Was passiert, wenn wir zu viel in die Social-Media-Blase investieren?

Die Social-Media-Blase kann eine Gefahr für den Finanzmarkt sein – wenn sie platzt, sollten wir uns besser nicht in der Nähe befinden.

Es ist eine Investition, die Milliarden von uns täglich machen – keine finanzielle Investition, sondern eine Investition von Zeit und Mühe darin, Gedanken zu Dingen auszudrücken, mit denen wir sympathisieren und zu solchen, die wir ablehnen. Wir zollen Respekt und wir erwarten eine Gegenleistung – in Form von “Likes” auf ein kürzlich gepostetes Selfie.

Wir sind Investoren der sozialen Medien, fortwährend Likes gegen Likes handelnd und das ohne viel Marktforschung. Selbstverständlich sind die sozialen Medien überflutet mit dem, was die Finanzwelt als Liquidität bezeichnen würde – es gibt keinen Mangel an Likes, Upvotes, Posts, und weitergeleiteten Tweets. Eine zu hohe Liquidität jedoch kann einen Finanzmarkt vergiften und führt dazu, dass Preise sich weit jenseits ihres Grundwerts aufblasen – dies bezeichnen wir als Blase. Und möglicherweise kann dies auch einen Markt vergiften, in den wir Meinungen und Äußerungen anstelle von Geld investieren.

Die berüchtigte Tulpenblase Hollands im 17. Jahrhundert sorgte dafür, dass Blumen, die heute nur ein paar Cents oder Pfennige wert wären, im März 1637 das Zehnfache des Einkommens eines erfahrenen Handwerkers kosteten. Unter Berücksichtigung der Inflation entspräche das heute fast einer Millionen US-Dollar – für eine einzige Tulpenzwiebel. Weitere Lehrbuchbeispiele sind die Südseeblase im 18. Jahrhundert, der Zusammenbruch der Wallstreet 1929 und aus der neueren Zeit der Boom der Dotcom-Blase und der Zusammenbruch der Technologie-Aktien im Jahr 1999 sowie der Spekulationswahnsinn in der westlichen Welt, der zum Zusammenbruch des globalen Marktes in den Jahren 2007 bis 2008 führte – von dem wir noch immer die Scherben aufkehren.

Blasen können jedoch auch in Lebensbereichen jenseits des Finanzwesens auftreten, wenn wir eine Blase definieren als einen zumeist irrationalen Weg der kollektiven Ansammlung von Überzeugungen, Vorlieben oder Handlungen auf Grundlage einer sozialen Sicherung und in einer Umgebung, die der Formung einer Blase zuträglich ist – so wie das Internet.

Handelsaktiva bedürfen einer Investition. Im Finanzwesen handelt es sich hierbei normalerweise um Bargeld oder um eine andere Art liquider, leicht zugänglicher und einfach übertragbarer Werte. Die Art, wie wir die sozialen Medien benutzen, folgt einem ähnlichen Muster. In diesem wird ein anerkannter Wert durch Likes, Upvotes, Kommentare, Tweets und die Weiterleitung von Tweets, die Erstellung von Posts und Bildern erschaffen. Dies sind soziale Investitionen, die täglich in Erwartung einer Gegenleistung gehandelt werden – in Form von Präsenz, Sympathie, Verständnis, Status, Einfluss, Macht oder Respekt.

Wenn ein großer Anteil dieser in nur wenige Posten investiert wird, kann ihr gehandelter Wert sich unverhältnismäßig aufblasen. In Bezug auf die sozialen Medien erzeugt dies Ruhm oder allgemeine Bekanntheit, Flame-Wars und Panik oder Macht und Einfluss. Denken Sie daran, wie Twitterstorms sich entwickeln und an Hashtags wie #mynypd über eine Kampagne der New Yorker Polizei, die fehlzündete, #marius über eine in einem Zoo getötete Giraffe oder #voteman, der versuchte die Jugend zu überzeugen sich bei der jüngsten Europawahl zu beteiligen.

Manchmal verfolgt die Liquidität die falschen Posten und überhitzt ihren Wert – wir könnten hier von Meinungsblasen, politischen Blasen, Mobbing-Blasen (wie bei Angriffen durch Twitter-Follower), Statusblasen, Modeblasen, Kunstblasen und sogar Wissenschaftsblasen sprechen. Für einen jungen Dänen hat es schon ausgereicht, wie Justin Bieber auszusehen, um seinen sozialen Status zu überhitzen.

