Viktor Mayer-Schoenberger (Bild: republica-Gregor Fischer [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

#rp14: Big Data könnte uns den freien Willen wegnehmen

Viktor Mayer-Schönberger von Oxford Internet Institute sieht Big-Data-Vorhersagen als Einschränkung des freien Handelns der Menschen. // von Jakob Steinschaden

Viktor Mayer-Schoenberger (Bild: republica-Gregor Fischer [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Im Nachfeld der Internet-Konferenz re:publica wurde viel darüber diskutiert, ob Sascha Lobos „Rede zur Lage der Nation“ gut, ob David Hasselhoffs Werbeauftritt für F-Secure notwendig oder der Google-Hoax der Künstlertruppe Peng! Collective gelungen war. Von den Medien leider ein wenig übersehen wurde dabei der wichtige Vortrag des österreichischen Oxford-Professors Viktor Mayer-Schönberger zu den „ethischen Grenzen von Big Data„. Denn Mayer-Schönberger warnte sehr eindringlich vor den Gefahren einer allumfassenden Datenerfassung, die uns künftig einmal die Freiheit nehmen könnte, uns frei zu entscheiden und zu handeln.


Warum ist das wichtig? Big Data ist keine Utopie, sondern prägt bereits unseren Alltag. Deswegen müssen wir sehr sensibel sein, was die massenhafte Datenverarbeitung durch Firmen und Staat angeht.

  • Der österreichische Forscher Viktor Mayer-Schönberger zeigt auf der re:publica die ethischen Grenzen von Big Data auf.
  • Die statistische Vorhersage bei Big-Data-Analysen beeinflusst die Vergangenheit die Zukunft und schafft den freien Willen ab.
  • Big Data ist auch deswegen gefährlich, weil die Vorhersagen fehlerhaft sein können.

Vergangenheit bestimmt die Zukunft

Big Data ändert unser Verständnis für Zeit, und das könnte unsere Gesellschaft, unsere Freiheit und unsere Art zu leben zerstören„, findet Mayer-Schönberger und meint, dass die lineare Zeit (das Morgen entwickelt sich anders als das Heute) abgeschafft wurde. Er erklärt das an einem Beispiel: In 30 Bundesstaaten der USA werden bereits Big-Data-Analysen dazu verwendet, um das Verhalten von Straftätern vorherzusagen. Bei Entscheidungen, ob jemand auf Bewährung freikommt, wird in mehr als 50 Prozent der Fälle auf Computer-Vorhersagen zurückgegriffen, die die Wahrscheinlichkeit berechnen, ob jemand wieder in die Tötung eines Menschen verwickelt werden sein wird. Es entscheidet also nicht mehr ein Sozialarbeiter oder ein Kriminologe, ob jemand mit Chance auf Besserung freikommt, sondern statistische Wahrscheinlichkeiten, die von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen. „Die Vorhersage nimmt uns die Chance, nach unseren eigenen Wünschen zu handeln, die Zukunft wird bestimmt durch die Vergangenheit„, so der Oxford-Professor.

Big-Data-Vorhersagen könnte man schon bald in vielen verschiedenen Gesellschaftsbereichen finden: Statistische Berechnungen entscheiden etwa darüber, ob man einen Kredit oder ein Bankkonto, den Führerschein oder eine Autoversicherung, eine Operation oder eine Behandlung, eine Ausbildung oder einen Job bekommt. Heute hat sich in den Köpfen vieler junger Menschen bereits folgendes festgesetzt: „Das Internet vergisst nicht, wir sind die erste Generation, deren Leben digital erfasst wird.“ Es ist noch sehr abstrakt für den Einzelnen, was diese Permanenz der Daten bedeuten wird, aber man bekommt zumindest ein Gefühl dafür, wenn man hört: „Die Partyfotos von damals haben ihm eine Chance auf diesen Job genommen.“ Die weitreichenden Konsequenzen auf unsere Zukunft sind etwa im Film „Minority Report“ zu erahnen, wo Menschen eingesperrt werden, obwohl sie das Verbrechen noch gar nicht begangen haben.

Mittel gegen den „Polizisten im Kopf

Vorhersagen sind nicht perfekt, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, das ist Strafe ohne Schuld„, sagt Viktor Mayer-Schönberger. „Wie soll ein Mensch in dieser Welt seine Unschuld beweisen? Vorhersage wird gleichbedeutend mit dem Urteil.“ Frei handeln könne man unter solchen Umständen nicht mehr, denn ständig hätte man den „Polizisten im Kopf„, der dafür sorgt, dass man sich selbst aus Angst vor späteren Konsequenzen einschränkt und zensuriert. Die Abschaffung des freien Willens durch Big Data wiederum ist sehr abstrakt, lässt sich an einem kleinen Beispiel aber einfach veranschaulichen: Nehmen wir an, dass alle unsere Autos vernetzt sind, im Netz hängen und ihre Position ständig erfasst wird. Am Amaturenbrett gibt es ein Display, über das man viele praktische Funktionen abrufen kann – etwa, um einen Parkschein zu kaufen. Heute kann man bereits Parkscheine online via Smartphone kaufen, aber man muss nicht. Jeder kann das Risiko eingehen, den Parkschein nicht zu lösen und eine Strafe zu riskieren. In einer komplett vernetzten Welt, in der die Position eines Auto aber jederzeit den Behörden bekannt ist, ist das nicht mehr möglich. Am Display im Auto dürfte es dann nur mehr die sinnlose Auswahl zwischen „geringe Parkgebühr jetzt zahlen“ oder “hohe Strafe später zahlen” geben, und niemand würde sich für Zweiteres entscheiden – die Option, den Parkschein einfach nicht zu zahlen (etwa, weil man glaubt, die Parkregel ist falsch), fällt weg.

Mayer-Schönberger fordert, wie viele andere auch, eine Beschränkung von Big-Data-Anwendungen und Big-Data-Experten, die diese Anwendungen auf ihre Verträglichkeit testen und zertifizieren. Das sind große Aufgaben für die Politik, die sich ihnen im Post-Snowden-Zeitalter so schnell wie möglich widmen müssen. Dem Einzelnen empfiehlt Mayer-Schönberger den regelmäßigen Ausbruch aus dem Regelwerk, das uns bereits heute umgibt, um sich ein Gefühl von Freiheit zu erhalten – einmal in der Woche bei Rot über die Straße gehen oder einen Parkschein nicht zu bezahlen kann so ein gewollter, freiwillige Regelbruch sein. Die Konsequenzen dafür muss man dann aber auch tragen.


Teaser & Image by re:publica/Gregor Fischer (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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