Zwei Tech-Startups wollen Rückenschmerzen per App heilen

Das Ziehen in der Schulter, der Schmerz im Lendenwirbel, die Verspannung im Nacken – fast jeder Deutsche leidet in irgendeiner Form unter Rückenschmerzen. Aktuelle Studien zeigen, dass 62 Prozent der Deutschen im täglichen Leben von Rückenschmerzen beeinträchtigt werden und nur 7 Prozent der Bevölkerung von sich sagt, sie habe gar keine Schmerzen im Rücken. Rückenschmerzen sind daher eindeutig Volkskrankheit Nummer eins in Deutschland.

Kein Wunder, dass wir heute am 15. März bereits zum 16. Mal den „Tag der Rückengesundheit“ feiern. Wenig verwunderlich ist bei dieser Ausgangslage aber auch, dass viele Unternehmen das Thema „Rückengesundheit“ als Einnahmequelle entdeckt haben. Gerade junge Tech-Startups drängen mit innovativen Ideen in diesen Markt vor – und stellen traditionelle Behandlungsmethoden auf den Kopf. Sie behaupten, dass sie die Leiden im Rücken per App lindern können.

App an, Schmerzen weg?

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Wir installieren eine Applikation auf unser Smartphone oder auf den Computer und schon sind alle Rückenschmerzen weg. Ganz so einfach ist es natürlich nicht und wer glaubt, dass ein einfacher Swipe auf dem Handy alle Schmerzen wegwischt, der muss wohl noch einige Jahrzehnte warten.

Dennoch glauben junge Gründer, dass sie Rückenschmerzen mit einer App effektiver lindern können als mit einer traditionellen Physiotherapie oder OP. Zu diesen Gründern gehören Ramin Waraghai und Konstantin Mehl. Beide behaupten, dass ihre Apps Patienten mit Rückenleiden besser und kostengünstiger helfen können als eine klassische Behandlung. Weder Waraghai noch Mehl stellen dabei leere Behauptungen auf, sie haben dies nicht nur in klinischen Studien mit ihren Applikationen nachweisen können, sondern zunächst selbst am eigenen Körper erfahren.

ramin3 (Image by Stefan Sträter)
Image by Stefan Sträter

Ramin Waraghai studierte Sportwissenschaften und spielte bei Fortuna Köln in der vierten Liga regelmäßig Fußball. All das schien plötzlich zu Ende zu sein, als er mit 23 Jahren neben seinen ohnehin schon chronischen Rückenschmerzen auch noch einen zweifachen Bandscheibenvorfall und einen Knorpelschaden erlitt. Selbst zwei Operationen und eineinhalb Jahre Reha schienen ihm aber nicht helfen zu können. So begann er eine fünfjährige Recherche und landete schließlich bei Rückenexperten der multimodalen Therapie in den USA.

Auch Konstantin Mehl litt viele Jahre selbst an starken Rückenschmerzen und auch er fand eine Lösung dafür – in den USA. Als ihm eine Professorin eines Schmerzzentrums dort die multimodale Schmerztherapie empfahl, war er sehr skeptisch, wie er im Netzpiloten-Gespräch erklärt: „Wenn dir jemand sagt, dass du nach jahrelangem Kampf deine Rückenschmerzen in vier Wochen loswerden kannst, ist das natürlich schwer zu glauben. Ich habe es aber einfach mal ausprobiert. Die Schmerzen waren zwar nicht sofort weg, aber ich habe tatsächlich nach vier Wochen fast kaum noch Schmerzen gespürt.“

Mehl und Waraghai waren beide begeistert von der modularen Therapie, in der physische Übungen mit Hintergrundwissen zum Thema „Rückenschmerzen“ und Entspannungsübungen kombiniert wurden. Studien zeigen tatsächlich, dass diese Form der Schmerzbehandlung viel effektiver sein kann als reine Physiotherapie oder eine OP allein. So dauerte es nicht lange, bis Konstantin Mehl und Ramin Waraghai ihre Rückenapps entwickelten.

Mehl gründete mit einem Team von Experten die Kaia Health Software GmbH. „Kaia“ ist japanisch und bedeutet so viel wie „Ort der Entspannung“. In der Applikation hat Mehl ein ganzheitliches Rückentraining in digitaler Form zusammengestellt, das sich individuell an die Nutzer anpasst. Die App kann auf dem PC, auf dem Smartphone sowie auf dem Tablet installiert werden und ist ab April für ein monatliches Abo von rund 8 Euro zu haben. Um Kaia zu testen, können Nutzer die App zunächst sieben Tage lang gratis ausprobieren.

