Wie dein Smartphone das Kino verändert

Die Smartphone-Technik spielt eine immer größere Rolle in Produktion, Vertrieb und Rezeption von Filmen. In diesem Monat hat der erste Selfie-Film der Welt Premiere und bald erscheint sogar noch eine Serie bei Instagram. Letztes Jahr wurde ein Film namens “Tangerine” beim Sundance Film Festival aufgeführt – der Film wurde komplett auf einem iPhone gedreht.

Der erste Film, der komplett auf einem iPhone gedreht wurde, war “Night Fishing” (2011). Der Regisseur setzte eine 35mm-Linse auf die Kamera seines Handys, um ein kinotaugliche Optik zu erhalten.  “Night Fishing” greift Rahmen und Grundstruktur eines traditionellen Films auf. Er verzichtet dabei auf Eigenschaften, die häufig in Verbindung mit Handyaufnahmen stehen, wie zum Beispiel unstete Bilder, wackelige Kameraschwenks, verzerrter Ton und Übelkeit verursachende Bewegungen.

Zuletzt wurden mit “Tangerine” traditionelle Codes und Regeln des Erzählens, (beispielsweise eine Parallelmontage oder die Benutzung eines Aufsatzes, um ein Breitbildformat zu erreichen) mit neueren handytypischen Eigenschaften verbunden, (wie andauernde Aufnahmen, lange Kamerafahrten und manuelle Kameraarbeit). Das Ergebnis ist eine fesselnde Vertrautheit mit den Figuren und eine einzigartige Bildschirmästhetik – eine ganz neue Kreuzung neuer und alter Methoden filmischen Geschichtenerzählens.

Neue Arten des Sehens

Der Film “Rage” aus dem Jahr 2009 war der erste Feature-Film, der für das Anschauen auf dem Handy konzipiert war und der das Handy symbolisch in den Prozess der Produktion, des Vertriebs und des Konsums eingegliedert hat. Obwohl der Film mit einer konventionellen Videokamera, vom Regisseur höchstselbst gehalten, gedreht wurde, bezieht es das Smartphone doch deutlich in die Entstehung des Films mit ein: Jeder Protagonist redet mit einer fiktiven Person, die die private Unterhaltung mit ihrem Handy filmt. “Rage” wurde sowohl in Kinos gezeigt, als auch als kostenloser Download über “Babelgum” zur Verfügung gestellt, um ihn sich auf dem Handy anschauen zu können.

Die Vorstellung des iPad im April 2010 erweiterte die Möglichkeiten des filmischen Geschichtenerzählens. “The Silver Goat” (2012) war der erste Film, der exklusiv für das iPad kreiert wurde, als eine App in Großbritannien veröffentlicht wurde, die nur auf dem iPad Premiere feierte. Diese fand in einem Londoner Route-Master-Bus statt, der viele Drehorte des Films anfuhr, während die Zuschauer sich das Machwerk gleichzeitig auf ihren iPads ansahen.

Dann wäre da noch ein Film namens “APP” aus dem Jahr 2013, welcher die Zuschauer aufforderte, sich im Vorfeld eine begleitende App mit dem Namen Iris herunterzuladen, um mit dieser während der Kinovorstellung zu interagieren. Ein Horrorfilm, in dem eine App die Kontrolle über den Protagonisten und über die Handys der Zuschauer übernimmt, spielt auf die Konsequenzen unserer zunehmenden Abhängigkeit von Smartphones und die damit verbundene Untergrabung der Privatsphäre an.

“APP” zeigt, wie neue Smartphone-Filme durch das Auswählen der Ereignisse im Drehbuch, des Themas und des Stils die Auswirkungen der durch Computer vermittelten Kommunikation auf unseren Alltag deutlich machen können. Dies ist auch ein aktuelles Thema des Dokumentarkinos, wie es in Werner Herzogs bald erscheinendem Film “Lo and Behold: Reveries of the Connected World” zu sehen ist.

Neue Arten des Filmemachens

Die Konsequenzen der neuen Mobiltechnologien auf unser tägliches Leben wird explizit in dem vor kurzem erschienenen Film “#Starvecrow” behandelt, dem “ersten Selfie-Film der Welt”. Der Film ist eine Mischung aus verschiedenem improvisiertem Material, das ausschließlich auf den Handys der Schauspieler gedreht wurde, mit Protagonisten, die sich selbst und andere mit ihren Kameras filmen. Um Realität mit Fiktion zu verbinden, wurden die Improvisationen mit Material aus Filmgalerien und Handyarchiven der Schauspieler angereichert, sodass mehr als 70 Stunden Filmmaterial entstanden.

Das Ganze wurde dann zusammengefasst und mit weiteren halbgescripteten Szenen verbunden, so dass ein 85 Minuten langer Film daraus entstand. Dieser spezielle Stil sorgt zusammen mit den Themen des Films für eine unbequeme Kinoerfahrung und stellt einen unverfrorenen Kommentar zu der dunkleren Seite der neuen Technologien dar – der Verbreitung von Selbstdokumentation, Selbstüberwachung, Narzissmus und sozialem Voyeurismus.

Heutzutage sorgen die allgegenwärtigen Smartphones dafür, dass das Verhalten einer Generation aufgenommen und für zukünftige Zuschauer öffentlich gemacht wird. Über Social-Media-Kanäle werden Leben geformt, charakterisiert und manchmal durch naives Verhalten und Fehlverhalten zerstört. Die Auswirkungen sind für uns als Gesellschaft noch gar nicht komplett abzusehen.

In allen aufstrebenden Medienformaten reflektieren und veranschaulichen Inhalte und Themen die Werkzeuge ihres Schaffens. Dabei kreieren sie neue Wege des Geschichtenerzählens, neue Produktionsarten und neue Formen des Einbeziehens von Zuschauern. Dadurch werden diese bahnbrechenden und visionären Beispiele der Smartphone-Filme ohne Zweifel einen Platz als bedeutende Innovationen in der Geschichte des Kinos einnehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

The Conversation


Image “Smartphone” by SplitShire (CC0 Public Domain)


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Sarah Atkinson

Sarah Atkinson

ist Dozentin für digitale Kulturwissenschaften am King's College in London. Sie forscht im Bereich des digitalen Storytelling, untersucht den Entstehungsprozess von Filmen und den sich stetig entwickelnden Modellen der Arbeit in transmedialen Produktionen.

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