Dominik RuisingerSind Sie noch mein Freund, Herr Google?

Freunde zu haben bedeutet viel im Leben, doch muss man die Freundschaft pflegen! Google hat sich über die Jahre einen großen Freundeskreis aufgebaut, der mit jeder neuen Innovation weiter wuchs. Doch diese Freundschaften werden zum Teil auf eine harte Probe gestellt.

Google (Bild: FindYourSearch [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Dominik Ruisinger ist ein Freund von Google, doch macht ihn seine Freundschaft zu der kalifornischen Suchmaschine langsam nachdenklich. Zu sehr verwirrt der Kurs von Google, zu sehr schmerzt der Liebesentzug, wenn wieder ein Dienst, der verbindete, verschwunden ist. Ein Brief errötet nicht. Das wusste schon Cicero. Und so scheint es nur das selbstverständlichste Kommunikationsmittel zu sein, einem guten Freund wie Google einen Brief zu schreiben. Dies hat Dominik Ruisinger getan:

Lieber Herr Google,

ich schreibe Ihnen heute als Freund. Denn Freunde sind wir doch, zumindest einseitig. Sonst würden Sie nicht so viel von mir wissen. Und dazu noch so viel Aktuelles, das nicht einmal ich von mir selbst immer genau weiß. Wie Sie das wohl nur machen.

Ganz früher waren Sie übrigens ein ganz enger Freund von mir. Und wissen Sie was? Auch wenn es mir fast peinlich ist, es zuzugeben: Ich habe sie ausgenutzt. Okay, Sie haben dies auch ganz ehrlich so von mir erwartet. Vielleicht waren Sie ein bisschen masochistisch … Denn was ich alles mit Ihnen gemacht habe: ich habe Ihre Seiten durchstöbert, Ihren Kalender als meinen genutzt, sogar Ihre Shops leer gekauft. Einfach so. Und das seit ziemlich langer Zeit schon. Sie waren mit Ihren Tipps auch so hilfreich. Und dazu so nett: “Don’t be evil“, haben Sie immer gesagt. Und ich habe Ihnen geglaubt.

Doch das hat sich in letzter Zeit geändert. Ich weiß nur gar nicht, warum Sie dies unbedingt so wollten. Auf jeden Fall haben Sie es gemacht. Schritt für Schritt. Erst haben Sie mein Lieblings-Bildbearbeitungsprogramm Picnik aufgekauft. Einfach so. Was habe ich mich aufgeregt! Und dies passierte auch noch an meinem Geburtstag. Immerhin haben Sie mir damals fest versprochen, dass es in Ihrem Produkt Picasa eine viel bessere Heimat finden würde, das Sie bereits 2004 aufgekauft hatten. Das fand ich damals schon blöde. Noch blöder fand ich es, dass Sie auch Picasa jetzt geschlossen haben bzw. in Ihrem Plus-Projekt aufgehen lassen haben. Denn damit war mein Liebling Picnik für immer verschwunden. Schnief!

Als nächstes kam mein Lieblings-Email-Client Sparrow dran. Zickzack hatten Sie das Team übernommen. Das war vor circa einem Jahr. Damals haben Sie von Weiterentwicklung und Integration in Ihren eigenen Client gesprochen. Seitdem ist wenig passiert. Nein, gar nichts. Außer dass mein Lieblings-Email-Client in seiner Entwicklung stehen geblieben ist, weil ihn anscheinend niemand weiterentwickeln wollte. Der Arme! Und ich erst!

Dabei hatte ich immer gedacht, dass ich Ihnen zumindest ein kleines wenig wichtig sei. “Errare humanum est“, würde wohl jetzt der alte Lateiner sagen. Aber das wissen Sie mehrere Milliarden schwerer und kluger Kopf natürlich viel besser als ich einsamer Nutzer und Denker, der Ihnen diese ganz persönlichen Zeilen widmet. Darf ich was dazu fragen? Ich tue es einfach: Hat denn die eigene Bildung in Ihrem Netz künftig überhaupt noch eine Bedeutung? Oder sollten wir besser unser aller Wissen in – ja, was denn – eintauschen? Haben Sie mir einen Tipp? Schließlich wissen Sie doch auch sonst alles von mir, über mich und was zu mir passen würde. Aber ich bin vom Thema abgewichen.

