aber kein Problem damit haben, trotzdem einen Artikel über die Star Wars-Reihe zu lesen, dann darf ab hier weitergelesen werden:  Kylo Ren tötet seinen Vater Han Solo mit seinem Lichtschwert. Es ist der Höhepunkt des Films.

Jeder scheint seine eigene Geschichte zu diversen Star Wars-Spoiler zu haben. Jeder, der im Jahr 1980 The Empire Strikes Back gesehen hat, wird wohl die eine hinterhältige Person nie vergessen, die “Darth Vader ist Lukes Vater!” in die Kinoschlange hineinrief. Meine eigene Spoiler-Horrorgeschichte war, als jemand mir noch während ich für den Film Fight Club anstand, dass Edward Nortons Charakter Tyler Durden unter einer Persönlichkeitsspaltung leidet.

Im Netz finden wir die Spoilerkultur (und die Spoiler-Phobie) überall. Mein Facebook-Feed ist wöchentlich gefüllt mit den Einträgen meiner Freunden und Familie, die in etwa so lauten:

Keine Dr.-Who-Spoiler bitte, es lief hier noch nicht in den USA.

Bitte beachte, dass [dieser  und jener] Sherlock noch nicht gesehen hat, bitte verrate nichts in deinem Status.

Keine Star Wars-Spoiler mehr, um Gottes willen – Ich hatte noch keine Gelegenheit, den Film über Weihnachten zu sehen.

Auf Facebook werden regelmäßig Leute entfolgt oder Freundschaften aus einem plötzlichen Groll heraus gekündigt.

Handlungsfreiheit

Diese Angst vor Spoilern ist ein Resultat unserer komplexen Art und Weise, in der wir Medien konsumieren. Eine Fernsehserie direkt bei der Ausstrahlung zu schauen, ist selten geworden in einer Welt voll  konkurrierender On-Demand-Plattformen und Netflix-Marathons. Mit Tablets und Smartphones können wir nicht nur aussuchen, was wir anschauen wollen, sondern auch, an welchem Ort. Aber diese Freiheiten bedeuten auch eine große Verantwortung. Diese ist direkt verbunden mit der wachsenden Erwartung, dass wir, wenn wir einen Film oder eine neue Serie gesehen haben, sollten wir, um Tyler Durdens berühmte erste Regel über den Fight Club zu zitieren, besser nicht darüber sprechen.

Für Kritiker ist das schlichtweg nervenzehrend. Zuerst einmal, wie soll man etwas anständig rezensieren, ohne dabei Elemente der Handlung preiszugeben? 2006 brachte Jonathan Rosenbaum sein Bedenken zum Ausdruck, was Spoiler für die Filmkritik bedeutet. Er merkte an, die Spoilerkultur ziehe Handlung und Erzählweise auf Kosten anderer Stile vor:

Warum soll es ein Spoiler sein, wenn man anmerkt, dass Touch of Evil mit der Explosion einer Zeitbombe beginnt, es offensichtlich aber nicht als Spoiler gilt, wenn man anmerkt, dass der Film mit einer langen Kamerafahrt beginnt?

Wenn dies vor zehn Jahren schon zugetroffen ist, dann ist es heutzutage noch viel wichtiger. Denn: bei den aktuellen “Spoilern” geht es nur noch um die Handlung.

Spoiler-Etikette

Deutlich interessanter ist die Etikette, die um die Spoilerkultur herangewachsen ist. Die Regeln dazu werden laufend auf Twitter, Facebook und Tumblr verhandelt. Wie verhält es sich beispielsweise bei Einschränkungen von  Spoilern? Geltem sie, wenn der Film nicht mehr im Kino zu sehen ist? Eine Zeitpsnanne von X Monaten, nachdem die Leute genügend Möglichkeiten hatten, eine Serie bei Netflix zu bingewatchen? So ganz genau scheint dies niemand zu wissen. Selbst die Screenonline-Webseite von BFI hat einen Disclaimer mit dem Hinweis “Vorsicht Spoiler” für Filmzusammenfassungen, die teilweise vor 70 Jahren veröffentlicht wurden.

Ob die Regeln auch bei Informationen von Buchverfilmungen gelten, ist bisher noch in eine Grauzone. Die Game of Thrones-Fangemeinde hat ihre eigene lautstarke Spoilerkultur (aber um fair zu sein, die Handlung der Fernsehserien unterscheidet sich sehr vom Buch, um mit einigen Handlungspunkten selbst die zu überraschen, die bereits die Bücher gelesen haben). Es ist schwer ein zu schätzen, ob langjährige Fans von denBüchern der The Hunger Games-Trilogie oder den Harry Potter-Romanen die Filmadaptionen anders wahrnehmen als diejenigen, die die Bücher nie gelesen haben.

Der Ärger rund um Spoiler ist ein neues Phänomen. Ältere Romane (wie beispielsweise die Arbeiten von Charles Dickens) enthielten manchmal einen kurzen Handlungsabriss zu Beginn jedes Kapitels. Sie fassten effektiv die Erzählung zusammen, so dass dem Leser genügend Freiheit blieb, andere Elemente der Geschichte zu genießen. Henry Fielding bemerkte in seinem Werk Joseph Andrews:

What are the contents prefixed to every chapter but so many inscriptions over the gates of inns … informing the reader what entertainment he is to expect, which if he likes not, he may travel on to the next.

(dt. etwa: Was sind schon die Inhaltsangaben jedes Kapitels anderes als Inschriften über den Türen von Gasthöfen … sie teilen dem Leser mit, welche Vergnüglichkeiten er hier erwarten kann, und wenn er das nicht wünscht, reist er weiter zum nächsten.)

Aber möglicherweise sagt das Wachstum der Spoilerkultur gar nichts über den Wandel des Medienkonsums aus, sondern vielmehr darüber, wie wir als Gesellschaft an die Popkultur herangehen – zumindest auf einem einfachen  Level. Und: Nehmen wir das nicht alle ein wenig zu Ernst?

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Vaders‘ Photo shoot (1 of 4)” by Chris Isherwood (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Laura Mayne

Laura Mayne

ist Filmhistorikerin und arbeitet als Postdoktorandin der Universität von York am Projekt "Transformation und Tradition des britischen Kinos der 1960er". Ihr Spezialgebiet sind moderne britische Filme und zeitgenössische Kunst.

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