Qwant – Eine Alternative zu Google?

Die französische Suchmaschine Qwant startet in Deutschland und verspricht Sicherheit und Anonymität im Digitalen. // von Tobias Schwarz

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Die französische Suchmaschine Qwant stellte sich am Dienstag in Berlin vor und lud dazu auch die Netzpiloten ein. Die erste Suchmaschine aus Europa, wie es aus Marketinggründen gerne verkürzt erzählt wird (und vom Moderator ungeprüft übernommen wurde), ist Qwant zwar nicht, aber einer der ersten ernsthaften Versuche, eine europäische Alternative zu Google und Bing zu sein, die auch das Web indexiert.


Warum ist das wichtig? Die Marktmacht von Google und die Vorherrschaft von US-Webdiensten macht die Schaffung (europäischer) Alternativen, die auf Neutralität setzen, zu einer dringenden Aufgabe.

  • Qwant ist eine französische Suchmaschine, die durch Anonymität und Sicherheit bei den Nutzern punkten will.
  • Diese Versprechen kann Qwant zwar nicht einhalten, trotzdem ergeben sich interessante Geschäftsmodelle durch die Konzeption der Suchmaschine.
  • Sicherheit im Digitalen ist bisher nur ein Argument fürs Marketing, das aber allein zeigt die Bedeutung des Anliegens und macht Hoffnung auf wirksame Lösungen.

Die Suchmaschine ist erst im Juli 2013 in Frankreich gestartet, doch nach wenigen Monaten bereits können die drei Gründer Jean Manuel Rozan, Eric Leandri and Patrick Constant auf beeindruckende Zahlen hinweisen, die die beiden erst genannten Gründer gestern in Berlin präsentierten. Qwant ist nach eigenen Angaben mittlerweile in mehr als 200 Ländern verfügbar (also PR-Sprech für die ganzen Welt und seit gestern eben auch in Deutschland) und zählt heute mehr als 8 Millionen Besucher und 507 Millionen Anfragen. Die Suchmaschine wird von einem internationalen Team bestehend aus 25 Ingenieuren in Paris und Nizza geführt.

Sicherheit im Digitalen – Zwischen Marketing und Anspruch

In einer von Thomas Keup moderierten Diskussionsrunde redeten Rozan und Leandri mit dem IT-Journalisten Frank Schmiechen und Dr. Ortwin Wohlrab, Experte im Bereich IT-Sicherheit, über die Suchmaschine der Zukunft und wie Qwant versucht dieser Version näher zu kommen. Das Gespräch drehte sich aber vor allem um die Problem der globalen Überwachung des Internets im Hier und Jetzt. Ein Argument für die Nutzung von Qwant ist die angebliche Sicherheit und die Selbstverwaltung der eigenen Nutzerdaten. Im Gegensatz zu Google möchte Qwant nicht die Suche erahnen und Antworten anbieten bevor überhaupt die Frage gestellt wurde. Auf Cookies zur Identifizierung von Nutzern verzichtet Qwant deshalb. Die Nutzer können bestimmen, welche Kategorien und Filter sie bei ihrer Suche nutzen wollen.

Wir möchten die Freiheit der Nutzer bei der Suche im Internet wiederherstellen. Deshalb erfolgt die Ergebnisanzeige bei Qwant.com ungefiltert und unabhängig von vorherigen Suchanfragen und der Besucher bleibt anonym„, erklärte Rozan den besonderen Fokus auf Datenschutz und Nutzerrechte. Diesen empfindet Frank Schmiechen als leicht übertrieben: „In den USA redet niemand über Datenschutz, sondern über Möglichkeiten und Veränderungen. Das stimmt zwar, was Schmiechen hier übersieht ist, dass gerade dieser Unterschied das Hauptargument für Qwant ist, dass seine europäische Herkunft betont und die Sorgen europäischer und vor allem deutscher Nutzer ernst nehmen möchte. In wenigen Wochen ist Europawahl, das Europäische Parlament arbeitet gerade an einer europäischen Datenschutzreform und noch ist eine Befragung des Whistleblowers Edward Snowden (wenn auch nicht vor Ort in Brüssel oder Straßburg) geplant.

Sicherheit im Digitalen ist ein Thema, dass nicht ignoriert werden kann, wie Ortwin Wohlrab einwarf. Sichere Kommunikation ist für ihn ein sehr wichtiges Thema, dass aber seiner Erachtens eine globale Relevanz hat und nicht durch ein „europäisches Internet„, wie es populistisch in der Politik diskutiert wird, erreicht wird. Wohlrab erinnerte daran, dass das Internet vom Grundsatz her offen ist. Leandri betonte zum Ende der Diskussion über Sicherheit, dass Qwant sich den europäischen Bedenken bewusst ist und die anfallenden Nutzerdaten vor allem in Frankreich, Luxemburg, der Schweiz und auf Island speichert. In Frankreich ist die Suchmaschine allerdings, ähnlich wie IT-Unternehmen in dern USA, durch eine Auskunftspflicht gegenüber der französischen Regierung zur Kooperation und Weitergabe von Daten gezwungen, die auf französischen Servern gespeichert sind.

