The Intercept ermöglicht erweiterten Zugriff auf Snowden-Dokumente

Die investigative News-Plattform The Intercept verfügt über das komplette Archiv der von Whistleblower Edward Snowden geleakten Dokumente. Nun werden größere Mengen dieser Dokumente per Internet zugänglich gemacht. Chefredakteur Glenn Greenwald erklärt, wieso er einen möglichst breiten Zugriff auf die Original-Dokumente befürwortet, aber auch dafür ist, dass diese Dokumente zuvor durchgesehen und verantwortungsbewusst redigiert werden. Diese Herangehensweise ist vorbildlich in der heutigen Zeit.

The Intercept veröffentlicht Dokumenten-Sammlung

Glenn Greenwald, Gründer und Chefredakteur von The Intercept – und für seine mutigen, detaillierten Reportagen über Überwachungsthemen ebenso bekannt wie für seine Mitteilsamkeit in Diskussionen innerhalb und außerhalb sozialer Medien – veröffentlichte kürzlich eine Ankündigung, nach der die Website in nächster Zeit große Mengen an bisher unveröffentlichten Dokumenten aus dem Snowden-Leak online stellen wird.

SIDtoday: NSA-Newsletter von bedeutend bis beschämend

Den Anfang machen bei der Veröffentlichung zahlreiche Ausgaben des internen NSA-Newsletters SIDtoday. Die ältesten bereits online gestellten Ausgaben sind auf das Jahr 2003 datiert (und damit zeitlich noch recht nah an den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 mit ihren weitreichenden Auswirkungen auf die Sicherheitspolitik). Insgesamt sollen die Dokumente, die chronologisch in mehreren großen „Paketen“ veröffentlicht werden sollen, über zehn Jahre umfassen. Greenwald beschreibt die in „SIDtoday“ behandelten Themen folgendermaßen:

Die […] Dokumente decken ein weites Feld ab: von ernsthaften, detaillierten Reportagen über streng geheime NSA-Programme bis hin zu flotten, trivialen Ausführungen über Ausflüge und Urlaube der Analysten und vieles dazwischen. Viele sind eigennützig und prahlerisch, darauf ausgerichtet, Budgets zu rechtfertigen oder Vorgesetzte zu beeindrucken. Andere beinhalten offensichtliche Fehler oder gedankenlose Wiederholungen öffentlich zugänglicher Quellen. Aber manche SIDtoday-Artikel waren die Grundlage für bedeutende Enthüllungen aus dem [Snowden-]Archiv.

Im Einklang mit Snowdens Wünschen

Die neue Veröffentlichungsstrategie steht im Einklang mit den Wünschen des Whistleblowers Edward Snowden. Dieser hatte von Anfang an zwei Bedingungen für die Weitergabe der Dokumente geäußert: Die Dokumente sollten zusammen mit sorgfältig recherchierten journalistischen Berichten veröffentlicht werden, die den Kontext liefern und die Informationen für die breite Öffentlichkeit verständlich machen sollten. Zudem musste sichergestellt werden, dass das Wohlergehen und die Reputation Unbeteiligter geschützt werde.

Redigieren zum Schutz Unbeteiligter: Verantwortung wird groß geschrieben

Im Einklang mit Snowdens Wünschen hat das Team von The Intercept die Dokumente vor der Veröffentlichung sorgfältig redigiert. So soll insbesondere verhindert werden, dass Unbeteiligte, die (aus welchen Gründen auch immer) zum Ziel der NSA-Überwachung wurden, durch die Veröffentlichungen eine Schädigung ihres Rufs oder ihrer Privatsphäre erleiden. Aber auch rangniedere Beamte sollen geschützt werden. Wie genau die Dokumente für die Veröffentlichung vorbereitet wurden, ist in einem weiteren, detaillierten Artikel bei The Intercept nachzulesen.

Alle können sich beteiligen

Durch die Veröffentlichung der Originaldokumente können sich nun alle Journalisten sowie interessierte Bürger-Journalisten und Blogger an der Analyse der SIDtoday-Ausgaben beteiligen. So können sie nicht nur zusätzliche Hintergründe und Details zu bereits bekannten Stories herausarbeiten, sondern womöglich auch eigene relevante Stories entdecken, die den Augen der Intercept-Journalisten bisher entgangen sind. Vier Augen sehen mehr als zwei, so heißt es – und die Augen so vieler kompetenter Journalisten sehen womöglich noch mehr. So profitieren nicht nur die Medienschaffenden vom freien Zugang zu den Dokumenten, sondern vor allem auch die Öffentlichkeit, die umfassend und aus vielen verschiedenen Perspektiven über diese wichtige Thematik informiert wird. Besonders Interessierte können sogar nach Lektüre der entsprechenden Artikel die zugrunde liegenden Original-Dokumente selbst lesen und sich so selbst ein Bild machen, fernab aller Meinungsmache und absichtlichen oder unabsichtlichen Beeinflussung.

Ein Vorbild für den Journalismus im 21. Jahrhundert

Mit ihrer Vorgehensweise verhalten sich die Journalisten von The Intercept vorbildlich. Sie zeigen, dass sich der Zugang zu Quellen und Original-Materialien und der verantwortungsvolle Schutz von Unbeteiligten keineswegs ausschließen müssen, Einsatz und Augenmaß vorausgesetzt. So entlarven sie die Vorwürfe, bei Leaks würden die Beteiligten über Leichen gehen und sensible Materialien völlig ungeprüft in die freie Wildbahn entlassen, als Strohmann-Argumente derer, die allzu gerne den Mantel des Schweigens über so manche rechtswidrige Kompetenzüberschreitung staatlicher Behörden decken wollen. Nicht nur die Whistleblower verdienen unseren Respekt, sondern auch diejenigen, die ihnen beim Gang an die Öffentlichkeit zur Seite stehen, die geleakten Dokumente aufbereiten und erklären. Nicht zuletzt müssen sie die schwierige Entscheidung treffen, bei welchen Dokumenten und Informationen das Interesse der Öffentlichkeit gegenüber den Beteiligten überwiegt. Sie alle verdienen Anerkennung für diese schwierige und wichtige Arbeit. Die Mitarbeiter von The Intercept zeigen, wie Journalismus im Informationszeitalter, rund zehn Jahre nach der Gründung von WikiLeaks, aussehen kann. Lassen wir uns von diesem Vorbild inspirieren.


Image (adapted) „Protection for Snowden“ by greensefa (CC BY 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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