Wenn Roboter fühlen lernen

Roboter sind nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Die 24-Stunden-Hilfskräfte, die für uns stellvertretend schrauben, löten, Botengänge erledigen, Fragen beantworten und zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung bereitstehen, sind rund um die Uhr mit nimmermüder Geschäftigkeit für uns da.

Schöne neue Welt, wenn auch vielleicht ein bisschen gruselig. Denn die maschinellen Helfer sind günstiger und verlässlicher als so mancher Mensch: ein Arzt-Bot wird nie selbst krank, eine selbstdenkende Roboter-Hebemaschine kriegt keinen Bandscheibenvorfall. Ob sie unsere Arbeitskraft irgendwann vollständig ersetzen sollen und ob wir das überhaupt wollen, wird noch immer heiß diskutiert.

Von Androiden und geheimen Wünschen

So weit, so gut. Der reine Nutzen der Helfer steht ohnehin nicht infrage. Wie weit unsere Faszination bezüglich der maschinellen Gehirne und Lernprozesse geht, kann seit Jahrzehnten in der Literatur- und Filmwelt untersucht werden.

So prägt der polnische Philosoph und Autor Stanislaw Lem seit mehr als 60 Jahren die Science-Fiction-Szene eingehend mit seinen Ideen von virtueller Realität, neuralen Netzen und künstlicher Intelligenz. Oft nahm er dabei die scheinbar uneingeschränkte Zukunftsgläubigkeit der Menschen aufs Korn, um ihnen, ähnlich wie in Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ (absolute Leseempfehlung für den Herbst!), den Spiegel des Menschen als rücksichtsloses Raubtier an seiner Umwelt vorzuhalten.

Der Autor Philip K. Dick entwickelte die Idee der menschenähnlichen Androiden mit seinem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ weiter, der später in der bekannteren Dystopie „Blade Runner“ mit Harrison Ford verarbeitet wurde. Hier treffen wir auf eine künstliche Intelligenz, die nicht nur unsterblich und geradezu übermenschlich stark ist, sondern auch fühlen kann und will. Sehr ähnlich wird dieser Gedanke auch gerade mit dem gerade erschienenen Westworld-Remake erzählt, der sich gerade in den Serien-Charts nach oben arbeitet.

Ähnlich aufgebaut ist auch die Figur des Data im Star-Trek-Universum (TNG), die nach einem Roboter aus dem 50er-Jahre-Film „Alarm im Weltall“ geschaffen wurde. Datas innigster Wunsch ist es, so menschlich und emotional wie möglich zu werden. Dank eines eigens für ihn entwickelten Emotions-Chips gelingt ihm das in einigen Folgen von „Raumschiff Enterprise“ zunehmend, jedoch unterscheidet er sich noch immer von den Menschen: Zwar hat er ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, was man den heute existierenden KIs höchsten als einprogrammierte Widerborstigkeit anrechnen kann, aber er versteht beispielsweise keine Witze. Humor ist eine allzu menschliche Eigenschaft, und diese Hürde kann Data nicht überspringen.

Kommen zwei Roboter in eine Bar…

Auch Humorversuche von Computern aus dem echten Leben scheitern hier, oder sind zumindest Geschmackssache. Wer jemals versucht hat, eine sinnvolle oder gar erheiternde Diskussionen mit Bots wie Apples Siri zu führen, wird ihr wohl zumindest keinen Sendeplatz für die nächste Late-Night-Show anbieten wollen – Computer sind einfach nicht witzig.

Von Marvin, dem depressiven Roboter aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ über GERTY, der dem Mondeinsiedler Sam Bell in „Moon“ die Einsamkeit erleichtern soll bis hin zu der fantastischen Liebesgeschichte zwischen Mensch und Interface: Wir wollen von dem Gedanken nicht ablassen, unsere Roboter zu emotionalisieren. Vielleicht ist das auch verständlich – schließlich rücken sie immer näher an uns heran.

Braucht Pflege Emotionen?

Die neue Generation der Roboter soll nach diesen Ideen vielleicht nicht den menschlichen Humor, aber doch eine gewisse Emotionalität und Empathie lernen. Ob das klappt, testen wir gerade unter anderem in Pflegeheimen, wo die neuen Pflegeroboter zum Einsatz kommen, denn wie vieles andere auch, wird derzeit bei Robotern die Emotionen noch stark infrage gestellt. Allerdings verstehen viele Forscher, Wissenschaftler und Psychologen unter dem Wort Emotionen jeder etwas anderes. Wie soll auch ein Roboter das gleiche menschliche Lächeln und Empathie imitieren, wie es nur ein Mensch von Natur aus kann?

