Snapchat: Vom Reiz des Augenblicks zum Untergang

Als Snapchat im Jahr 2011 auf den Markt kam, war seine Kurzlebigkeit das Alleinstellungsmerkmal. Die Idee, die Foto- und Videobotschaften direkt wieder zu löschen, war ein krasser Gegensatz zu den etablierten Social-Media-Plattformen, die die Nutzer dazu dazu bringen wollten, Profile mit haufenweise Inhalten zu erstellen. Verschwundene „Snaps“ mögen anfangs als diskrete Art des Sextings an Zugkraft gewonnen haben, aber ihre Kurzlebigkeit entpuppte sich als attraktiv.

Die Benutzer haben Snapchat als eine Möglichkeit verstanden, die unbedeutenden, albernen, alltäglichen oder einfach weniger ausgefeilten Momente des Alltagslebens zu teilen. Augenblicke, die nicht als Instagram-, Twitter- oder Facebook-würdig gelten, können als flüchtige Snaps geteilt werden. Snapchat-Mitbegründer Evan Spiegel dazu:„Bei Snapchat geht es nicht darum, den traditionellen Kodak-Moment für das Fotoalbum festzuhalten. Es geht um die Kommunikation mit der ganzen Bandbreite menschlicher Emotionen – nicht nur mit dem, was schön oder perfekt zu sein scheint.“

Für Snapchat sah es lange recht vielversprechend aus. Im Jahr 2013 stellte das Unternehmen Snapchat Stories vor, eine Montage von Snaps, die gleichzeitig über die gesamte Kontaktliste des Nutzers für einen Zeitraum von 24 Stunden ausgestrahlt wird. Im folgenden Jahr folgte die Einführung von Snapchat-Werbung, die es den Unternehmen ermöglichte, die wachsende Nutzerbasis der App zu erreichen und Snapchat mit einer wachsenden Einnahmequelle auszustatten. Snapchat war so zuversichtlich, dass es das Übernahmeangebot von Facebook in Höhe von drei Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 ablehnte.

Trittbrettfahrer

Erfolg sorgt für Nachahmer. Im Jahr 2016 veröffentlichte Instagram, das inzwischen Facebook gehört, sein eigenes Stories-Feature, das die Funktionalität von Snapchat Stories widerspiegelt. Facebook selbst kam im Jahr 2017 mit einer eigenen Stories-Funktion dazu. Die Entstehung solcher Nachahmungsmerkmale hat natürlich Fragen über die Langlebigkeit von Snapchat aufgeworfen.

Snapchats monatliche Wachstumsrate der aktiven Nutzer sank von 17,2 Prozent pro Quartal Mitte 2016 auf nur fünf Prozent zu Beginn dieses Jahres. Der Aktienkurs ist von einem Höchststand von mehr als 27 US-Dollar gesunken und notiert jetzt unter seinem Börsenkurs von unter 15 US-Dollar. Instagram Stories hat jetzt jeden Tag 250 Millionen Benutzer – das sind deutlich mehr als die 166 Millionen bei Snapchat. Wie können Social-Media-Plattformen also ihre Nutzerbasis halten, wenn ihr Hauptverkaufsargument anderswo nachgeahmt wird?

Anbindung

Meine jüngste Arbeit, die in Zusammenarbeit mit den britischen Wissenschaftlern Mike Molesworth und Janice Denegri-Knott entstanden ist, argumentiert, dass die Langlebigkeit vieler Social-Media-Plattformen auf das zurückzuführen ist, was wir als „Consumer Ensnarement“ bezeichnen. Im Gegensatz zu Snapchat regen die meisten Social-Media-Plattformen die Nutzer dazu an, kontinuierlich Inhalte hochzuladen, die Teil eines dauerhaften Profils werden. Dabei schaffen die Nutzer gleichzeitig die Plattform und binden sich daran an.

Werfen wir nun einen Blick auf Facebook. Seit vielen Jahren wird spekuliert, dass die Nutzer, insbesondere jüngere Altersgruppen, die Plattform bald verlassen würden, was aber nicht eingetreten ist. Das Unternehmen hat sich gegen Layout- und Funktionalitätsänderungen, Datenlecks und die zunehmende Kommerzialisierung durchgesetzt und behält dennoch täglich 1,32 Milliarden aktive Benutzer. Im Juli 2017 meldete Facebook einen Quartalsumsatz von insgesamt 9,32 Milliarden US-Dollar, 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zukunft für Facebook scheint noch heller zu sein.

Die Langlebigkeit von Facebook ist zum Teil auf den Wert zurückzuführen, den die Nutzer den hochgeladenen Inhalten beimessen, die teils sehr aufwändig kommentiert und gestaltet werden. Der Social-Media-Riese ermuntert die Nutzer, Fotos und Videos hochzuladen und zu „taggen“, in aussagekräftigen Alben zu organisieren und aktuelle Informationen in Form von Status-Updates bereitzustellen. Dieser Inhalt ist für den Nutzer insgesamt von großem Wert.

