Richard Gutjahr: „Webkultur ins lineare Fernsehen bringen“

Der Second Screen und Social TV sind zwei brandheiße Eisen in der Welt des Fernsehens. Einige ehrgeizige Projekte wurden bereits in den USA und auch in Großbritannien erfolgreich umgesetzt. Anders als ausländische Kanäle haben jedoch deutsche Sender bisher wenig Engagement in diese innovativen Formate gesteckt. Bis jetzt. Vom 14. Mai an wird der Bayrische Rundfunk nämlich ein vierwöchiges Social-TV-Format, namens „Die Rundshow“ präsentieren, welches in dieser Form einzigartig ist. Mit im Entwickler-Team und außerdem Moderator der Rundshow ist Richard Gutjahr, der mir trotz einem vollem Terminkalender ein paar Fragen zu dem Projekt beantwortet hat.


Ich habe heute Richard Gutjahr im Interview, der dieser Tage an dem ziemlich revolutionären Projekt „Rundshow“ arbeitet. Die Rundshow ist ein Social TV-Projekt vom Bayrischen Rundfunk, dass es den Zuschauern erlaubt, aktiv an der Programmgestaltung mitzuwirken. Lieber Richard, erst einmal vielen Dank für deine Zeit!

Gerne doch.

Richard GutjahrDass Zuschauer das Fernsehprogramm aktiv mitbestimmen können, ist für viele Menschen, die sich nicht gerade im Twitterdunst bewegen und mit Echtzeitkommunikation etc. umzugehen wissen, so revolutionär, dass sie es sich eigentlich gar nicht vorstellen können. Erkläre unseren Lesern doch bitte einmal, wie genau es den Menschen möglich sein soll, live zu bestimmen, was geschaut wird.

Wir wollen einen Hauch Webkultur ins lineare Fernsehen bringen und die dort überwiegend vorherrschende Einbahnstraßenkommunikation durchbrechen. Zum Beispiel dadurch, dass wir vor und nach der Show im Fernsehen erreichbar sind, dass wir nicht nur senden, sondern auch auf Empfang stellen. Uns kann man über Twitter, Facebook, Google Plus und eine App erreichen, die wir eigens für dieses Projekt programmiert haben. Diese App trägt den Namen „Die Macht“ und ist so etwas wie die Fernbedienung zur Sendung. Außerdem streamen wir unsere tägliche Redaktionskonferenz live im Blog und via Facebook. Dort kann auch jeder Zuschauer Themenvorschläge machen. Dort wollen wir die User auch mitunter bitten, uns bei der Recherche zu unterstützen. Zum Beispiel bei der Suche nach glaubwürdigen Quellen oder einem passenden Studiogast.

Das muss ein riesiger Aufwand sein all diese Kanäle zu bündeln, sie auszuwerten und daraufhin eine Entscheidung zu treffen, was nun als nächstes gesendet wird und was nicht. Ferner müsst Ihr doch dann jeweils immer bereits mehrere Formate in der Schublade haben, oder? Die je nachdem was der Zuschauer sehen will, hervorgeholt werden. Wie koordiniert Ihr das alles?

rundshow logoWir sind da noch ganz am Anfang. Wenn man sich auf den Medientagungen dieser Republik die Senderchefs und Programmstrategen so anhört, müsste man meinen, dass wir die Schubladen voll hätten mit innovativen Formaten und Konzepten. Die Wahrheit ist, dass Buzzwords wie „SocialTV“ oder „Second Screen“ allenfalls ansatzweise in den Programmen umgesetzt werden. Die Erfahrung, wie man in einer Live-Situation – oder sollte ich sagen in Echtzeit – mit Twitter-, Facebook-, Skype- und Google-Hangout-Konferenzen jongliert, haben wir schlicht und ergreifend nicht. Umso mehr muss man es dem Bayerischen Rundfunk hoch anrechnen, dass man dort diese Defizite erkennt und sich auf ein solches Experiment einlässt.

