Push-Eilmeldungen: Unter Dauerstrom

Elf News-Apps, sieben Tage und vollständig aktivierte Eilmeldungen: nicht nur der Akku des Smartphones litt während dieser Zeit. Auch die Nerven des Autors waren zum Schluss nicht mehr die besten. Ein Erfahrungsbericht zu den Push-Benachrichtigungen der Redaktionen Deutschlands. Nachrichten-Apps haben heute standardmäßig eine Push-Funktion für Eilmeldungen. Als Nutzer wird man hierdurch über wichtige Nachrichten per Push-Benachrichtigung auf dem Smartphone informiert. Eilmeldungen haben Gewicht, sie verlangen die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten. Sie zeigen, dass etwas Wichtiges passiert ist. Aber stimmt das? Vor einiger Zeit wagte ich eine Woche lang ein Experiment, das ich im Nachhinein fast bereue. Sieben Tage, elf Nachrichten-Apps und standardmäßig aktivierte Push-Benachrichtigungen. Die Erkenntnis nach einer Woche: nicht nur der Akku leidet unter dem Dauerstrom der Nachrichten, sondern auch die Nerven des Nutzers.

Das Smartphone blinkte 23 Mal am Tag

Wie viele Nachrichten sind in einer Woche von solch unabdingbarer Wichtigkeit, dass sie per Eilmeldung und Push-Benachrichtigung über den Äther geschickt werden müssen? Laut der größeren Nachrichten-Apps waren es in jener Woche im März 163 wichtige Ereignisse. 163 Eilmeldungen schickten die elf betrachteten Dienste innerhalb von nur sieben Tagen ab. Im Schnitt blinkte das Smartphone nur aufgrund dieser Meldungen 23 Mal am Tag. Dabei schwankte ihre Zahl erheblich – zwischen 4 und 41 Benachrichtigungen flogen täglich ein. Den mit Abstand größten Traffic verursachte dabei die App von FOCUS Online. Manch ein Nachrichtenportal war mit bis zu zehn Eilmeldungen in der Woche ganz gut vertreten – eine Menge von Meldungen, die jeweils für sich betrachtet kaum störend ist. Doch FOCUS Online penetrierte das Smartphone mit insgesamt 71 Eilmeldungen innerhalb von sieben Tagen. Durchschnittlich zehn Mal am Tag vibrierte es in der Hosentasche aufgrund des Burda-Mediums.

Missbrauch der Eilmeldungen

Es lässt sich gerne darüber streiten, wann eine Nachricht eine Eilmeldung wert ist. Doch FOCUS Online hat phasenweise wirklich übertrieben. „Grusel-Fund – Kanufahrer entdeckt kopflose Leiche nahe Hannover“ „Nach Fahndungsaufruf – Moderatorin während Live-Sendung begrapscht: Verdächtiger stellt sich Polizei“ „Super-Wahlsonntag auf FOCUS Online – Sehr hohe Wahlbeteiligung: Gibt es um 18 Uhr das Deutschland-Beben?“ Solche Meldungen haben zwar durchaus einen Nachrichtenwert, sind aber definitiv nicht wichtig genug, um sie mittels +++EIL!+++ auf die Smartphones der Nutzer zu schicken. So entsteht nur ein unangenehmer Daueralarm, der das Interesse an den Nachrichten eher schwinden lässt. Zwar treibt FOCUS Online dieses Spiel auf die Spitze, jedoch sind auch andere betrachtete Eil-Services mit unwichtigen News überfrachtet. Es ist also kein Wunder, dass viele Menschen die Push-Services deaktivieren – oftmals, ohne den Benachrichtigungen überhaupt eine Chance zu geben. Und wenn ein News-Service besonders negativ auffällt, hat das auch Einfluss auf die Wahrnehmung anderer Apps. Es bräuchte dringend eine Differenzierung und Individualisierung von Push-Benachrichtigungen. Zwar bieten manche News-Services an, nur Eilmeldungen oder lediglich News aus einem bestimmten Ressort per Push-Notification zu versenden, jedoch ist dies noch stark unterentwickelt oder wird gar missbraucht. Negativ aufgefallen ist dabei die N24-App, deren Push-Benachrichtigungen zwar explizit nur Eilmeldungen einschließt, jedoch gerne mal normale News oder gar Programmhinweise einfließen lässt. „Die fünf Wahrheiten über das billige Geld“ als Reaktion auf eine EZB-Zinsentscheidung mag als Artikel vielleicht interessant sein, ist jedoch nicht als Push-Eilmeldung geeignet.

