Ein Russischer Diplomat muss gehen, 700 US-Unternehmen bleiben

In Dublin wird wieder an allen Ecken und Enden gebaut. Es gibt einerseits zu wenig Wohnungen und andererseits entsprechen viele Bürogebäude nicht mehr den Ansprüchen zahlungskräftiger Mieter. Gerade im Bereich der sogenannten „Silicon Docks“ am Hafen. Hierbei handelt es sich oft um US-Unternehmen, die ihren Mitbewerbern folgen und ihre Europazentralen nach Dublin verlegen. Unter all den dringend benötigten Wohnhäusern, die hochgemauert werden, sowie den imposanten Baukränen, die Arbeitsraum für Techies in die Höhe ziehen, war ein Bauzaun an der russischen Botschaft lange zu vernachlässigen.

Kaum jemand fragte sich, warum eine Botschaft in einem kleinen Land wie Irland 20 neue Diplomaten braucht. Dann kam der Giftanschlag von Salisbury und die koordinierte Reaktion des Westens in Form der Ausweisung zahlreicher Diplomaten. Irland hat nur einen Diplomaten zurück nach Moskau geschickt. Das Geschrei darüber, wie sich denn das neutrale Irland zum Erfüllungsgehilfen der Briten in einem neuen, kalten Krieg machen könnte, war aber unheimlich groß. Man konnte fast glauben, dass es James Bond wirklich gibt und dass sein treuer Helfer Q einen irischen Pass hat.

Der neue kalte Krieg

Also mal ganz langsam. Hier sind ein paar Zahlen: ein Russischer Diplomat musste – bis jetzt – gehen. Zwanzig Prozent der in Irland lebenden Arbeiter und Angestellten sind bei einem der 700 US-Unternehmen beschäftigt, die sich hier angesiedelt haben. Viele davon sind Tech-Firmen, die zweifelsohne ein Top-Ziel russischer Hacker darstellen. Die Präsenz dieser Unternehmen macht die strategischen ökonomischen und infrastrukturellen Interessen der USA auch zu Interessen Irlands. Ob es den lautstarken „Neutralisten“ nun gefällt oder nicht. Und dass Russland in seiner Botschaft im kleinen Irland Platz für 20 weitere Diplomaten schaffen will, klingt auf einmal nicht mehr ganz so merkwürdig, oder?

Mir muss aber nun niemand mit dem Argument kommen, dass nun, da der eine Diplomat ausgewiesen wurde und der Neubau für 20 weitere Diplomaten in diesem neuen kalten Krieg im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis liegt, auf einmal wieder alles in Ordnung sei. Denn keiner weiss genau, was die verbliebenen Diplomaten so machen.

Pearl Harbour im irischen Mayo

Werden in der Botschaft Hackerangriffe auf US-Infrastruktur in Irland mit Hackern im heimatlichen Moskau koordiniert? Vielleicht. Haben es Hacker aber so oder so auf die oben beschriebenen US-Unternehmen abgesehen? Mit Sicherheit. Denn eins ist klar – die irischen Sicherheitsbehörden sind mit denen der USA nicht zu vergleichen. Das macht Irland zum leichten Angriffsziel.

Man kann durchaus einen Vergleich zu Hawaii ziehen, wo 1940 die Zentrale der US-Pazifik-Flotte angesiedelt war. Die Japaner flogen aufgrund dieser strategischen Wichtigkeit damals einen Überraschungsangriff auf Pearl Harbour. Killala ist kein Ort auf Hawaii, sondern ein Dorf in der irischen Grafschaft Mayo. In Killala kommt das superschnelle Glasfaser-Kabel zu Tage, das unter Wasser die USA mit Europa verbindet. Dass dieses Kabel die Kapazität für ein Drittel aller weltweit geführten Telefonate hat, sollte reichen, um die Wichtigkeit dieser Art von Infrastruktur zu unterstreichen.

Irland ist zu naiv im Umgang mit russischen Cyber-Attacken

Wem das zu sehr nach James Bond und seinem russischen Widersacher General Arkady Ourumov – in „Goldeneye“ vom deutschen Schauspieler Gottfried John verkörpert – klingt, dem sei entgegnet, dass Fiktion in Irland bereits zur Wirklichkeit geworden ist. Im vergangenen Jahr schickten russische Hacker Phishing-eMails unter anderem auch an Ingenieure beim irischen Elektrizitäts-Unternehmen ESB. Einer der betroffenen Kunden von ESB, die danach Opfer des Petya-Virus wurden, ist das US-Pharma-Unternehmen MSD, das hier 1.600 Mitarbeiter beschäftigt.

Dass der ehemalige Vize-Direktor des militärischen Sicherheitsdienstes Irlands jüngst in einem Interview Irland als „naiv“ im Umgang mit russischen Cyber-Attacken und als „höchst verwundbar“ bezeichnet hat, sollte politischen Entscheidern zu Denken geben. Alles redet von einem russischen Diplomaten, dessen Ausweisung allein schon die irische Neutralität in Frage stelle. Wir sollten aber eher von den 700 US-Unternehmen reden, die 20 Prozent der Erwerbstätigen in Irland beschäftigen. Die haben alle Trump im Ohr, der sie mit seiner Steuerreform zurück in die Heimat locken will. Wenn nur ein paar davon auch noch einen russischen Wurm in den Servern haben, dann könnte sich der Wind bald drehen. Da mag das Guinness auch noch so lecker, die Wiesen noch so grün und die Wellen noch so toll sein; Pub-Tourismus, Öko-Tourismus und Surf-Tourismus, Tourismus überhaupt, wird die Beschäftigung, die die 700 US-Unternehmen geschaffen haben, niemals ersetzen können.


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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