Träumen für die Psyche: Wie wir uns (irgendwann) im Traum heilen können

Ungefähr die Hälfte von uns werden während ihres Lebens das Gefühl haben, „aufzuwachen“ und während des Traumes bei Bewusstsein zu sein – möglicherweise können wir in diesen sogar bewusste Entscheidungen treffen. Derartige „Klarträume“ sind nicht nur eine lebhafte und erinnerungswürdige Erfahrung für den Träumer, sie sind auch für Neurowissenschaftler und Psychologen von großem Interesse. Das kommt daher, da sie eine seltsame Mischform zwischen  wachem Bewusstsein und Schlaf darstellen, welche uns völlig neue Dinge über unsere inneren Leben und das Unterbewusste verraten könnte.

Viele der Traumata, die wir während unseres wachen Lebens durchleben, werden in unseren Träumen verarbeitet. Dies hat einige Forscher dazu geführt, eine gewagte Frage zu stellen: könnten Klarträume eines Tages einen Weg zur Behandlung von psychologischen Störungen bieten – wodurch wir Ängste bekämpfen und Verhalten in der relativ sicheren Umgebung unserer eigenen Träume ändern könnten? Bisher bleibt eine solche psychotherapeutische Anwendung noch  ungetestet – jedoch wurde sie genutzt, um wiederkehrende Albträume zu behandeln, die oft mit Traumata assoziiert werden.

Schlaf und (nicht-luzides) Träumen dienen einer Reihe von Funktionen, welche wichtig für unsere emotionale Gesundheit sind. Beispielsweise setzt während eines fortlaufenden Zyklus des „Rapid Eye Movement“ (REM)-Schlaf (jener Phase, während derer am meisten geträumt wird) eine nächtliche Stimmungsregulierung ein, welche die emotionalen Gehirnareale „neu startet“. Beispielsweise konnte die Forschung zeigen, dass wir dazu tendieren, während des Tagesablaufs zunehmend sensibler für Gesichter zu werden, welche wütende oder ängstliche Ausdrücke zeigen, jedoch REM-Schlaf diese Tendenz umkehren kann. Diese Art des Schlafes ist auch dafür bekannt, uns während der Findung neuer, kreativer Lösungen auf Probleme des wachenden Lebens finden zu lassen.

Dieser Prozess kann jedoch unterbrochen oder beeinträchtigt werden, beispielsweise in der Folge eines traumatischen Ereignisses. Mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung wird während ihres Lebens Ereignisse erleben, welche sie als traumatisch empfinden, in einigen Fällen führt dies zu einer Post-Traumatischen Störung. Albträume sind die häufigsten entkräftenden Symptome dieses Zustands.

Veröffentlichte Fallstudien legen jedoch nahe, dass Klarträumen eine effektive Linderung bei chronischen Albträumen bieten kann. Weitere kontrollierte Nachforschungen legen ebenfalls nahe, dass Klarträumen, entweder als einzelne Technik oder als eine Erweiterung anderer psychotherapeutischer Ansätze, erfolgreich angewendet werden kann, um die Häufigkeit und Stärke von Albträumen zu vermindern.

Es gibt auch einige Hinweise darauf, dass Klarträumen induziert werden kann. Während solcher Studien werden den Teilnehmer für gewöhnlich eine Reihe von Techniken beigebracht, beispielsweise das In-Frage-stellen der eigenen Umgebung (Ist das echt oder träume ich gerade?), was die Wahrscheinlichkeit erhöht, einen Klartraum zu haben. Teilnehmern werden ebenso dazu angehalten, sich vor dem Schlafengehen klar zu machen, dass ihre Albträume nicht real sind. Jedoch ist es nicht wirklich klar, welche Induktions-Techniken am wirkungsvollsten sind.

In der Albtraum-Studie planten Teilnehmer ebenso, was sie tun würden, wenn sie erst klar träumen (dies hilft den Träumer dabei, vorbereitet zu sein und Geistesgegenwart zu bewahren, wenn sie mit furchteinflößendem Material konfrontiert werden). Dieses Training reduziert das Aufkommen von Albträumen, selbst wenn der Teilnehmer es nicht schafft, klar zu träumen. Berichte legen nahe, dass einfache Änderungen – wie das Auswechseln eines Gegenstandes in einem wiederkehrenden Traum – den emotionalen Ton und das Erlebnis des Traumes erheblich verändern kann, was uns dabei hilft , zu realisieren, dass dieser nicht real ist und dass wir die Kontrolle über ihn haben.

Es wäre voreilig, Klarträumen als die im Moment favorisierte Methode zur Behandlung von Albträumen darzustellen. Aber wenn wir erst einmal genug Daten über die Kurz- und Langzeitwirkungen auf Albträumen und das allgemeine Wohlbefinden gesammelt haben, könnte dies eines Tages der Fall sein.

