Das Smartphone, mein Endgegner: Ein Erlebnisbericht.

Seit dem Sommeranfang absolviere ich ein Praktikum bei den Netzpiloten. Meine wichtigsten Gründe waren – und sind es immer noch – mein Interesse an Neuem und natürlich meine Liebe zum Schreiben. Doch jetzt das, meine neue, ganz persönliche Herausforderung. Ich soll über meine Erfahrungen mit dem Smartphone schreiben. Spätestens an dieser Stelle wird sicherlich bei dem ein oder anderen die Frage aufkommen, ob ich denn wirklich noch nie Umgang mit einem Smartphone gehabt habe. Nein, hatte ich nicht. Ganz einfach aus dem Grund, weil ich nicht zu einem der Smartphone-abhängigen Teenager meiner Generation werden wollte.

Als mein Redakteur mir auftrug, diesen Bericht zu schreiben, fühlte ich mich wieder in die 7. Klasse zurückversetzt, in der wir in einer Biologiestunde ein Babyprojekt mit Babysimulatoren leiten mussten. Der Umgang mit der Roboterbabypuppe unterscheidet sich nämlich gar nicht so sehr vom Umgang mit einem Smartphone: Es macht urplötzlich Geräusche, man lässt es überall liegen, weil man nicht weiß, wohin damit – und die Angst, dass man es aus Versehen auf den Boden fallen lässt, schwingt immer mit. Und, ach ja: Ich bin davon genervt.

Ich will kein Smombie sein!

Selbstverständlich haben viele meiner Freunde ein Smartphone. Bei ihnen durfte ich die Euphorie beobachten, als sie endlich das neueste Modell von Samsung oder Apple in ihren Händen hielten. Doch ich war auch dabei, als sich die erste Ekstase gelegt hatte. Smartphones sind wirklich wie Babies – die meisten lieben sie, aber zugleich verfluchen sie sie auch.

Ich erlebe auch immer öfter, dass ich inmitten einer Gruppe Smartphonenutzer stehe, in der eine eigentümliche Ruhe herrscht – jeder ist mit seinen Apps beschäftigt. Das ist der sogenannte „Phubbing“- Effekt. Da fällt mir wieder auf: Smartphones schließen aus. Und zwar nicht nur hier. So wirbt die Bahn beispielsweise in einem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Ende der Zugfahrkarte. Die Bahn sagt, dass man in Zukunft kein Bahnticket mehr bräuchte, da via Handy Signale an den Zug weitergegeben werden, wann der Gast eingestiegen sei.

Wie gut solche Vorhaben in Wirklichkeit funktionieren, kann man bei dem einen oder anderen Twitter-User lesen, der sich über die Ticket-App aufregt. Ich frage mich still: Lohnt sich der ganze Ärger wirklich? Seit es die Apps gibt, ist am Schalter ohnehin nicht mehr viel los, also kann ich auch so ans Ziel kommen.

Der kleine Quälgeist in meiner Tasche

Was ich bei meinem Praxistest schnell feststelle wird keinen hier wirklich überraschen, aber kaum jemand zugeben: Die Dinger sind echte Nervensägen. Sie melden sich andauernd, weil jemand irgendetwas wissen will oder mich über etwas informieren will. Danke, ich brauche keine Exklusive Push-Nachricht, dass Donald Trump sich die Sonnenfinsternis in den USA anschaut. Nicht mal vor dem Beantworten nerviger Nachrichten kann ich mich drücken, denn kaum wurden sie gelesen, werden sie auch schon markiert und das Gegenüber erwartet eine baldige Antwort.

Außerdem belegen mittlerweile zahlreiche Studien, dass der Griff zum Smartphone die Produktivität und die Konzentration enorm verringert. Hand aufs Herz: Wie lange halten Sie es aus, smartphonelos in der Gegend herumzustehen? In der wievielten Minute greift die Hand in die Tasche? Ab welchem Akkuladestand werden Sie nervös?