Zum Einstieg beantworten Nutzer einen Fragebogen zum allgemeinen Wohlbefinden und konkreten Rückenproblemen. Danach wird ein Trainingsprogramm generiert. Es kann eingestellt werden, wie oft man pro Woche trainieren möchte und ob die App eine Erinnerungsfunktion per Mail oder SMS schicken soll. Jede Übung wird dann zunächst im Video gezeigt, bevor die User sie dann selbst nachmachen können. Am Ende jeder Übungseinheit, können Nutzer dann bewerten, ob die Einheit für sie zu schwer, zu einfach oder nicht relevant war. Diese Eingaben werden dann gespeichert, um so das Trainingsprogramm Schritt für Schritt an den Nutzer anzupassen. „Die Idee ist, dabei das ideale Trainingsprogramm für jeden Nutzer individuell erstellen zu können. Je mehr User wir haben und je mehr Angaben wir bekommen, umso präziser und schneller können wir die perfekte Trainingsroutine für jeden Nutzer voraussagen.“ Jede Trainingseinheit dauert 15 bis 30 Minuten und ist in drei Teile gegliedert: Übungen, Entspannung und Wissensvermittlung. In jedem Bereich können Anwender bewerten, ob ihnen die Einheit gutgetan hat oder ob es Verbesserungsbedarf gibt.

Rückenapp-Nutzer verspüren weniger Schmerzen

6.000 aktive User hat die CE- und TÜV-zertifizierte Kaia-App derzeit. Sie entspricht den Standards der Nationalen Versorgungs Leitlinie. Ab April werden alle großen Krankenkassen in Deutschland das Rückenprogramm aufnehmen, sodass Nutzer die Kosten ganz oder teilweise erstattet bekommen können. Mehl ist fest davon überzeugt, dass ein Rückentraining per Kaia-App tatsächlich mehr motivieren kann als die klassische Behandlung: „Ich glaube, dass wir im aktuellen Gesundheitssystem zu oft operieren und zu oft Schmerzmittel verschreiben und dadurch auch einen passiven Patientein schaffen. Bei unserer App bekommen Nutzer nicht einfach eine Spritze, sie müssen selbst aktiv werden. Das motiviert einfach mehr.” Hinzu kommt, dass nach den Angaben der Kaia-Nutzer ihre Schmerzen innerhalb von 20 Tagen mit dem Trainingsprogramm um 40 Prozent reduziert werden konnten.

Ähnliche Erfolge kann auch Ramin Waraghai mit seiner „Rücken Fit Challenge“ aufweisen. Bei einem Testlauf der App waren die Rückenschmerzen der Teilnehmer im Schnitt nach sechs Wochen nur noch halb so stark. Die Rücken Fit Challenge gibt es derzeit nur für Desktop, Waraghai und sein Team arbeiten aber bereits an einer Smartphone-Version der App. Die aktuelle App konzentriert sich auf ein sechswöchiges Trainingsprogramm, das insgesamt 97 Euro kostet.

Die Rücken Fit Challenge arbeitet dabei mit dem M.Ü.H.E.-Konzept (Mentale Einstellung, Übungen, Haltung und Ernährung) und gibt Nutzern neben den Trainingseinheiten auch viele Motivationstipps zur Hand. Ähnlich wie Kaia arbeitet auch die Rücken Fit Challenge mit Videos. Nach einem sehr ausführlichen Selbsttest am Anfang, wird für die Nutzer eins von insgesamt 128 Trainingsprogrammen generiert. Hier wird den Nutzern dann die jeweilige Übung in einem Video vorgemacht. Dabei bekommt man auch gezeigt, welche Fehlstellungen vermieden werden sollten. Im Anschluss kann das Video dann bewertet werden. Es gibt auch die Möglichkeiten zwischen einfachen und schweren Übungen zu wählen.

Eine Trainingseinheit dauert insgesamt etwa eine Stunde, empfohlen werden zwei Einheiten pro Woche. Nach den ersten zwei Wochen, gehen Nutzer in die „Phase Zwei“ über, nach weiteren zwei Wochen in „Phase Drei“, bei denen die Übungen jeweils etwas schwerer werden. Neben den Übungen gibt es Informationen zu Haltungen im Alltag, Ernährung sowie ein Forum, in dem Nutzer sich austauschen und Fragen stellen können. „Wir glauben einfach, dass ein reines Übungsprogramm nicht besonders effektiv ist“ , sagt Waraghai gegenüber den Netzpiloten, „Rückenschmerzen können von so vielen verschiedenen Faktoren ausgelöst werden und oft kann man gar nicht genau sagen, woher der Schmerz kommt. Es ist daher wichtig, dass unsere Nutzer lernen, dass die Auseinandersetzung mit Rückenschmerzen ein ganzheitlicher Prozess ist.“