Das Geschäftsmodell von Qwant

Das Besondere an Qwant ist die Darstellung von Suchergebnissen aus den unterschiedlichsten Quellen. Die Ergebnisse können aufgeteilt in Spalten oder Kacheln angezeigt werden, die Informationen stammen von Nachrichtenseiten, der Wikipedia oder sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Sogar eine Art Knowledge Graph, ähnlich dem von Google, gibt es. Sämtliche Ergebnisse werden neutral den Nutzern angezeigt. „Mit unserem Anliegen, bei Suchanfragen neutral zu sein, die Privatsphäre der Internetnutzer zu schützen und den uneingeschränkten Zugang zu öffentlichen Inhalten – inklusive der sozialen Netzwerke – zu ermöglichen, entsprechen wir den Wünschen der meisten Internetnutzer„, erklärte Rozan. Für Eric Leandri ist Qwant deshalb auch mehr eine Discover Engine als eine Suchmaschine.

Geld verdienen will Qwant durch den Verkauf der Technologie und weniger durch Werbung auf der Seite. Schon jetzt wird der proprietäre Suchalgorithmus von Unternehmen wie den Fußballvereinen FC Barcelona und Olmypique Lyonnais oder auch der US-Raumfahrtorganisation NASA genutzt. Durch die Darstellung von Social Media-Ergebnissen bieten sich vor allem für Fernseh- und Rundfunkanstalten in den Bereich Monitoring und Social Impact neue Nutzungsmöglichkeiten. Eine White Label-Version der Suchmaschine soll Unternehmen, Verwaltungen aber auch Staaten angeboten werden. Dazu kommt das Thema E-Reputation, dass für Unternehmen im relevanter wird.

In Berlin stellt Qwant erstmals zwei neue Kooperationspartner vor, TripAdvisor und Firefox. Durch die Kooperation von Qwant mit TripAdvisor werden künftig Rezensionen, Bewertungen und Bilder von Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten in den Suchergebnissen angezeigt, was den Nutzern eine umfangreichere Reiseplanung ermöglichen soll. Die Zusammenarbeit soll außerdem die Flugsuche und Vergleichsfunktion auf Qwant vorantreiben. Hier ist eine neutrale Anzeige von Ergebnissen kaum noch möglich . Die Partnerschaft mit Firefox umfasst im Wesentlichen die Integration der Qwant-App in das mobile Betriebssystem Firefox OS. Nutzer von Smartphones und anderen mobilen Endgeräten mit Firefox OS, erhalten zukünftig Qwant als Standard-Suchmaschine vorinstalliert.

Qwant hält nicht alles, was es verspricht

Qwant ist in erster Linie eine Suchmaschine und nicht Teil einer Unabhängigkeit ermöglichenden europäischen Infrastruktur. Sicherheit, Anonymität und Neutralität sind starke Worte, die sich allerdings bei genauerer Betrachtung nur als Marketingargumente erweisen. Die Integration verschiedener Informationsquellen kann für einige Nutzer einen interessanten Mehrwert darstellen, weshalb Qwant die Möglichkeit hat, sich einen kleinen Platz auf dem Markt der Suchmaschinen zu ergattern. Wer aber auf Anonymität Wert liegt, dem sei die niederländische Suchmaschine Startpage empfohlen. Google muss beide Konkurrent nicht fürchten. Trotz der intensiven Suche des Unternehmens nach den Geschäfts- und Forschungsgebieten der Zukunft, bleibt Google durch sein eigenes Ökosystem an Diensten das Maß aller Dinge.


Lesetipps zum Thema QWANT:

  • Netzpiloten-Autor Tobias Gillen hat Qwant zum Deutschland-Start der französischen Suchmaschine getestet und seine Erfahrung auf BASIC thinking veröffentlicht.
  • Im Interview mit Hannah Loeffler reden die beiden Gründer von Qwant auf Gründerszene, wie sie mit Suchergebnissen aus Social Media keine Konkurrenz, sondern eine Alternative zu Google sein wollen.
  • Das Versprechen von mehr Datenschutz kann Qwant unserer Meinung nach nicht halten; auf Golem setzt sich Friedhelm Greis mit dem Cookie-Märchen der Franzosen auseinander und erklärt, wieso die Suchmaschine vielleicht wirklich mehr eine „Entdeckungsmaschine“ ist, wie Cheftechniker Eric Leandri abseits vom Marketing auch zugibt.

Teaser & Image by Qwant


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Tobias Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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