Wo Blasen ihren Ursprung haben

Blasen entstehen nicht aus dem Nichts heraus. Sie werden in ihnen zuträglichen Umgebungen kultiviert und wir sollten lernen sie zu erkennen, da nach unserem gegenwärtigen Erkenntnisstand der Funktionsweise von Finanzmärkten Posten keines eigenen Grundwertes bedürfen. Das einzig Nötige ist, dass jeder daran glaubt, dass jeder andere daran glaubt, dass er über einen Wert verfügt.

Diese Art des Denkens nennt sich “pluralistische Ignoranz” und beschreibt Umstände, in denen es für jeden legitim ist, ignorant zu sein. Allgemein ist dies eine grauenhafte Situation, jedoch wird sie verbreitet beim Börsenhandel ausgeübt – niemand macht sich wirklich Gedanken darüber, ob die Aktie über einen Grundwert verfügt, sondern nur darüber, dass sie steigen kann, wenn die Menschen daran glauben, dass jeder andere daran glaubt, dass sie über einen Wert verfügt und dass sie fallen kann, wenn jeder andere glaubt, dass sie keinen hat – und dass beide Situationen genutzt werden können, um daraus Profit zu schlagen. In unserem Modell der sozialen Medien bedeutet dies den Austausch von Likes für Respekt, Status, Anerkennung, Einfluss oder eine ähnliche Vorstellung von sozialem Kapital.

Wie findet man die “Like”-Händler

Es ist einfach sie online aufzuspüren, jetzt, wo die Monetarisierung der sozialen Medien begonnen hat. Politische oder kommerzielle Initiativen, die um üppige Beiträge von Investoren bitten, sind einfach zu finden. Die sogenannten “Like-Farms” – Posts, die ein Like fordern, stellen einfach zu beantwortende Fragen, spielen mit unserer Neugier (“Du wirst niemals glauben, was als nächstes passieren wird!”) oder Schadenfreude (“Klicke hier, um das Versagen ihres Kleiderschrankes anzusehen!”) oder mit unseren Emotionen, ob durch Kinder in Not oder süße Katzen. Die Bewertungen von Webseiten und Firmen wie Buzzfeed oder Upworthy basieren auf diesem Verhalten.

Hüten Sie sich vor der Erwartung einer schnellen Rendite in Bezug auf soziales Kapital, Ruhm, Respekt, Einfluss, Ansehen, Sympathie oder Geld und ebenso vor den Krachmachern – Trollen und anderen Formen entgleisenden Marktverhaltens. Beachten Sie auch die Art, in der Onlineplattformen konfiguriert sind – mit sozialen Marktplätzen, die Like-Farms ermöglichen. Halten Sie Ausschau nach den Zügen, auf die Zuschauer aufspringen und den Anstieg der Likes und Tweet-Weiterleitungen, die bestimmte Posts, Seiten, Bilder oder Anliegen zu einem viralen Phänomen werden lassen und der Beginn einer Blase sein könnten.

Nehmen Sie die Dinge, bei denen Sie täglich auf Like klicken nicht auf die leichte Schulter, nur weil die einzelne Investition einer Meinung wenig kostet. Wenn sie jedoch zusammengenommen werden, ist das soziale Signal durch viele Likes signifikant und kann Menschen dazu führen ihr Verhalten und ihre Meinungen zu verändern. Solche Meinungswellen, Trittbrettfahren, Medienpräsenz und die Vereinigung mit der sozialen Bestätigung durch derart viele Likes können eine enorme Macht haben – und wie bei den Finanzmärkten existiert diese Macht unabhängig davon, ob es irgendeinen Grundwert gibt.

Die Gefahr der Social-Media-Blase ist, dass die Wahrheit nicht viral gehen könnte, während dass viral Umhergehende nicht wahr sein könnte. Wenn Popularität die einzige Währung ist, die zählt, dann haben Onlineblasen die Macht nicht nur Finanzmärkte zu schädigen, sondern auch die Richtung zu bestimmen, die Gesellschaft und Demokratie nehmen. Lassen Sie uns nicht in der Mitte der Blase sein, wenn sie platzt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “online-internet-icon-symbole” by geralt (CC0).


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Vincent F. Hendricks

Vincent F. Hendricks

ist Professor für formale Philosophie an der Universität von Kopenhagen in Dänemark. Außerdem ist er Elite-Forscher des dänischen Staates und Direktor des Zentrums für die Carlsberg-Stiftung „Information and Bubble Studies“.

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