Wie funktioniert der Journalismus am Handgelenk?

Als die Apple Watch angekündigt wurde, haben nicht nur viele Medien den Hype mitgetragen – sondern sind auch direkt mit eigenen Nachrichten-Apps für die Smartwatch angetreten. Wie sehen die Konzepte aus und wie gut funktionieren die News am Handgelenk? Zwei Herangehensweisen kristallisieren sich bei den Medien heraus. Erstens, die Pflichtversion: Die Watch-App deckt einfach den Kanal “Smartwatch” ab und dient als Filterwerkzeug, mit dem der Nutzer sich hauptsächlich seine Artikel für das Smartphone vorsortieren kann. Zweitens, die spannende Kür: Die App versucht mit angepassten Inhalten der Smartwatch-Nutzung gerecht zu werden und zeitgleich die Verbindung zur Smartphone-App herzustellen.

Ein weiterer Nachrichtenkanal

Allen Nachrichten-Apps gemein: Die Push-Benachrichtigungen funktionieren anstandslos. Außerdem gilt auch das grundsätzliche Konzept aller Anwendungen auf der Apple Watch: Die Uhr spielt dem Smartphone zu. Alle Medien-Apps bieten dafür das Handoff-Feature an: Ist ein Artikel auf der Watch geöffnet, wird auf dem Sperrbildschirm des iPhone das entsprechende App-Symbol angezeigt. Durch Hochstreichen lässt sich dann die Komplettversion des Artikels auf dem Smartphone öffnen.

Die Ladezeiten beim Öffnen sind bei nahezu allen Apps noch immer eine Spur zu lang. Besonders beim Starten der App dreht sich der Ladekreis unangenehm lang. Ein grundsätzliches Problem der Watch, denn die eigentliche Arbeit macht das iPhone – und die Inhalte müssen dann erstmal an die Uhr übertragen werden. Trotzdem gibt es unter den Apps einen (gefühlten, nicht gestoppten) Spitzenreiter: Die minimalistische App des Guardian. Die meisten Watch-Apps setzen auf weißen Text auf schwarzem Grund, das ist angenehm für den Kontrast –und spart stromfressende weiße Pixel.

Die Pflicht: Zeit Online, Süddeutsche Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung hat sich gegen den allgemeinen Trend zum dunklen Hintergrund entschieden und bietet stattdessen schwarzen Text auf weißem Grund. Die Schriftart ist sowohl die kleinste als auch schmalste – und damit die größte Herausforderung für die Augen. In Sachen Lesbarkeit hinkt die schlichte App der SZ damit klar hinterher. Mit einem Tippen auf das Stern-Symbol unten rechts lassen sich Artikel für die iPhone-App vormerken. Mit einem festen Druck aufs Display (Force Touch) kann der Kompakt-Modus aktiviert werden, dann werden nur noch die Bilder und Überschriften angezeigt.

Die Watch-App von Zeit Online ist ebenfalls relativ unspektakulär gehalten und erfüllt ihre Aufgabe relativ leidenschaftslos: Den Ausspielweg Apple Watch abdecken und auf die iPhone-App verweisen. Bei einigen Artikeln fehlt das Artikel-Bild, die Force Touch-Geste wird gar nicht unterstützt. Stattdessen findet sich am Ende jedes der zehn Artikel der Hinweis auf die Handoff-Funktion: “Sie können diesen Artikel jetzt auf Ihrem Smartphone lesen”.

Im Mittelfeld: Spiegel Online, Buzzfeed News

Die App von Spiegel Online bietet als eine der wenigen Watch-Apps den Nutzern eine echte Wahlmöglichkeit, welche Inhalte sie sehen möchten. Beim Öffnen der App lassen sich entweder das Wichtigste, das Neueste oder die Leser-Favoriten anzeigen. Die App kann sich die Auswahl entweder dauerhaft merken oder bei jedem Öffnen erneut abfragen. Danach zeigt sich die App in der gewohnten Spiegel-Online-Optik aus breitformatigem Artikelbild, roter Themen-Überschrift und kurzem Teasertext.

Buzzfeed News hat sich bei seiner App für einen endlosen und vertikalen Nachrichten-Stream entschieden, der stark an die Watch-App von Twitter erinnert. Wird auf die einzelnen Nachrichten getippt, gibt es den selben Inhalt noch einmal: Nur mit den zusätzlichen Möglichkeiten, den Text in die Lese-Liste aufzunehmen und dem Thema (z.B. US Politics) nicht mehr zu folgen. Ähnlich wie bei den Push-Benachrichtigungen der Smartphone-App setzt Buzzfeed damit auf personalisierte Inhalte.

Die Kür: New York Times, The Guardian

Die New York Times hat sich bei ihrer schlichten Watch-App ein Ziel gesetzt: “Den Nutzer auf den Nachrichtenstand zu bringen, bevor ihr Arm müde wird.” Und das gelingt der New York Times mit den One-Sentence-Stories: Die Ultrakurz-Nachrichten haben noch weniger Zeichen als ein Tweet. Dabei werden keine Artikel-Überschriften kopiert, sondern Nachrichten auf die Quintessenz komprimiert. Viele One-Sentence-Stories passen somit vollständig auf das 38 Millimeter kleine Display – und können somit ohne scrollen gelesen werden. Die Ein-Satz-Geschichten entsprechen am ehesten der realistischen Watch-Nutzung im Alltag. Und wer mehr braucht, kann das Smartphone rausholen. Acht bunt gemischte Themen geben den Überblick, dann ist Schluss.

Das Watch-Konzept beim britischen The Guardian ist das mutigste: Statt viel Auswahl und Überblick zu bieten, entscheidet die App sich jedes Mal für genau einen Artikel, der bei jedem Öffnen der App gewechselt wird. Kein Scrollen, kein Wischen.

 

Dafür hat das Visuelle beim Guardian mehr Aufmerksamkeit bekommen: Stärker als bei anderen Apps weiß der Nutzer, wo er gerade liest: Die Optik der App hält sich mit dem Farbschema und Layout sehr nah an der Guardian-Optik – und hebt sich damit angenehm vom üblichen Watch-Schema “Weißer Text auf schwarzem Grund” ab, ohne an Lesbarkeit einzubüßen. Außerdem ist die Guardian-App die Einzige, die Werbung ausspielt – beispielsweise einen schmalen Ebay-Banner über den Empfehlungen am Wochenende.

Das Fazit:

Die Journalismus-Apps auf der Apple Watch zeigen deutlich, wie unterschiedlich die Medien das Potenzial und die Bedeutung der Apple Watch einschätzen. Dem Nutzer begegnet momentan die ganze Bandbreite: Von sehr schlichten bis zu sehr aufwendigen, durchdachten Anwendungen. Auch ein halbes Jahr nach Veröffentlichung steht aber noch nicht fest, inwiefern die Smartwatch aus Cupertino überhaupt Verbreitung findet und damit ein relevanter Kanal für die Medienhäuser wird. Somit steht ebenfalls noch aus, ob die schlichten Apps im Vergleich negativ auffallen oder sich die aufwendig entwickelten Watch-Apps tatsächlich lohnen werden.


Teaser & Images by Sandro Schroeder


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Sandro Schroeder

Sandro Schroeder

ist freier Journalist und fühlt sich im Digitalen wohl - und noch wohler, wenn sich beides verbinden lässt.

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