Meine ersten Phantomschmerzen

Und dann ist es passiert: Ich bekam ein Dienstsmartphone, das ich immer mit mir herumtragen sollte. Irgendwann in dieser Zeit habe ich es allerdings zuhause vergessen – und genau an diesem Tag hätte ich es wirklich dringend gebraucht. Ich habe, trotz kurzer Eingewöhnungszeit, meinen kleinen Helfer schon schmerzlich vermisst. Dieser historische Tag wird zwar nicht in die Geschichte eingehen, für mich jedoch ewig auf meiner Festplatte gespeichert sein. Unabhängig, jung und dynamisch – und jetzt war ich es doch: abhängig von einer elektronischen Fußfessel.

Die Situation war folgende: Ich stand am Frankfurter Hauptbahnhof und wollte in meinen Zug steigen – leider zu spät. Ich konnte gerade noch die Rücklichter meines Zuges erkennen. Nun musste ich also eine Ausweichstrecke fahren und mit der quälenden Ungewissheit weiterreisen, ob ich den Anschluss anderswo erreichen würde oder nicht. Mit einem Smartphone hätte ich eine der zahlreichen Verkehrsapps mit Live-Funktion abrufen können und die nächste Verbindung schon längst gecheckt.

Entspannt und schnell: das Smartphone macht’s möglich

Ich bin viel mit dem Zug unterwegs, und mir gefällt das eigentlich ganz gut. Hier kann ich mich dem Luxus hingeben, nur aus dem Fenster zu starren und meinen Gedanken nachzuhängen. Seit ich das Smartphone habe, ist das vorbei. Ich könnte, überlege ich, die Reisezeit sinnvoll nutzen, indem ich schon auf dem Weg in unserem Redaktionssystem die anstehenden Artikel anlege. Da geht sie hin, die Ruhe in meinem Kopf. Allerdings bin ich tatsächlich früher fertig, und die ersten Recherchen sind noch vor dem offiziellen Dienstbeginn abgeschlossen.

In den kommenden Wochen bin ich zunehmend milder gestimmt. So ein Smartphone macht tatsächlich einiges leichter. Mittlerweile habe ich meine Scheu auch vor den anderen Funktionen abgelegt und nutze wie wild alles, was das smarte Gerät hergibt: Wecker, Kamera, schnell mal das Kinoprogramm heraussuchen, mit den Freunden witzige Bilder hin- und herschicken. Und, ja: es ist einfach ein prima Spielzeug.

Das Problem: Die Intoleranz der Anderen

Ich musste mir im Verlauf meines Praxistests eingestehen, dass so ein Smartphone auch für mich persönlich nützlich sein kann. Wenn man nicht aufpasst, gewöhnt man sich schnell an diesen Luxus – wie das ist, wenn man dazu keinen Zugang mehr hat, weiß jeder, der schonmal längere Zeit in einem Funkloch verbracht hat. Der wichtigere Grund, warum ich mich aber trotzdem auch zukünftig bei der Nutzung der smarten Telefone zurückhalten werde, ist die Erwartungshaltung, dass jeder eines besitzen muss.

Ich möchte mich ganz bewusst und aus mir heraus für ein Smartphone entscheiden, weil ich es so will und nicht, damit ich mir in Zukunft die skeptischen Blicke beim Telefonieren mit meinem Tasten-Handy erspare. Wann der Zeitpunkt gekommen ist, möchte ich selbst entscheiden – nicht irgendein dubioser Gruppendruck.

Das Praktikum bei den Netzpiloten hat mir insoweit geholfen, dass ich von allen Seiten Akzeptanz erfuhr. Habe ich bis dato nur aus Stolz kein Smartphone gehabt, habe ich jetzt in meiner Praktikumszeit gelernt, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, mit denen ich mich nie auseinandersetzen wollte. Jetzt weiß, dass sich meine Skepsis nicht gegen das Smartphone im Allgemeinen richtet, sondern ganz einfach gegen die Intoleranz der Anderen. Ich bitte euch: Gebt Leuten wie mir eine Chance und seid so tolerant, wie ich es gerade lerne, zu sein.


Image (adapted „Koomuikation“ by Capri23auto (CC0 Public Domain)


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Hannah Reuss

Hannah Reuss

kommt aus Hannover, hat ihr Abitur in der Tasche und studiert deutsche und englische Philologie studieren. Kurzer Zwischenstopp: Praktikum bei den Netzpiloten.

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