Macht dich dein Smartphone schüchtern?

Während der drei Jahre, die ich damit verbracht habe, über Schüchternheit zu recherchieren und zu schreiben, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen die über die Beziehung zwischen Schüchternheit und Technologie. Lassen das Internet und das Handy unsere Sozialkompetenzen verkümmern? Dies höre ich oft von Eltern schüchterner Jugendlicher, die sich darum sorgen, dass ihre Kinder mehr Zeit mit ihren Geräten als mit Gleichaltrigen verbringen.

Diese Sorge ist nicht neu. Auf der ersten internationalen Konferenz über Schüchternheit, die in Wales im Jahr 1997 von der Britischen Psychologischen Gesellschaft organisiert wurde, übernahm Philip Zimbardo, der als Psychologieprofessor in Stanford tätig war, die Rolle als Hauptredner. Er beobachtete, dass die Zahl der Menschen, die sich selbst für schüchtern halten, von 40 Prozent auf 60 Prozent gestiegen ist, seit er in den 1970ern eine Studie über Schüchternheit begonnen hatte. Dafür machte er neue Technologien wie E-Mail, Handys und sogar Geldautomaten, die den „sozialen Klebbstoff“ des gelegentlichen Kontakts gelöst haben, verantwortlich. Er befürchtete das Eintreffen einer „neuen Eiszeit“ der Nicht-Kommunikation, bei der es leicht möglich wäre, einen ganzen Tag zu durchleben, ohne mit jemandem zu sprechen. 

Manche von Zimbardos Ängsten haben sich bewahrheitet. Schaut man sich heutzutage an einen öffentlichen Ort um, fällt auf, dass jeder in sein Tablet oder Smartphone versunken zu sein scheint. Die Zunahme von Einsamkeit und sozialer Phobie ist ein Widerhall auf die Arbeiten von Soziologen wie Robert Putnam, John Cacioppo und Sherry Turkle

Sie argumentieren, dass individualisiertes Konsumverhalten uns voneinander isoliert und uns günstige technische Lösungen verkauft, um den Schmerz zu lindern. Wir verlassen uns zunehmend auf Dinge, die Turkle „gesellige Roboter“ nennt –  so dient beispielsweise Siri, der digitale iPhone-Assistent, als Ersatz für Vertraute aus Fleisch und Blut. Sogar wenn wir Zeit mit anderen verbringen, sind wir halb woanders und abgelenkt durch Technologie – wir sind „zusammen allein“, wie Turkle es formuliert.

Und trotzdem kann dieses Gefühl des Alleinseins in Gesellschaft nützlich für schüchterne Menschen sein, die sich durch die Technologie in neuen Wegen ausdrücken können.

Auf eine andere Art sozial 

Schüchterne Menschen sind nicht notwendigerweise unsozial; sie sind nur anders sozial. Sie lernen, ihre Geselligkeit zu regulieren und kommunizieren auf indirekte oder eher sprunghafte Art und Weise. Mobiltelefone ermöglichen es ihnen, Kontakte zu knüpfen, ohne in persönlichen Situationen in Verlegenheit zu geraten.

Als Nokia Mitte der 1990er die SMS einführte, schien dies eine eher primitive Technologie zu sein – ein zeitaufwendiger, energieineffizienter Ersatz für Gespräche. Aber die SMS-Nachrichten kamen vor allem bei den finnischen Jungen gut an, weil es eine Möglichkeit war, mit Mädchen zu reden, ohne dass die Botschaft durch schamhaftes Erröten oder Sprachlosigkeit beeinträchtigt wurde.

Die beiden Soziologen Eija-Liisa Kasesniemi und Pirjo Rautiainen fanden heraus, dass finnische Jungen, obwohl sie Mädchen kaum erzählen würden, dass sie Gefühle für sie hegten, bis zu einer halben Stunde täglich damit verbrachten, eine romantische Textnachricht zu verfassen. Außerdem entdeckten sie, dass eher Jungen ein „Ich liebe dich“ auf Englisch als auf Finnisch schrieben, weil sie es leichter fanden, ihre starken Gefühle in einer anderen Sprache auszudrücken.

