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Rezension: „Journalism and Technological Change“

In einem Sammelband versuchen Wissenschaftler das Verhältnis zwischen Journalismus und Technologie auszuloten. // von Katharina Brunner

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Der Scherz bekommt mittlerweile einen grauen Bart und trotzdem funktioniert er noch immer: Einfach Eilmeldung vor eine nur mäßig spannende Nachricht schreiben. Der Witz zeigt das Problem, das Journalisten mit der immer schneller werdenden Geschwindigkeit im Nachrichtengeschäft haben. Denn neue technische Entwicklungen – seien es der Telegraf im 19. Jahrhundert, das Telefon im 20. oder das Internet im 21. Jahrhundert – bedeuten vor allem: steigende Geschwindigkeit im Nachrichtengeschäft.


Warum ist das wichtig? Das „Journalism and Technological Change“ zeigt wissenschaftliche Aspekte von Journalismus und Technologie

  • Technische Entwicklungen beeinflussen den Journalismus schon immer
  • Mit jeder Technologie steigt die Geschwindigkeit der Berichterstattung
  • Sicherheit und ökonomische Aspekte kommen zu kurz

 Doch bis zum Internet haben von dieser Beschleunigung vor allem traditionelle Medien profitiert, denn nur sie hatten die finanziellen Möglichkeiten, die teuren Technologien zu nutzen. Mit dem Internet hat sich das geändert: “Beschleunigung hat dem Aufstieg von Nachrichten (traditionellen Medien, Anm. d. Red.) bis zu einem Tipping-Point der Technologie geholfen – und dieser Punkt ist überschritten“, glaubt John Nerone. Denn Exklusivmeldungen können heute genauso gut von Amateuren kommen.

Und haben Journalisten doch einen Scoop gelandet und eine Meldung vor den Konkurrenten gebracht, dann nützt ihnen das nur mehr wenig. Hielt der zeitliche Vorsprung in analogen Zeiten noch 24 Stunden oder mehr, ist er heute in wenigen Minuten dahin. Nämlich ganz einfach dann, wenn die Konkurrenz die Nachricht als Eilmeldung bei sich selbst übernommen hat. Der Streit zwischen der Bild-Zeitung und Focus Online zeigt das schön: Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt wirft in einem Interview mit Turi2 der Online-Ausgabe des Focus vor, Inhalte „zu klauen“. Das Problem liegt da weniger in der Tatsache, dass die Medien voneinander abschreiben, sondern darin, dass die Bild versucht mit Inhalten Geld zu verdienen, die anderswo kostenlos zu kriegen sind. Mitchell Stephens vergleicht das damit, Eis verkaufen zu wollen, nachdem jeder bereits einen Kühlschrank zu Hause stehen hat.

Schritt zurück von der Nachrichtenfront

Die Daseinsberechtigung von traditionellen Medienhäusern kann also nicht mehr darin liegen, weiterhin im Rennen um die nächste Eilmeldung teilzunehmen. “Die prestigeträchtigsten Nachrichtenorganisationen werden einen Schritt zurück von der Nachrichtenfront machen“, prognostiziert Nerone.

Statt Schnelligkeit also Kontext, Erklärungen, Einordnung – kurz: diesen ominösen Qualitätsjournalismus. Doch was soll das genau sein? Stephens fordert den „wisdom journalism“: „Journalismus, der das Verständnis von der Welt stärkt.” Die technischen Entwicklungen, die den Journalismus auf so vielen Ebenen verändern, führt womöglich zu einer ganz neuen Kategorisierung: Karin Wahl-Jorgensen schlägt den Begriff des post-modernen Journalismus vor.

Die akademischen Aufsätze beginnen die Betrachtung allerdings nicht erst mit dem Internet. Telegrafen, Fotografie und Telefon werden genauso analysiert, wie aktuelle empirische Arbeiten zu Leser-Partizipation und sozialen Medien. Zum Beispiel: Wie beeinflussen Selbstregulierung und Kritik aus Social-Media-Kanälen die Arbeit von Journalisten? Um die wissenschaftliche Studie auf einen Satz herunterzubrechen: Selbst-Regulierung und soziale Medien haben keinen großen Einfluss, wichtiger sind Qualitäts- oder Ethikstandards innerhalb von Redaktionen.

schreiber-u4.inddSicherheitsaspekte fehlen

Die Herausgeber Martin Schreiber und Clemens Zimmermann stellen im Vorspann fest, dass die Journalismusforschung bisher in getrennten Lagern verläuft: Zum einen die technische Seite, die in den Naturwissenschaften verortet wird. Zum anderen die „Dimension der Inhalte“, die die Geisteswissenschaften bearbeiten. Diese Dichotomie müsse überwunden werden, denn wenn das Internet das alles verändernde Moment im Journalismus ist, dann ist jede Betrachtung des gegenwärtigen Journalismus auch eine der technologischen Möglichkeiten.

Zu kurz kommen im Buch die ökonomischen Implikationen: Zwar lässt es sich fast keiner der Autoren nehmen, darauf hinzuweisen, dass das Internet das analoge Geschäftsmodell in sich zusammenbrechen lässt. Den Zusammenhang zwischen technologischen Veränderungen und seinen wirtschaftlichen Folgen streifen die Autoren aber höchstens.

Die Beiträge im Buch speisen sich aus einer Konferenz im Frühjahr 2013. Der Zeitpunkt ist entscheidend. Denn in der Prä-Snowden-Ära standen Sicherheit von Kommunikation, Quellen und Daten nicht im Blickpunkt: Nur etwa eine der knapp 300 Seiten streift diese Aspekte. In einem etwaigen Nachfolgeband nehmen diese Themen sicher mehr Raum ein.

Martin Schreiber und Clemens Zimmermann (Hrsg.), „Journalism and Technological Change„, Campus Verlag


Teaser & Image by Russland und Ukraine (CC BY-SA 2.0)


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Katharina Brunner

Katharina Brunner

studiert Volkswirtschaftslehre in Regensburg und will Journalistin werden. Sie beschäftigt sich digitalem Journalismus, insbesondere der technischen Umsetzung. Ihr Blog heißt Schafott. Auf Twitter ist sie mit @cutterkom unter einem weniger martialischen Namen unterwegs. | Kontakt

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