Richtige Leser lieben alle Bücher

Im digitalen Zeitalter lässt sich Literatur auf verschiedene Arten genießen. Sei es als eBook auf dem Reader, Smartphone oder Tablet, als Hörbuch auf CD, per App oder ganz klassisch in Form eines Buches auf bedrucktem Papier. Leider gibt es noch immer Menschen, die diese Vielfalt nicht als Fortschritt, sondern als Angriff auf die Kultur sehen. Wer Bücher nicht auf Papier liest, ist in ihren Augen kein “richtiger” Literaturfreund. Dabei können die neuen Technologien nicht nur Spaß bringen und zum Lesen motivieren, sondern auch Türen für Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten öffnen.

eBooks und Hörbücher sorgen für Barrierefreiheit

Vor kurzem veröffentlichte die Bloggerin “sj” einen Beitrag mit dem Titel “Lese-Rage: Euer Ableism- Richtige-Bücher-Snobismus ist höllisch ermüdend”. Darin beschreibt sie, dass sie häufig zu hören bekommt, nur wer Bücher ganz klassisch auf Papier lese, am besten in einer hübschen (und oft auch teuren) gebundenen Ausgabe, sei ein “richtiger Leser”. Die Bloggerin leidet unter einer schweren Form von Rheuma und heftigen Allergien und kann deswegen die meiste Zeit nur eBooks lesen, weswegen sie derartige Angriffe nicht nur als unzutreffend, sondern auch als diskriminierend empfindet.

So wie “sj” geht es vielen Menschen. Nicht nur Rheuma oder andere Erkrankungen, die das Halten schwerer Bücher verhindern, auch viele Formen von Sehbehinderung können das Lesen gedruckter Bücher unmöglich oder zumindest sehr anstrengend machen. Sonderausgaben in großer Schrift, die einem Teil der Betroffenen helfen würden, sind nicht von allen Büchern zu bekommen, und wenn, sind sie oftmals teurer. Auf einem eBook-Reader lassen sich Schriftart und Schriftgröße nach Bedarf variieren, was eine große Hilfe sein kann. Manche Sehbehinderte und auch einige ältere Menschen profitieren außerdem von der Hintergrundbeleuchtung des Displays.

So können Hörbücher auch den Menschen Zugang zu Literatur ermöglichen, für die dieser sonst nicht oder nur sehr schwierig möglich wäre. Nächstliegendstes Beispiel sind natürlich Menschen, die blind oder schwer sehbehindert sind. Aber auch Legastheniker haben mit Hörbüchern die Möglichkeit, Literatur zu genießen und verstehen zu lernen, ohne sich mit den technischen Hürden des Lesens auseinandersetzen zu müssen.

Portabilität und Zusatzfeatures

Aber auch für Menschen ohne körperliche Einschränkungen können eBooks und Hörbücher eine sinnvolle Alternative sein. Sie lassen sich gut mitnehmen – welche Leseratte erinnert sich nicht an die Diskussionen aus der Kindheit und Jugend, wie viele Bücher für den Sommerurlaub ins elterliche Auto passen? Ein eReader, ebenso wie ein Smartphone oder Tablet, lässt sich mit einer Hand halten und umblättern und hilft so nicht nur Menschen mit Gipsarm oder einer Körperbehinderung, sondern auch solchen, die in Öffentlichen Verkehrsmitteln nur noch einen Stehplatz bekommen haben, bequem und sicher zu lesen. Hörbücher kann man auch auf dem Spaziergang oder während der Autofahrt weiterlesen (lassen).

Daneben bieten eBooks einige Möglichkeiten zur Interaktion mit dem Text, die bei klassischen Büchern nicht möglich sind. Wer zum Beispiel ein Fremdwort – oder, beim Lesen fremdsprachiger Texte, eine neue Vokabel – nicht kennt, kann diesen Begriff sofort nachschlagen und hat so wieder etwas gelernt. Fuß- und Endnoten lassen sich sofort ohne umständliches Blättern ansehen. Auch das Markieren und Kopieren von Textstellen, beispielsweise für einen späteren Blog-Eintrag oder sogar eine wissenschaftliche Arbeit, ist bei eBooks einfacher.

All diese Features sind zwar kein absolutes Muss, sie können aber in unserer hektischen und mobilen Welt durchaus einen Unterschied in der Lese-Motivation machen. Sind Bücher einfach und schnell verfügbar und auch unterwegs benutzbar, lesen Menschen mit einem vollen Terminkalender oft mehr, als sie das anderenfalls tun würden.

Selbst die Deutschen, die vielen Neuerungen eher skeptisch gegenüber stehen, erwärmen sich mittlerweile zunehmend für die neuen Arten von Büchern. Seit einigen Jahren werden eBooks zunehmend beliebter; laut einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom liest mittlerweile schon ein Drittel der “lesenden Bevölkerung” (auch) digitale Bücher.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsvision

All das beantwortet natürlich nicht die Frage, ob die Nutzer von eBooks oder Hörbüchern “richtige Leser” sind. Aber diese Frage lässt sich mit einem einfachen “Warum denn um alles in der Welt nicht?” beantworten. Schließlich haben diejenigen, die ein Buch auf dem Kindle, Nook oder tolino gelesen haben, denselben Inhalt aufgenommen, genauso mit den Charakteren mitgefiebert, sich die selben Fragen gestellt und Gedanken gemacht wie diejenigen, die die gedruckte Ausgabe gelesen haben. Dasselbe gilt für diejenigen, die das Hörbuch gehört haben. Literaturliebhaber definieren sich durch ihre Freude am Geschichtenerzählen, an fiktiven (oder nur allzu realen) Welten, glaubwürdigen Charakteren und sprachlicher Schönheit. Nicht der technische Prozess des Lesens ist es, der einen bereichert und bildet, sondern der Inhalt des Buchs und die Beschäftigung damit.

Das heißt natürlich nicht, dass nicht schön gestaltete Bücher durchaus einen historischen und künstlerischen Wert haben. Den haben sie selbstverständlich und kaum ein eBook-Liebhaber wird das ernsthaft bezweifeln. So ist es natürlich vollkommen in Ordnung und respektabel, eine Präferenz für gedruckte Bücher zu haben und diese lieber oder ausschließlich zu lesen. Erst wenn versucht wird, andere Leser aufgrund ihres bevorzugten (oder sogar einzig zugänglichen) Mediums als Leser zweiter Klasse einzustufen, wird die Grenze zum ebenso unfairen wie diskriminierenden Verhalten überschritten. Ansonsten handeln die Verantwortlichen bestenfalls wie gedankenlose Snobs. Das gilt natürlich auch für die kleine Gruppe derjenigen, die die Freunde traditioneller Bücher für ihre “altmodische” Vorliebe lächerlich machen.

Literatur ist wichtig, sie bereichert unser Leben, erweitert unseren Horizont und kann uns sogar helfen, andere Menschen besser zu verstehen. Sie ist ein bedeutender Teil unserer Kultur. Deswegen sollten wir alles, was noch mehr Menschen ermöglicht, dieses Erlebnis zu teilen, begrüßen und uns darüber freuen. Ein “richtiger” Leser ist in meinen Augen derjenige, der Freude an Literatur hat und diese Freude mit seinen Mitmenschen teilen will – auf welchem technischen Weg auch immer.


Image “Lecteur ebook + livres papier” by ActuaLitté (CC BY-SA 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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