Wann wird eine Nachricht zur Eilmeldung? Medien sind sich nur selten einig

Dabei waren sich die Medien nur selten einig, ob eine Nachricht zur Eilmeldung mutieren sollte. Das war meistens bei sportlichen Themen der Fall. Die positive Dopingprobe von Tennisspielerin Maria Sharapova oder die Verpflichtung der Kovac-Brüder als Trainer von Eintracht Frankfurt wurden von vielen Medien per Eilmeldung verschickt. Aber auch die Schließung der Balkanroute, Ursula von der Leyens Doktortitel oder die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt bewogen viele Medien dazu, inhaltlich ähnliche Eilmeldungen abzusenden. Im betrachteten Zeitraum schaffte es jedoch keine Nachricht, alle elf Apps in Alarmbereitschaft zu versetzen. Das lag vermutlich auch am passiven Verhalten der Spiegel Online- und heute-App, die sich innerhalb dieser sieben Tage kein einziges Mal meldeten. Auch die Zeit-App war nur ein einziges Mal aktiv. So sehr man den Wust an FOCUS-Eilmeldungen auch kritisieren muss, so ist die Zurückhaltung dieser drei Dienste enttäuschend, da die eine oder andere Nachricht durchaus den Wert einer Eilmeldung hatte. Doch die Differenzen zwischen den Applikationen zeigen vor allem, dass die Redaktionen sich bis heute nicht einig sind, wann eine Eilmeldung wirklich angebracht ist und wann man diese Funktion offenbar zur Generierung von Traffic missbraucht wird.

Die Sucht nach Benachrichtigungen

Dass dieses Experiment nach sieben Tage ein Ende gefunden hat, war eine absolute Erleichterung. Der durchgehende Strom an Eilmeldungen war überwiegend anstrengend, da die meisten Nachrichten nicht wichtig genug waren, um ihnen eine derart große Aufmerksamkeit zu schenken. Einige Angebote überraschten jedoch auch positiv, vor allem von der BILD-App, die sich bezüglich der Eilmeldungen sehr zurückhaltend und wenig reißerisch verhalten hat – auch wenn die dargebotenen Meldungen dann meistens in ihrer Relevanz überschaubar waren. Es zeigte sich letztlich, dass es offenbar keinen allgemeingültigen Maßstab für Eilmeldungen gibt und die Funktion gerne mal zum Clickbaiting missbraucht wird. Schlussendlich muss man als Nutzer wählerischer sein, um nicht durchgehend abgelenkt zu werden – vor allem, weil die Notifications durch Smart Watches noch näher an uns heranrücken. Die Sucht nach Benachrichtigungen, nach dem Up-to-Date-sein ist auf Dauer nicht gesund. Und auch wenn man froh darüber ist, die zahlreichen Benachrichtigungen los zu sein, so greift man doch jedes Mal sofort zum Smartphone, wenn wieder eine Eilmeldung über den Ticker ging. Es könnte ja etwas wirklich Wichtiges passiert sein…


Image (adapted) „Notification Bar“ by Johan Larsson (CC BY 2.0)


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Robert Meyer

Robert Meyer

studiert Politikwissenschaft (M.A.) an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er interessiert sich vor allem für Europäische Integration, Sozial- und Medienpolitik. Unter anderem untersuchte Robert die politische Debatte über die Finalität der Europäischen Union sowie verschiedene Aspekte von Wahlkämpfen und der öffentlichen Meinung. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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