Im vergangenen Jahr haben Sie dann das Ende Ihres doch so einfach zu bedienenden Dashboards eingeläutet: Auch von meinem Bildschirm soll ab November iGoogle verschwunden sein. Ach schade: Es war doch so ein schön übersichtlicher Navigator durch Ihre und andere Online-Welten. Sie wollen also wirklich, dass ich mir Ersatz suche? Und dies nach so vielen Jahren, in denen Sie doch so viel von mir lernen konnten?

Vor ein paar Tagen haben Sie sich auch noch dazu entschlossen, mir meine Lieblingslektüre wegzunehmen. Nein, nicht die Lektüre, aber das Lesetool, also die Technologie, auf die Sie immer so stolz waren. Darum kann ich es auch nicht verstehen: Das aus Ihnen direkt hinaus kam – und nicht einmal dazu gekauft werden musste. Was mich ganz lange und ganz häufig, ich würde sagen, täglich eine Stunde lang, den Google Pulsschlag spüren ließ. Also nehmen Sie mir jetzt Ihren Herzschlag, Ihre ständige Nähe, irgendwie auch Ihr Vertrauen.

Seien wir mal zueinander ehrlich: Mein Lese-Abo haben Sie gestrichen, mein Grafikprogramm ausgelöscht und mein Email-Programm brach gelegt. Geht man so mit Freunden um? Klar werfe ich ab und zu noch einen Blick in Ihren Kalender oder in dieses Google+, von dem Sie manchmal – so mein vielleicht abwegiges Gefühl – selbst nicht genau wissen, für was es stehen soll. Ansonsten hätten Sie es mir doch klar gesagt.

Übrigens war für mich Ihr Reader Ihr letzter, zentraler und mich bindender Dienst. Dass Sie in mir jetzt nehmen, wollen Sie damit mir durch die Blume sagen, dass ich mich künftig noch stärker von Ihnen distanzieren soll? Oder wollen Sie viel eher verdeutlichen, dass Sie sich von Ihrer Grundmission eines offenen Webs verabschieden wollen und ich mich einfach anpassen muss, wie wenn der Freund plötzlich eine neue Freundin hat? Ansonsten wäre unsere bisherige Freundschaft zu Ende? Soll es ja geben. Oder ganz anders aber direkt gefragt: Werfen Sie jetzt all dies über Bord wegen dieses Netzwerks von diesem Ex-Studenten?

Nein, mein Guter, ich will natürlich nicht verhehlen, dass Sie auch Neues entwickelt haben. Aber wirklich revolutionäres, das mich bindet? Viel Neues scheint Ihnen, Herr Google, nicht einzufallen. Zum Beispiel: Warum jetzt keep? Wir benutzen doch schon Evernote und andere Notizzettel. Ist das jetzt ein Must-Have? Ich verstehe schon: Immerhin passt es perfekt in Ihr Google+.

Auch bei der Namensgebung hat Sie Ihre Kreativität etwas verlassen, wie andere schon entdeckt haben. Denn den Pinterest-Klon keep.com als auch den hübschen Speicher-Service keeeb.com müssten Sie eigentlich kennen. Wo ist dann diese ungeheure Innovationskraft, für die Sie auch von mir so geliebt wurden? Für die Sie Ihren eigenen Mitarbeitern sogar viel Zeit eingeräumt haben, damit Sie selbst aus ihrer in Ihren hübschen Räumen ausgelebter Kreativität profitieren können? Haben Sie dies nicht immer betont? Okay, Sie wollen nach meinen Mails, Kalendereinträgen, Plus-Einträgen auch meine Notizen. Ist das gut für mich? Ich weiß ja nicht. Was würdest Sie mir denn als Freund empfehlen?

Und ach ja: Können wir davon ausgehen, dass diese Neuerungen wirklich auch länger überleben? Das heißt, Ist so ein Service – wie sagt man doch – strategisch und finanziell relevanter für dich als die jetzt geschlossenen? Gibt es da eine wirkliche Perspektive, wie auch andere fragen? Oder gibt es den Begriff “langfristig” online vielleicht gar nicht, und wir müssen wie eine glückliche Frühlings-Biene ständig von Blüte zu Blüte hopfen und dabei teils den gerade gewonnenen Blütenstaub unterwegs wieder verlieren?