Und tatsächlich ist es so, obwohl wir nur selten darüber nachdenken und es vielleicht nicht zugeben mögen, dass unsere Facebook-Profile zu wichtigen digitalen Besitztümern geworden sind. Ohne dass wir dies wollten, sind sie zu digitalen Sammelalben geworden. Nach all den Jahren der Updates erinnern sie an wertvolle Momente und erzählen einen Teil unserer Leben.

Dadurch entsteht eine neue Form der „Einschließung“, bei der die Nutzer nicht an Markentreue, sondern an eigene Uploads gebunden sind. Je mehr Zeit und Mühe die einzelnen Personen in ihre Profile investieren, desto schwieriger wird es für sie, die Plattform zu verlassen. Wenn eine solche Verknüpfung für den kommerziellen Erfolg und die Langlebigkeit von Social-Media-Unternehmen entscheidend ist, was bedeutet das für Snapchat?

An den Snappern festhalten?

Verschwundene Schnappschüsse lassen kein digitales Sammelalbum voller hochgeladener Inhalte entstehen. Abgesehen von den Kontakten, die auf anderen Plattformen neu erstellt werden müssten – was hinterlässt der Benutzer, wenn er Snapchat aufgibt? Wie kann Snapchat ohne die Einschnürungsmechanismen, die Verbraucher an konkurrierende Plattformen binden, verhindern, dass die Nutzer-Basis von Snapchat genauso schnell verschwinden wie die Snaps selbst?

Snapchat könnte sich darauf konzentrieren, neue, eigenständige Funktionen zu entwickeln, die einen Wettbewerbsvorteil bieten. Dennoch haben wir in den letzten Jahren mehrfach erlebt, dass Innovationen im Bereich Social Media schnell nachgeahmt werden. Die wiederholte Nachahmung von Konkurrenten durch Facebook behindere die Innovationsfähigkeit des Marktes.

In der Tat hat Facebook nicht nur die Stories-Funktion von Snapchat nachgebaut, sondern vor kurzem sogar auch die Einführung von Filtern angekündigt, die die lustigen Linsen von Snapchat nachahmen – ein weiteres Merkmal der Plattform. Ohne Mechanismen der Verankerung sind weitere Innovationen kein Garant für zukünftigen Erfolg mehr.

Eine Möglichkeit besteht in der Snapchat-Funktion „Memories“, die Mitte 2016 eingeführt wurde. Im Gegensatz zum anfänglichen Fokus der App auf flüchtige, verschwundene Snaps ermöglicht Memories den Benutzern, ihre Snaps zu behalten, Snaps in der App zu speichern oder sie auf ihr Profil herunterzuladen.

Snapchat Memories erstellt eine andere Art von digitalen Scrapbooks. Während andere Plattformen es uns ermöglichen, uns an die ausgefeilten Versionen unseres Lebens zu erinnern, die auf Facebook und Instagram präsentiert werden, kann eine Montage von Snaps die Teile unseres Lebens festhalten, die sonst herausgeschnitten würden – die dummen, alltäglichen, nicht auf Hochglanz polierten, aber dennoch wichtigen und wertvollen Momente.

Wenn man nun Snaps herunterladen kann, stellt sich die Frage, wie die Plattform die Snapper dazu ermutigen kann, diese digitalen Scrapbooks in den Apps zu erstellen und mit ihnen zu interagieren? Das wirkliche Potenzial von Snapchat Memories liegt in „intelligenten“ Funktionen, die die Interaktionen der Benutzer mit ihren Inhalten bereichern. Die Nutzer können nicht nur nach Stichworten, sondern auch nach bekannten Objekten suchen und erhalten eine Sammlung von Snaps, die an ihrem aktuellen Standort aufgenommen oder in früheren Jahren am selben Datum gepostet wurden (Facebook-Funktion „An diesem Tag“). Diese Funktionen haben eine begrenzte Aufmerksamkeit erlangt, die teilweise durch den späteren Launch von Instagram Stories überschattet wurde, jedoch bieten solche Funktionen einen Mehrwert bei der Speicherung von Inhalten innerhalb der App selbst und erleichtern die Art der Einbindung durch Wettbewerber des Konzerns.

Kurzlebigkeit mag die Ursache für den frühen Erfolg von Snapchat gewesen sein. Dass die App aber in der Lage ist, ein ehrliches, unvollständiges und dauerhaftes Bild vom Leben seiner Nutzer einzufangen, dürfte vielleicht die beste Hoffnung auf Überleben darstellen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Smartphone“ by TeroVesalainen (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Rebecca Mardon

Rebecca Mardon

ist Dozentin im Bereich Marketing an der Cardiff Business School. Ihre Forschung konzentriert sich unter anderem auf digitale Marketing-Ethik und ist in internationalen Fachzeitschriften erschienen, darunter das Journal of Marketing Management, das Journal of Consumer Culture und das Journal of the Association for Consumer Research.

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