In Japan wird in der Pflege schon recht viel Technologie eingesetzt, so gab es hier den einen oder anderen Extremfall: der oft beunruhigende Einsatz der Technik – wie die Anti-Weglauf-Halskette oder Bewegungssensoren – gehen vielen Menschen dann doch deutlich zu weit. Mit solchen Maßnahmen wird hierzulande wohl eher nicht zu rechnen sein. Dezent eingesetzte Technik in den Pflegeheimen oder Wohnungen, wie das Heben aus dem Bett oder in die Badewanne kann eine gute Lösung sein, ist aber derzeit leider noch sehr teuer. Dabei müssen Roboter weder Emotionen zeigen noch mit uns sprechen. Hier geht es ausschließlich um die körperliche Entlastung der Pflegekräfte. Alles andere, wie freundliche Bedienung, Hilfsbereitschaft oder ein herzliches “Guten Morgen”, beherrschen wir Menschen selbst wahrscheinlich am besten.

Bots, die mit uns sprechen

Die Technik entwickelt sich immer weiter. So scheint es mittlerweile fast normal zu sein, sich statt eines Haustiers einen eigenen sprechenden Roboter zuzulegen. Der Roboter Kirobo Mini, der im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll, tanzt auf dem schmalen Grat zwischen Spielzeug und Helferlein. Vielleicht taugt er auch als Begleiter für ältere Menschen oder als Beifahrer für lange Autofahrten?

Mal abgesehen von den eher wenigen Emotionen und den vorprogrammierten Sätzen der Roboter, die ja scheinbar irgendwann zum alltäglichen Leben der Menschheit dazugehören werden, gibt es immer wieder kuriose Geschichten über Roboter, die auf ganz andere Art und Weise mit uns sprechen, wie beispielsweise in der Geschichte von Eugenia Kuyda und Roman Mazurenko beschrieben wird.

Nach einem Verkehrsunfall starb Roman Mazurenko mit nur 34 Jahren. Seine beste Freundin Eugenia kam auf eine ganz ausgefallene Idee: Sie sammelte sämtliche SMS und Kurznachrichten von Roman zusammen und schrieb daraus ein Programm – das ganze klingt ein bisschen wie der Film “Transcendence” mit Johnny Depp. Anhand dieses Programms war es ihr möglich, virtuelle Gespräche mit Roman zu führen.

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Screenshot by Zeit Online Blog – Wie ein Toter als Chatbot weiterlebt

Auf diese Weise möchte ein australisches Startup die Menschheit unsterblich machen. Bislang halten sie sich bezüglich der konkreten Umsetzung sehr bedeckt, aber dennoch kann verraten werden, dass Daten der Menschen, ihre Verhaltensweisen, Kommunikationsarten und Denkweisen gesammelt werden, um daraus eine künstliche Intelligenz zu schaffen. Des Weiteren wird verraten, dass das menschliche Gehirn eines Verstorbenen eingefroren und in einen künstlichen Körper eingesetzt werden soll. Ziemlich kurios wirkt das Ganze definitiv – und abgesehen von der grundsätzlichen Frage danach, ob das überhaupt möglich sein wird, bleibt auch die Frage nach ethischen Bedenken bestehen.

Eine Frage der Ethik

Die Frage, wie man das Thema Roboter und Emotionen und ein mögliches, digitales Weiterleben nach dem Tod – was ja eigentlich auch kein richtiges Leben ist, sondern lediglich eine Sammlung von Daten, die einen echten Menschen imitieren soll – ethisch einordnen soll und kann, ist schwer zu beantworten. Für den einen mag es sehr sinnvoll sein und vielleicht auch ein Stück weit über die Trauer eines Verstorbenen hinweg helfen. Wenn man noch ein paar Worte an jemanden richten, der nicht mehr wieder kommen kann, dann kann das für manche Menschen eine große Hilfe sein.

Auf der anderen Seite ist es aber auch vorstellbar, dass die Menschen sich in die Vorstellung eines digitalen Abbilds eines Menschen verrennen und eventuell nicht in der Lage sind, die Endlichkeit und den Tod zu akzeptieren. Dieser Gedanke wird in einer Folge der britischen Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ behandelt. Hier wird deutlich: Wenn wir den Tod tabuisieren oder sogar vollkommen verlernen, mit ihm umzugehen, sondern uns ein Substitut suchen, werden wir niemals loslassen können.

Wenn Roboter in unser Leben eingreifen und uns einen Vorteil bieten, indem sie uns schwere Arbeiten abnehmen oder uns den Alltag erleichtern, dann ist das schön und gut. Aber sie sollten nicht zu sehr in unser Menschsein eingreifen. Menschlichkeit und Einzigartigkeit macht uns aus. Wir sollten sie uns in der Zeit der Digitalisierung umso dringender bewahren.


Image „Human Face“ by Kuloser (CC0 Public Domain)


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten. Sie ist Historikerin, Anglistin, Kinonerd, Podcasterin und Hrspielsprecherin. Seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, treibt sie sich in allen mglichen Ecken des Internets herum. Sie twittert als @keksmadamund bloggt bei Die Gretchenfrage. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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Jennifer Eilitz

Jennifer Eilitz

kommt aus der Lneburger Heide, hat Bibliotheks- und Informationsmanagement an der HAW in Hamburg studiert und arbeitet jetzt bei den Netzpiloten als Social Media Managerin. Wenn sie nicht gerade fr die Netzpiloten schreibt, dann schreibt sie an ihren Romanen, die im Bookshouse und Edel Elements Verlag erscheinen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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