Abgesehen von meinem persönlichen Geheule kommen wir doch besser zu einer gerade für Sie sicherlich viel relevanteren Frage: Wie und mit was wollen Sie mich künftig noch als Freund binden? Denn um Bindung geht es schließlich doch in jeder Beziehung. Und die haben wir doch gerade. Zumindest noch. Okay, über Ihre tolle Suche. Aber wenn ich dort künftig vor allem die Hinweise und Tipps meiner Freunde und Friends erhalte, die mir doch so oder so schon meist bekannt sind und mit denen mich doch bereits die Graph Search Ihres Rivalen – das ist er doch – bedrängt. Was für ungefilterte Neuigkeiten werde ich denn dann noch bei Ihnen finden? Oder soll ich deswegen besser auf andere, wenn auch nicht so gute aber immerhin offenere Suchmaschinen wie duckduckgo.com oder ecosia.org umsteigen? Wollen Sie das wirklich?

Ich bin ja nicht ganz blöd, was Sie natürlich bereits wissen. Zum Beispiel weiß ich, dass Sie ein ganz normales, eher unromantisches Unternehmen geworden sind. Einige würden sogar sagen, dass Sie sich von einem Technologieunternehmen, das seine Mitarbeiter und Fans – also solche wie mich – mit fortwährenden Innovationen begeistert hatte, zu einem immer stärker definierten puren Werbe-Giganten entwickelt hätten. So weit würde ich noch nicht gehen. Zumindest heute noch nicht. Denn wir sind doch Freunde. Und würden Sie mir solch einen Wandel nicht erklären? Hätte ich dafür als langjähriger Freund, von dem Sie wirklich fast alles wissen, nicht eine Art Anrecht? Vielleicht ist dies zu viel verlangt. Eines will ich Ihnen aber verraten: Für viele Ihrer Services hätte ich sogar gezahlt. Ja, cash! Aber Ihre Strategie will weniger Geld als vielmehr meine Daten. Aber wenn ich künftiger weniger nahe Ihnen bin, woher holen Sie diese dann?

Sie, Herr Google, lesen richtig: Ich bin verwirrt. Durch Ihr Verhalten, Ihren Kurs, Ihren Liebesentzug. Ob bewusst oder ungeplant. Und wegen unserer Freundschaft, die sich irgendwie verändert hat. Sehr verändert hat. Übrigens bin nicht nur ich so verunsichert. Ich verrate es Ihnen gerne: Auch vielen meiner Freunde geht es ähnlich. Darum sagen Sie doch mal: Wie sollen wir künftig unsere Freundschaft aufrechterhalten? Wie gesagt: Sie wissen doch alles. Dann werden Sie mir doch diese Frage beantworten können. Als Freund. Oder?

Ihr (Noch-) Freund Dominik


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf GEDANKENSPIELE by Dominik Ruisinger.
Teaserimage by Louise Catherine Breslau (Public domain)
Image by FindYourSearch (CC BY-SA 2.0)

Über den Autor / die Autorin
ist Diplom-Politologe, gelernter Journalist und ausgebildeter PR-Berater. Seit den 90er Jahren beschäftigt er sich mit den Veränderungen in der Medien- und Kommunikationsbranche mit Fokus auf Online Relations, Online Marketing, Medienarbeit und Storytelling. Sein Wissen gibt er heute in Form von Beratungen, Coachings, Workshops und Fachbüchern weiter. Der mehrfache Buchautor lehrt seine Kernthemen an Universitäten sowie privaten Ausbildungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum. Zudem publiziert er regelmäßig in Fachbüchern, Fachzeitschriften und Blogs.

 

1 Kommentar zu “Sind Sie noch mein Freund, Herr Google?”
| Frank schreibt:

Ist ja immer irgendwie peinlich in anderer Leute Kommentarfeldern auf eigene Publikationen zu verweisen. Aber weil ich selbst mal den Fehler machte, Google als ein zuverlässiges und vor allem “faires” Unternehmen zu halten und somit dem Vorstehenden eigentlich uneingeschränkt zustimmen kann, trau ich mich mal und mach es doch:
http://www.marketing-blog.biz/blog/archives/4269-Hilfe-a-la-Google.-Oder-220-Sekunden-Selbstherrlichkeit.html

 
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