Schwarm-Mobilität statt Schmieröl-Weisheiten im Land der Autobauer

In Deutschland bekommt man schon Schnappatmung, wenn das Ende des Verbrennungsmotors für 2030 erwogen oder auch nur angedacht wird. Die KP China gibt ein anderes Tempo vor – wie bei der Digitalisierung. In gut einem Jahr müssen nach einem Bericht der SZ für acht Prozent aller in China verkauften Fahrzeuge sogenannte Kreditpunkte gesammelt werden, 2019 dann für zehn Prozent und 2020 zwölf Prozent.

„Die Faustformel, mit der die Konzerne derzeit kalkulieren, lautet: vier Punkte für ein Elektrofahrzeug, zwei Punkte für einen Plug-in-Hybriden“, schreibt die SZ. VW müsste 2018 für den chinesischen Markt rund 60.000 E-Autos herstellen. Bei Plug-in-Hybriden mit einer elektrischen Reichweite von 50 Kilometern seien sogar 120.000 Exemplare notwendig. Gelingt das nicht, müsste VW entweder die Produktion drosseln oder aber anderen Herstellern Kreditpunkte abkaufen. Und das könnte teuer werden.

Probleme für die Exportnation

Jetzt wird hoffentlich auch den Industrie-Lobbyisten blitzschnell klar, wie idiotisch es ist, das Märchen von der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten wie zu Wirtschaftswunder-Zeiten zu erzählen. Die Automobilwirtschaft steht vor dem größten Wandel seit der Einführung des Verbrennungsmotors. Die Grenzen der Geschäftszweige verschwimmen, branchenfremde Anbieter erobern den Markt und Newcomer wie Tesla demonstrieren, wie man Elektroautos richtig in Szene setzt. Wertschöpfungsketten werden rekonfiguriert und digitale Plattformen treiben die Vernetzung der Fahrzeuge voran. Und was passiert in Deutschland? Da dominieren Teflon-Statements der politischen und wirtschaftlichen Elite.

Die Vergreisung der Auto-Lobby

Der Ökonom Joseph Schumpeter würde das so kommentieren: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen. Die deutsche Automobilindustrie und die Regierungspolitik sind auf dem Weg in die Vergreisung.

Die alten Industriedenker versäumen es, zukunftsfähige Mobilitätskonzepte zu entwickeln, moniert der Wuppertaler Unternehmer Jörg Heynkes im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland. „Der Umstieg der Antriebstechnologie von einem dreckigen und völlig ineffizienten Verbrennugnsmotor auf einen sauberen Elektromotor ist nur ein erster Schritt. Hier wird nur ein kleiner Teil der Mobilitätswende abgebildet, die wir in Deutschland und Europa brauchen. Ansonsten stehen die Elektrofahrzeuge im gleichen Stau wie die Verbrenner.“

Heynkes bemängelt, dass es in der Politik noch nie den Willen gegeben hat, sich nicht mehr als reines Autoland zu definieren. Etwa bei der Organisation des Schienenverkehrs – lokal, regional und überregional. In Japan gibt es ein einziges Ticketsystem für Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen und Hochgeschwindigkeitszügen. „Alles digital, alles mehrsprachig, von jedem Menschen auf der Welt zu bedienen. Alles läuft komplett über Smartphones.“

Bei uns herrsche ein Dschungel von völlig unterschiedlichen Systemen mit grottenschlechten Benutzungsoberflächen. Die Systeme in Japan seien nicht nur einheitlicher, sie funktionieren unfassbar pünktlich. Die Verspätungen aller Zugverbindungen mit dem Shinkansen summierten sich im vergangenen Jahr auf läppische 50 Sekunden. So etwas schafft noch nicht mal eine ICE-Verbindung von Siegburg nach Frankfurt Flughafen.

Politik baut auf Autokäufer

„In der deutschen Politik gibt man sich damit zufrieden, dass Menschen deutsche Autos kaufen“, so Heynkes, der sich in Wuppertal als unabhängiger Kandidat für den NRW-Landtag bewirbt. Schon jetzt sei es möglich, auf einen erheblichen Teil der täglich stattfindenden Mobilität zu verzichten und sie flexibler zu organisieren. Etwa über Schwarm-Mobilität. „Während die Politik wertvolle Zeit verplempert, die schwerfällige Autoindustrie zu nähren, verschlafen wir die wirklich große Wende in der Neugestaltung unseres Landes“, erläutert Heynkes.