Kostenfaktor Rückenschmerzen

Die Rücken Fit Challenge ist von der Zentralen Prüfstelle Prävention zertifiziert und ebenfalls von allen großen Krankenkassen in Deutschland als Rückenpräventionsprogramm aufgenommen worden. „Gesundheitsapps wie die Rücken Fit Challenge sind derzeit wirklich rasant im Wachstum”, erklärt Waraghai. Kein Wunder: Rückenschmerzen kosten die Krankenkassen und die Wirtschaft jährlich 48,9 Milliarden Euro.

Applikationen wie die Rücken Fit Challenge oder Kaia sind da sehr vielversprechend, nicht nur für die Krankenkassen, sondern auch für Arbeitgeber. Patienten können die Behandlungen bequem von zu Hause machen und müssen dafür nicht mehr in spezielle Reha-Zentren fahren. Das spart Zeit und Geld. Hinzu kommt, dass die Programme sich so viel individueller gestalten lassen. Patienten können selbst bestimmen wann und wie oft sie die Übungen machen wollen und dadurch, dass sie ein ganzheitliches Programm und nicht nur trockene Übungen, angeboten bekommen, sind die Abbruchraten gering.

Physiotherapeuten kritisieren dennoch, dass solche Apps die Betreuung durch einen Experten nicht ersetzen können. Es stimmt natürlich, dass Nutzer, selbst mit guten Videoanweisungen, schwer selbst prüfen können, ob sie die Übungen richtig machen. Genau deshalb arbeiten sowohl Konstantin Mehl als auch Ramin Waraghai an der Einführung von Sensorentechniken über Webcams sowie Methoden der Virtual Reality. So wollen sie Fehlerquellen beim Nachmachen der Übungen reduzieren und Nutzern in Zukunft ein noch besseres Trainingsprogramm zur Verfügung stellen.

Die Rückenapps im Selbsttest

Soweit klingen die Rückenapps von Kaia und der Rücken Fit Challenge ja sehr vielversprechend. Theoretisch. Doch wie machen sie sich in der Praxis? Ich habe es mir natürlich nicht nehmen lassen, sie im Selbsttest auszuprobieren.

Die Ausgangslage

Die Testperson (das bin ich) ist weiblich, Mitte 30 und leidet seit Jahren unter milden Rückenbeschwerden – hauptsächlich durch ungesunde Haltung am Arbeitsplatz. Ich habe beide Programme jeweils rund zwei Wochen lang (in der PC-Version am Laptop) ausprobiert.

Der erste Eindruck

Mein Trainingsprogramm wird bei Kaia nach dem Beantworten eines Online-Fragebogens erstellt, ich kann direkt mit der ersten Einheit loslegen. Bei der Rücken Fit Challenge (RFC) muss ich erst einen ausführlichen Selbsttest mitmachen und erhalte dann mein individuelles Trainingsprogramm.

Kaia wirkt bei der ersten Anwendung intuitiver und ich verstehe das Konzept sofort, während ich bei der RFC erst das Tutorial lesen muss, um genau zu verstehen, wie das Training aufgebaut ist. Im direkten Vergleich machen beide Apps aber einen kompetenten Eindruck und liefern mir einen positiven Einstieg. Ich bin motiviert, die Programme weiter mitzumachen.

Die Übungen

Mein Training beginnt bei der RFC mit einem Aufwärmtraining, Kaia legt direkt los. Die Übungen werden dabei bei beiden Apps durch Videos vorgemacht. Bei der RFC wird dabei beim ersten Mal auch sehr ausführlich erklärt, was man falsch machen kann, was sehr hilfreich für die richtige Ausführung der Übungen ist. Bei beiden Apps ist die Ausführung leicht nachzuvollziehen.

Beide Applikationen können das Programm auf die eigenen Bedürfnisse, vor allem nach Schwierigkeitsgrad, anpassen. Bei Kaia bewerte ich direkt im Anschluss an jede Übungseinheit (zu einfach, zu schwer, zu lang, zu kurz oder nicht relevant) – was dann im weiteren Training beim nächsten Mal angepasst wird. Viele Übungen schienen mir beispielsweise sehr einfach. Beim nächsten Mal zeigt mir die App dann auch auf meinen Wunsch hin schwierigere Ausführungen. Bei der RFC kann ich das Video an sich bewerten und zwischen einfachen und schweren Formen der Übungen wählen. Das Programm stellt dabei die Übungen nicht automatisch um, man kann den Schwierigkeitsgrad aber manuell verändern.