Bella Ellwood-Clayton, die sich ebenfalls wissenschaftlich mit der Handy-Kultur auseinandersetzt, hat bewiesen, dass auch auf den Philippinen die Textnachricht einem ähnlichen Zweck diente. Die philippinischen Liebesrituale sind traditionsgemäß zurückhaltend und ein wenig verworren, mit aufwändigen Bräuchen wie Neckereien (tuksuhan) unter gemeinsamen Freunden oder die Nutzung eines Vermittlers (tulay, das wörtlich übersetzt „menschliche Brücke“ bedeutet) zwischen potenziellen Partnern. Das Handy erlaubte jungen Filipinos, diese aufwendigen Routinen zu umgehen und somit kein Risiko eingehen zu müssen, sondern sich selbst mithilfe von Textnachrichten erproben zu können.

Dies ist immer der Fall, wenn Handys ins Spiel kommen: Eine Textnachricht kann diejenigen Mut zusprechen, die mit ihren Daumen geschickter sind als mit dem Mund. Das Geräusch, das eine Textnachricht ankündigt, ist zudem weniger aufdringlich als ein Telefonklingeln. Wir werden nicht völlig überrollt oder müssen sofort antworten, sondern können uns Zeit nehmen, die Nachricht zu verarbeiten und uns eine Antwort überlegen.

Das Schüchternheitsparadoxon

Was die sich abzeichnende „soziale Eiszeit“, die durch die Technologie erschaffen wurde, betrifft, stellte Zimbardo diese Behauptung bereits vor dem Aufstieg von sozialen Netzwerken und dem Smartphone auf. Diese machten es den Menschen einfach, intime Details ihres Privatlebens im Netz auf eine Art zu offenbaren, die wie das Gegenteil von Schüchternheit wirkt. Befürworter dieser Art von Online-Selbstauskunft nennen diesen Vorgang „radikale Transparenz“.  

Natürlich ist nicht jeder, der soziale Netzwerke nutzt, offen für diese Art der radikalen Transparenz. Manche bevorzugen es, sich hinter Online-Charakteren, Pseudonymen und Avataren zu verstecken. Und diese Anonymität kann außerdem zum Gegenteil von Schüchternheit animieren – schnell wird man übermütig und neigt zu Feindseligkeit und Missbrauch.

Daher ziehen die neuen mobilen und netzorientierten Technologien komplexe Auswirkungen nach sich. Sie verschlimmern unsere Schüchternheit, während sie gleichzeitig helfen, diese zu überwinden. Vielleicht erzählt uns dieses Paradoxon etwas über Schüchternheit. In seinem Buch „The Shock of the Old“ argumentiert der Historiker David Edgerton, dass unser Verständnis von historischem Fortschritt „innovationszentriert“ ist. Wir denken, dass neue Technologien alles zum Guten verändern. Laut Edgerton unterschätzen wir allerdings, wie sehr diese Innovationen gegen die Mächte von Gewohnheit und Trägheit ankämpfen müssen. Mit anderen Worten: Neue Technologien ändern nicht unser Wesen, sie passen sich ihm an.

Genauso verhält es sich mit Schüchternheit. Nach mehr als 150.000 Jahren der Menschheitsgeschichte muss Schüchternheit eine unverwüstliche Eigenschaft sein – ein „sonderbarer Gemütszustand“, wie Charles Darwin es nannte, hervorgerufen durch unsere Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Und trotzdem sind wir soziale Wesen, die sich nach Unterstützung und Anerkennung des Stammes sehnen.

Unser Bedürfnis nach einem Gegenüber ist so stark, dass die Schüchternheit uns einfach dazu bringt, unsere sozialen Instinkte in andere Räume zu übertragen: Die Kunst, die Schrift, E-Mails und Textnachrichten. Und das wäre dann auch meine Antwort für besorgte Eltern schüchterner Jugendlicher. Macht das Handy sie schüchterner? Nein. Denn sie sind zwar schüchtern, aber auch kontaktfreudig, und ihr Handy hilft ihnen, neue Wege zu finden, diesem Widerspruch Ausdruck zu verleihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „iphone“ by relexahotels (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Joe Moran

Joe Moran

ist Professor fr Englisch und Kulturgeschichte an der Liverpool John Moores University in England.

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