Klarträumen als eine Verhaltenstherapie?

Traumata und die resultierenden Albträume sind ein Merkmal vieler anderer psychischer Störungen, Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen und sogar ADHD mit eingeschlossen. Während wir meistens bei traumatischen Ereignissen an den Tod von Nahestehenden, einen Unfall oder eine Katastrophe denken, erkennen viele Psychologen an, dass jedwede Erfahrung, die unsere Fähigkeit übersteigt, mit Dingen zurecht zu kommen, posttraumatisch störungsähnliche Symptome hervorrufen kann. Wir neigen dazu, diese Erfahrungen von uns weg zu schieben. Jedoch zeigten neueste Forschungen, dass Vermeidung und Unterdrückung nicht ungewollte Gefühle oder Gedanken auflöst. Stattdessen neigen sie dazu, in unserem Bewusstsein wieder aufzutauchen – unseren Träumen eingeschlossen. Es kann daher sein, dass unsere Träume uns etwas über unsere Traumata erzählen, die wir unterdrücken.

Wir wissen ebenfalls, dass eine Korrelation zwischen den Gedanken und Verhalten unseres wachenden Lebens und jener in unseren Träumen besteht – bekannt als die Fortführungs-Hypothese. Demnach handelt eine Person, die Angst erlebt und im wachenden Leben dazu neigt, hilflos zu agieren, in ihren Träumen wahrscheinlich ebenso.

Auf diese Art können Träume zu Erkenntnissen führen, wie Einstellungen Reaktionen hervorrufen, oder der Forschung wertvolle Informationen liefern. Darüber hinaus können, wenn eine Person lernen kann, klar zu träumen, sich diese Erkenntnisse einstellen, während der Traum sich ereignet. Der wichtigste Aspekt hierbei ist, dass die Person tatsächlich in dem Traum reagieren kann – möglicherweise, indem ihre Ängste durch neues Verhalten bekämpft wird. Dies könnte sich als sehr viel schwieriger im echten Leben erweisen, daher könnten Klarträume ein wichtiger Startpunkt sein.  Die im Traum geprobten Verhaltensmuster könnten ebenfalls von selbst auf das wache Leben abfärben.

Erkenntnisse über die eigene momentane Realität – und die Fähigkeit, sich von dieser zu distanzieren, ist als metakognitives Bewusstsein bekannt. Dieses Bewusstsein hilft vielen Menschen, die von einer wiederkehrenden Depression leiden, dabei, zu genesen, mit der Hilfe von kognitiven Verhaltenstherapien und achtsamer Meditation. Gehirnregionen, welche ein Rolle in der Metakognition spielen, gehören zu den aktivsten während eines Klartraums. Eine Studie zeigte, dass Menschen, die Klarträume haben, tagsüber regelmäßig bessere Erkenntnisse haben. Dies legt nahe, dass derartige Träume uns dabei helfen könnten, die eigene Achtsamkeit zu kultivieren.

Prinzipiell mag Klarträumen eine leistungsfähige Hilfe bei der Förderung von Erkenntnissen und emotionalen Wandel sein, da man Schritt für Schritt bewusst einen Zugang zu den Funktionsweisen der Psyche gewinnt – unterdrückten Gefühlen mit eingeschlossen. Dies könnte sogar eine Möglichkeit liefern,  Problematiken wie Sucht zu bearbeiten, so wie auch ein Hypnose-Therapeut bei einer Nikotinsucht durch das Suggerieren einer bewussten Absicht vorgehen würde. Dies könnte Menschen auch dabei helfen, sich psychologischer Blockaden und Dissonanzen zu entledigen, wodurch sie neue Level der Offenheit und psychologischer Reife erreichen würden. Beispielsweise berichten Klarträumer oftmals, dass Phobien des realen Lebens wie Flugangst, Angst vor Insekten, Höhen, vor Sprechen vor Publikum und andere überwunden werden können, indem sie diese in der relativen Sicherheit des Traums konfrontierten.

Während wissenschaftliche Studien bezüglich der Möglichkeit der Behandlung solche Phobien noch ausstehen, ist es dennoch eine verlockende Möglichkeit, die erforscht werden sollte. Derartige Forschung könnte es uns ermöglichen zu verstehen, ob und zu welchen Ausmaßen Klarträumen ein Teil des psychotherapeutischen Werkzeugkastens der Zukunft werden kann und welche Erkenntnisse es uns über die Funktionsweise des Unbewussten liefern kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Traumfänger“ by Orangefox [CC0 Public Domain]


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Adhip Rawal

Adhip Rawal

ist Tutor für Psychologie an der Universität Sussex. Er interessiert sich für emotionale Verarbeitungsprozesse, das menschliche Unterbewusstsein und beschäftigte sich mit Schlafverhalten und Träumen.

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