Full Disclosure: Macht euch auf Muskelkater gefasst!

Die Module

Beide Apps legen viel Wert darauf, nicht „nur“ Übungen vorzumachen, sondern ein ganzheitliches Konzept zu vermitteln. So kommt im Anschluss an die Übungen bei beiden Apps ein Abwärmtraining beziehungsweise ein Entspannungtraining, gefolgt von Informationen rund um das Thema Rücken.

Besonders schön sind hierbei die Tipps zur Rückenhaltung im Alltag bei der RFC – ich konnte dadurch allein schon Nackenschmerzen beim Arbeiten am Laptop reduzieren. Die RFC hat darüber hinaus auch ein Informationsblatt für die verschiedenen Trainingseinheiten. Darin bekommt man zum Beispiel Motivationstipps und persönliche Challenges („Tweete, dass du die RFC mitmachst“), die ich sehr hilfreich fand, um das Programm auch in meinen Alltag zu integrieren und mich selbst motiviert zu halten.

Auch wenn ich am Anfang skeptisch war: Diese ergänzenden Module sind sehr interessant und hilfreich. Ich habe viel über die Ursachen meiner Schmerzen und Lösungsansätze gelernt und so ein besseres Verständnis für meine Rückenbeschwerden bekommen.

Die Ausführung

Neben den Übungen selbst, habe ich auch auf die technische Umsetzung und das Drumherum geschaut. Wie sieht es beispielsweise mit einer Offline-Version der Übungen aus?

Mit Kaia kann man die Videos tatsächlich auch herunterladen und die Übungen so gegebenenfalls auch offline machen (sehr hilfreich bei langsamer Internetverbindung). Das Programm funktioniert aber logischerweise nur online als Ganzes, trotzdem kann es hilfreich sein, das eine oder andere Video herunterladen zu können.

Bei der RFC kann man sich erst nach der allerersten Übungseinheit das Trainingsprogramm herunterladen – allerdings nur in Text- und Bildform, als PDF-Datei.

Kaias Übungseinheiten sind insgesamt kürzer, dafür trainiert man öfter pro Woche. Hier ist es wahrscheinlich Typfrage, ob man lieber zwei ausführliche Einheiten pro Woche oder mehrere kleine bevorzugt. Mir haben die kurzen Einheiten besser gefallen, denn ich kann mich eher zu 15 Minuten Training zwischendurch aufraffen als zu einer Stunde.

Fazit

Die Übungen in beiden Programmen schienen sehr gut zu meinen Schmerzzentren zu passen und ich habe bei beiden schon nach wenigen Anwendungen Besserung gespürt (siehe Muskelkater).

Während ich vor allem aus der RFC viele hilfreiche Tipps für meinen Alltag ziehen konnte, fand ich die Strukturierung des Trainings von Kaia intuitiver und die kürzeren Einheiten passender für meinen recht vollen Tagesplan. Insgesamt bieten aber beide Apps Nutzern effektive, ganzheitliche Programme gegen Rückenschmerzen an.

Die Apps im direkten Vergleich

  KAIA RÜCKEN FIT CHALLENGE
Behandlungsziel Schmerztherapie und Prävention Prävention
Methodik Modulare Schmerztherapie M.Ü.H.E.
Dauer Programm Monatspakete, beliebige Dauer Derzeit auf 6 Wochen begrenzt, kann offline mit PDF-Unterlagen weitergeführt werden
Kosten 7,49 Euro/ Monat (7 Tage Gratistest) 97 Euro / 6 Wochen
Rückerstattung Krankenkassen Ab April 2017 Ja
Individuelles Trainingsprogramm Alle Übungen können einzeln bewertet werden, Programm wird nach jedem Training individuell angepasst Individuelles Programm nach Selbsttest erstellt, danach Schwierigkeitsgrad anpassbar, Videos können bewertet werden
Hilfestellungen Chatfunktion Forum
Erforderliche Hilfsmittel für die Übungen Matte oder bequeme Unterlage, Handtuch Matte oder bequeme Unterlage, Handtuch, langer Stab, Wand
Plattformen Desktop, Tablet, Smartphone (Android und Apple) Aktuell nur Desktop, Smartphone-App in Entwicklung

Image by Ramin Waraghai and Konstantin Mehl


Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,
Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

More Posts - Twitter