Dobrindt und Co. würden einseitig die Interessen der Automobilindustrie bedienen. „Die Kompetenz dieser Industrie beruht auf einem einzigen Produkt und auf einer einzigen Technologie – dem Bau von Verbrennungsmotoren. Das ist der einzige Unterschied zum Rest der Welt. Jetzt kommt eine neue Technologie, die nennt sich Elektromobilität und die ist so simpel, dass der altbewährte Kompetenzvorsprung, den man sich seit Ende des 19. Jahrhunderts erarbeitet hat, keine Rolle mehr spielt“, sagt Heynkes.

Kompetenzvorsprung aus dem 19. Jahrhundert geht verloren

Das sei ein echtes Dilemma, denn die alternativen Technologien und Szenarien lassen sich nicht mehr stoppen. Durch das Nichthandeln und verspätete Innovieren geraten wir global zunehmend ins Hintertreffen. Rund 3,6 Millionen Kilometer werden täglich Strecken mit Tesla-Autos zurückgelegt und produzieren so wertvolle Daten für die Konzeption von intelligenten Mobilitätssystemen, die in zehn bis 15 Jahren nichts mehr mit dem Status quo des Individualverkehrs zu tun haben werden. Der weltweit für Aufsehen sorgende Unfall eines Tesla-Fahrers wird nie wieder passieren, wenn alle Fahrzeuge ein Update bekommen. Bei uns wird der Fall instrumentalisiert, um die Mobilitätswende aufzuhalten. Entscheidend ist die steile Lernkurve der selbstfahrenden Systeme.

Teures Blech steht ständig am Straßenrand

Am Beispiel der Stadt Wuppertal skizziert Heynkes eindrucksvoll, warum wir die Zukunft nicht mehr durch einen Blick in den Rückspiegel gestalten sollten. Wuppertal hat 350.000 Einwohner und 200.000 PKW.

„Die Autos fahren aber nicht ständig durch die Gegend, sondern stehen im Schnitt 23,6 Stunden am Straßenrand, blockieren permanent Flächen und kosten aber 24 Stunden am Tag Geld. Das ist das absolute Gegenteil von Effizienz. Jetzt kommt ein neuer Anbieter und sagt: ‚Liebe Wuppertaler, die Mobilität, die ihr zur Zeit mit 200.000 PKW bewerkstelligt, können wir euch problemlos mit 25.000 Schwarm-Mobilen besser erledigen.'“

Solche ‚Fahrzeuge’ haben kein Gaspedal, keine Bremse, kein Lenkrad. Sie sorgen einfach nur für den Transport von A nach B. Man nimmt nur noch solche Dienste via App über eine Flatrate in Anspruch, ohne überhaupt noch eigene Autos zu besitzen. Keine KFZ-Steuer, keine Versicherung, keine Inspektion, kein Kauf von Sommer- und Winterreifen, keine nervige Parkplatzsuche, keine horrenden Gebühren im Parkhaus und keine teure Benzinbetankung in Abhängigkeit vom Ölkartell. Die Schwarm-Mobile sind lautlos, sauber, umweltfreundlich, dezentral verfügbar und sicher.

Schwarm-Mobile werden alles verändern

Der Zuwachs an Komfort und Lebensqualität durch Schwarm-Mobilität wird alles verändern. 90 Prozent weniger Unfälle, 90 Prozent weniger Werkstätten für Reparaturen, 90 Prozent weniger Taxifahrer, 90 Prozent weniger ADAC-Mitglieder. „Durch eine vernetzte Technologie zur Verbesserung unserer Mobilität ändern sich unfassbar viele Parameter – mit negativen und positiven Folgen, die die Politik jetzt durchdenken muss“, fordert Heynkes.

Was bedeutet das für die Stadtentwicklung und für die Verkehrsplanung? Stadt muss und darf komplett neu gedacht werden. In Wuppertal gibt es rund 630.000 PKW-Stellplätze, die jeweils rund 12,5 Quadratmeter beanspruchen. Fallen die weg, gewinnt man Flächen, um beispielsweise in Kombination von digitaler Technologie, Hightech-Landwirtschaft und Manufaktur Stadtfarmen mit kleinen Kraftwerken aufzubauen. Die Menschen in den Wohnquartieren bekommen gesunde Nahrungsmittel direkt aus der Nachbarschaft – gestern gewachsen, heute geerntet und morgen gegessen. Und das ohne Transportwege und Belastungen mit Emissionen. Obst und Gemüse können zu hochwertigen Produkten veredelt werden in dezentralen und gemeinwohlorientierten Organisationsformen. All das steckt in der Mobilitätswende, aber nicht in den Köpfen der Industriepolitiker und Lobbyisten. Das Notiz-Amt fordert mehr Utopien in der Politik.


Image „traffic“ by pixaoppa (CC0 Public Domain)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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