Reddit-Button: Ein Knopf gegen die Langeweile

Mit einen Knopf hat Reddit ein spannendes Experiment gestartet, dass viel über uns als Teil der global vernetzten Community aussagt. Alles hat angefangen mit einem Aprilscherz. Am 1. April ging ein Post auf Reddit online, der ein neues Feature der Seite vorstellte: einen simplen Knopf, verbunden mit einem 60-Sekunden-Countdown. Mittlerweile haben fast 700.000 Reddit-Nutzer ein Mal gedrückt. Warum?

Ein falscher Klick, die Ungeduld war zu groß, und die Chance ist verspielt: Jeder Reddit-Nutzer, der bereits vor dem 1. April Mitglied war, kann aktuell auf das neue Feature der Seite, den Reddit-Button, klicken. Sobald ein Nutzer auf die Schaltfläche klickt, startet der 60-Sekunden-Countdown rechts vom Knopf erneut und zählt wieder herunter.

Die Herausforderung: Jeder Nutzer kann nur ein Mal den Reddit-Button betätigen. Mittlerweile liefert sich die Community einen regelrechten Wettkampf darin, sich beim Countdown zu unterbieten: Jeder will den Knopf zu einem möglichst späten Zeitpunkt im Countdown klicken. 35 Sekunden ist cooler als schon bei 40 Sekunden die Nerven zu verlieren.

Reddit Button Screenshot
Screenshot by Angela Gruber

Das Problem: Eine unübersichtliche Zahl an Konkurrenten, die vielleicht weniger Geduld haben als man selbst.

Und so entsteht gerade eine pyramidenförmige Hierarchie innerhalb des /r/thebutton-Subbreddits. Wer den Knopf gedrückt hat, bekommt eine farbige Markierung zugewiesen, die neben dem Usernamen erscheint. Eine prestigeträchtige gelbe Flagge haben nur ganz wenige Nutzer, sie hatten Glück und Geduld und haben den Knopf zu einem verhältnismäßig späten Zeitpunkt gedrückt: Bei 31 Sekunden oder weniger.

Zeichen der Schande ist die Farbe Lila. Die bekommt man zugewiesen, wenn man den Schalter klickte, obwohl noch 52 Sekunden oder mehr auf der rückwärts laufenden Uhr standen.

“31 ist genauso schlimm wie lila”, lästert ein 30-Sekunden-Champion

Was passiert, wenn der Countdown tatsächlich einmal ablaufen sollte, weiß keiner der Nutzer. Bisher ist der Countdown nie unter die 29-Sekunden-Marke gelaufen. Immer hat also vorher jemand geklickt.

Die Redditors haben angefangen, im “Complete Catalogue of Rare and Exotic Button Pushers” diejenigen Nutzer festzuhalten, die eine der seltenen gelben Markierungen eingeheimst haben, weil sie den Button spät geklickt haben. “31 ist genauso schlimm wie lila”, lässt ein 30-Sekunden-Champion gehässig wissen. Ein Twitter-Konto vermeldet mindestens alle 15 Minuten Neuigkeiten zu #thebutton.

Warum aber fasziniert der Knopf Hunderttausende Menschen? Timothy B. Lee schreibt dazu auf Vox.com:

The button is powered by two of the most powerful forces in human societies: status competition and boredom.

Wie lange es den Knopf noch gibt, hängt also vermutlich davon ab, wie viele wetteifernde Reddit-Nutzer den Countdown lange genug belauern, in der Hoffnung auf eine bisher noch nie vergebene orange oder rote Markierung.

Tatsächlich übt der Countdown, der vor einem auf dem Bildschirm abläuft, eine seltsame Anziehungskraft aus. Ich fühle mich an die Serie Lost erinnert und muss an den Knopf denken, den die Inselbewohner, allen voran Desmond, alle 108 Minuten drücken müssen. Auch hier erneuert sich dann der Countdown.

Vielleicht ist es so: Wie groß das Internet ist, ist für uns Nutzer selten greifbar. Der Reddit-Button veranschaulicht es uns, zumindest im Kleinen. Wenn vor unseren Augen der Countdown zurückspringt, dann wissen wir: Irgendwo auf der Welt hat gerade ein anderer Nutzer geklickt. Egal, wo er wohnt oder was er tut: In diesem einen Moment ist er uns selbst gar nicht so unähnlich.

Beinahe schon prophetisch klingen daher die Worte, mit denen der Aprilscherz, der zum sozialen Experiment gewachsen ist, gestartet wurde. Im Post heißt es:

We can’t tell you what to do from here on out. The choice is yours.

Dieser Artikel erschien zuerst auf netzkolumnistin.de


Image (adapted) „Hand Button“ by whitesession (CC0 Public Domain)

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Angela Gruber

Angela Gruber

ist freie Journalistin und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Auslandsaufenthalte in Israel und Washington, DC. In ihrer Arbeit geht es meistens ums Netz - egal ob für Zeit Online, den Tagesspiegel oder den Elektrischen Reporter. Sie bloggt unter netzkolumnistin.de und ist als @netzkolumnistin auf Twitter unterwegs.

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