Hoch anrechnen auf jeden Fall. Im herkömmlichen Fernsehen ist die Interaktivität, wenn man das überhaupt so bezeichnen möchte, meistens über E-Mails oder Facebook-Kommentare gegeben, die dann am Ende einer Sendung vorgelesen werden. „Hart aber Fair“ ist da so ein Beispiel, welches mir da direkt einfällt. Bei euch wird das nun anders. Aber wie geht Ihr zum Beispiel damit um, wenn euch, sagen wir tausende Menschen verschiedene Themenvorschläge sowohl auf Facebook wie auch Twitter usw. täglich unterbreiten und Ihr euch nun für eines dieser Themen entscheiden müsst. Die Sendezeit ist ja nun mal, auch wenn Sie 24 Stunden umfasst, begrenzt.

Die Umsetzung von brandaktuellen Themen bereitet uns tatsächlich die meisten Kopfschmerzen. Anders als Tagesschau oder auch bei unserer BR-eigenen Rundschau haben wir von der rundshow keinen Apparat, keine gewachsenen Strukturen, auf die wir zurückgreifen können. Da entsteht alles quasi auf Zuruf: Recherche, Dreh, Grafik, Postproduction und so weiter – und das in kürzester Zeit. Wir haben uns das Ziel gesetzt, dass wir alles, was um 14 Uhr auf der im Netz-gestreamten Redaktionskonferenz von Redaktion und Publikum beschlossen wird, noch am selben Abend in der TV-Show zu haben. Wenn es da zum Beispiel heißt: „Die Euro-Krise in 90 Sekunden“ dann müssen Autoren und Grafiker sich mächtig ins Zeug legen, um noch am selben Tag einen Film ins Netz stellen zu können, der einerseits inhaltlich korrekt und andererseits auch noch witzig anzuschauen ist.

Das klingt sehr beeindruckend. Wie viele Personen arbeiten eigentlich an dem Projekt?

Der harte Kern sind 12 Leute, zum Teil vom Bayerischen Rundfunk, zum Teil aber auch von anderen ARD-Anstalten. Leute, die unser Projekt im Netz verfolgt haben. Wir hatten zeitweise sogar noch Mitarbeiter vom ZDF bzw. 3sat, die uns unterstützt haben. Leider haben dann am Ende, als es an die Realisierung ging, nicht alle von ihren Heimatsendern frei bekommen. Dafür erfahren wir sehr viel Unterstützung aus allen Teilen des BR. Irgendwie scheint der Funke auf alle Bereiche des Hauses übergesprungen zu sein; jeder bringt sich ein, unterstützt uns bei der Umsetzung unserer Ideen, sei es bei technischen Fragen oder bei juristischen Problemen. Dieses Projekt hat in den letzten Wochen hausintern eine unglaubliche Dynamik entwickelt.

Und hat darüber hinaus, auch über deutsche Grenzen hinweg für Aufsehen gesorgt. Ich habe gesehen dass sogar Jeff Jarvis in eurem Blog es sich nicht nehmen lassen hat, ein kleines Feedback als Kommentar zu hinterlassen.

Stimmt. SocialTV und Second Screen sind ja heuer die neuen Buzzwords schlechthin – in den USA wie auch bei uns. Das Timing für dieses Projekt hätte einfach nicht besser sein können.

Was für ein Blick hast du dahingehend eigentlich auf ausländische Projekte? Die Oscars und der SuperBowl haben ja beispielsweise Elemente des SocialTV in den Programmablauf eingebaut. Allerdings haben die nicht das Ausmaß umfasst, welches Ihr selber anstrebt. Glaubst du dass die Rundshow auch im Ausland neue Maßstäbe setzen wird oder sind die USA und GBR uns dennoch um einiges mehr voraus?

Es gibt sehr viele kreative Versuche, das Web mit dem Fernsehen zu verbinden. Vom Lokalsender in den USA, der mit Google Hangouts experimentiert, bis hin zu ‚The Stream‘ bei Al Jazeera. Überall werden Dinge ausprobiert. Das finde ich ganz großartig. Bis jetzt habe ich aber noch keine ‚Killer-Applikation‘ entdeckt, ohne die ich neben dem Fernschauen nicht mehr leben möchte. Ich denke, Twitter und Facebook werden da noch lange die Nase vorn haben. Aber wer weiß, ‚dieses Internet‘ ist ja immer für eine Überraschung gut.

Das ist eigentlich das perfekte Schlusswort. Ich danke dir bis hier hin und hoffe dass Ihr die ersehnte „Killer-Applikation“ liefert.

Danke dir, für dein Interesse!

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Andreas Weck

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.

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