Snapchat kann verändern, wie wir uns erinnern

Die sozialen Medien haben sich verändert. Nach zehn Jahren der Nutzung geht es in unseren Facebook-, Twitter- oder Instagram-Profilen nicht mehr nur um den aktuellen Moment oder um schnelle Verbindungen. Statt einfach unsere momentanen Gedanken und Erlebnisse zu verbreiten, sind diese Plattformen zu einem biografischen Archiv unserer Leben geworden, indem sie unsere Fotos speichern und aufzeichnen, wo wir waren und mit wem. Das Resultat dieses Archivierens ist, dass die sozialen Medien nunmehr eine neue Rolle in der Art und Weise, wie wir uns an Dinge erinnern, einnehmen.

Selbst die flüchtigste aller Social-Media-Plattformen, Snapchat, wird mit dem Start seines neuen Features nun Teil des Archivierungsprozesses. Bis jetzt war Snapchats Alleinstellungsmerkmal, dass die gesendeten Bildnachrichten innerhalb von Augenblicken nach dem Senden wieder verschwanden. Mit der neuen Funktion ist es jetzt möglich, „eine persönliche Sammlung Ihrer Lieblingsmomente“ (also Archivbilder, die mit dem Smartphone aufgenommen wurden) aufzubauen, die privat gehalten oder geteilt werden kann.

Der Soziologe Mike Featherstone argumentierte, dass der Mensch einen mächtigen Impuls zum Archivieren habe. Dies sehen wir sogar in der Geschichte des modernen Staates, der heute große Mengen an Informationen über das Leben der Menschen einfangen und sammeln möchte. Smartphones und das Internet bedeuten, dass wir diesem Drang nun innerhalb unseres alltäglichen Lebens gerecht werden können.

Wenn wir uns also mehr und mehr auf die sozialen Medien verlassen, um unsere Erinnerungen zu archivieren, wie wird dies verändern, wie wir uns erinnern? Mit der Zeit werden immer mehr Leben in diesen Profilen festgehalten werden. Wenn wir uns unserer Leben erinnern wollen, und der Leben derer, mit denen wir verbunden sind, werden wir uns unvermeidlich an die Daten wenden, die in diesen Archiven der sozialen Medien gespeichert sind. Unsere Erinnerungen könnten dann dadurch geformt werden, wie wir uns entschieden, in unseren sichtbaren Social-Media-Profilen zu teilen – oder in weniger zugänglichen Orten, die durch unsere Privatsphäre-Einstellungen geregelt werden (wie es in der Erinnerungen-Funktion möglich ist).

Featherstone argumentierte außerdem, dass ein Archiv – als ein Ort, an dem Dokumente gesammelt und klassifiziert werden – „ein Platz für das Kreieren und Überarbeiten von Erinnerungen sei. Was wir in unsere Social-Media-Profile stecken und wie wir es klassifizieren, wird dann formen, an was sich erinnert und wie auf diese Erinnerungen zurückgegriffen wird. Zum Beispiel beeinflussen die Tags und Labels, die wir unseren online gespeicherten Medien zufügen, wie wir uns an diese Gegebenheit und die Menschen, die dabei waren, später erinnern werden. Unsere Social-Media-Profile sind gefilterte Versionen unserer Leben, die eine verwaltete Rolle wiederspiegeln, sodass von der Erschaffung eines Archivs auszugehen ist, das bestimmte Typen favorisierter Erinnerungen enthalten wird, die dieser Rolle entsprechen.

Social Media über die Vergangenheit

Da wir uns zunehmend auf die sozialen Medien als Archiv verlassen, wird sich die Art und Weise, wie wir ihnen Inhalte hinzufügen, unvermeidlich ändern. Wir werden nicht mehr nur im Moment posten, sondern immer auch ein Auge auf die Zukunft haben. Wir werden darüber nachdenken, wie unsere Inhalte rezipiert werden, und uns vorstellen, wie es als Grundlage dienen wird, wenn wir von einem unbekannten Punkt in der Zukunft aus auf unsere Vergangenheit zurückschauen möchten. Wir würden beispielsweise über unseren Urlaub in einer Art und Weise posten, wie wir uns wünschen, eines Tages darauf zurückblicken zu wollen. Es wird verändern, wie wir die sozialen Medien nutzen, um einen Moment oder eine Zeitspanne in unserem Leben speichern.

Gelöbnis an die Zukunft“. Wir fällen Urteile darüber, was wir einschließen und mit welchen Tags wir Dinge versehen wollen, basierend darauf, wie wir uns vorstellen, dass es in Zukunft genutzt werden wird. Wenn die Leute also Snapchat oder ähnliche Services nutzen, dann werden sie die Inhalte basierend auf einer Vision davon gestalten, wie sie sie in der Zukunft zum Wecken von Erinnerungen werden nutzen wollen.

Dieser Einsatz der sozialen Medien für das Erinnern – mit unseren Profilen als individuelle und kollektive Archive unserer Leben – bedeutet, dass die kreierten Inhalte unsere zukünftigen Erinnerungen formen werden. Diese Erinnerungen werden durch die Wahl, die wir darüber treffen, was wir in unsere Profile einfügen, erschaffen und bearbeitet. Sie stellen außerdem ein Produkt dessen dar, wie wir uns diese Denkmalsetzung für die Zukunft vorstellen. Sozialen Medien mag es um das Teilen unserer Leben und um das Verbinden mit Netzwerken gehen, doch diese neuen Funktionen bedeuten, dass sie eben auch auf einem „Gelöbnis“ an zukünftige Erinnerungen basieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Snapchat“ by Maurizio Pesce (CC BY 2.0)


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David Beer

David Beer

ist Lektor in Soziologie an der Universität von York in Groß Britannien. Sein neues Buch "Metric Energie" wird im August 2016 veröffentlicht. Außerdem brachte er das Taschenbuch der populären Kultur und neue Medien „Die Politik der Circulation“ heraus.

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