Der Preis der Verknüpfung: Vom „Überwachungskapitalismus“

Stellen Sie  sich eine Zeit vor, die lange vor der heutigen internetbasierten Vernetzung existiert hat. Stellen Sie sich vor, dass der Bevölkerung jedes Landes in dieser fernen Zeit ein neuer Plan angeboten wird. Der Plan würde die Verknüpfung jedes Raumes sozialer Interaktion, der meisten Arbeitsplätze, eines Großteils privater Augenblicke voller  Reflexion sowie einen bedeutenden Anteil familiärer Interaktionen beinhalten.

Einmal auf diese Weise verbunden, würden all diese verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens auf eine einzige nahtlose Ebene der Archivierung, Beobachtung und Verarbeitung gebracht werden. Den Völkern würde erklärt, diese Verknüpfung werde einige bemerkenswerte Folgen haben. Jede dieser einstmals voneinander getrennten Ebenen könnte in Echtzeit mit jeder anderen verknüpfbar sein. Die Inhalte des dortigen Geschehens würden mit allem und von überall verknüpfbar sein.

Möglicherweise wäre dies weniger gut: Jede Ebene würde grundsätzlich von jeder anderen aus überwacht werden können und würde somit unter Beobachtung durch Institutionen mit der angemessenen Infrastruktur stehen. Vielleicht wäre dies besser: Die nahtlose Verbindungsebene würde die Basis für den Aufbau neuer Arten von Wissen über die menschliche Welt darstellen – Kenntnisse, die nie zuvor auf solche Art und Weise als Ganzes verknüpft waren.

Können wir uns vorstellen, dass diese Völker einen solchen Vorschlag ohne zu zögern annehmen? Wahrscheinlich nicht. Dabei ist dies in vereinfachter Form die Welt, die wir heute feiern sollen.

Im Laufe der vergangenen 30 Jahre haben Veränderungen in unserer Kommunikationsinfrastruktur großangelegte Bestrebungen, die Möglichkeiten sozialer Ordnung zugunsten eines funktionierenden Marktes und kommerzieller Ausbeutung umzugestalten, ermöglicht. Einige sehen darin einen neuen „Überwachungskapitalismus“. Dieser ist eher auf Datengewinn als auf die Produktion neuer Güter fokussiert und generiert somit starke Konzentrationen von Macht über den Gewinn und bedroht zentrale Werte wie Freiheit.

Ich stimme dem zu – aber wie genau funktioniert diese Drohung? Und was könnte der „Preis“ dieser Transformation sein, die in Dimensionen verläuft, die Wirtschaftswissenschaftler nicht erheben können?

Die neuen Infrastrukturen der Verknüpfung

Wenn ich den Preis der Verknüpfung hervorhebe, ist nicht die Verknüpfung selbst das Problem. Problematisch ist, was die Verknüpfung mit sich bringt, besonders ihre Infrastruktur zur Überwachung, die der faustische Pakt beinhaltet. 

Der Überwachungskapitalismus wurde nur durch die Entwicklung des Internets möglich. Obwohl dem Internet häufig zugeschrieben wird, Freiheit gebracht zu haben, ist seine wichtigste Eigenschaft die der Verknüpfung, nicht der Freiheit.

Das Internet verändert die Größenordnung, innerhalb derer die Menschen miteinander in Kontakt stehen. Die Verknüpfbarkeit aller Informationspakete, aller Orte, von denen aus wir auf das Internet zugreifen, und aller Akteure in diesem Raum – was zukünftig zu einer Domain des „Internets der Dinge“ erweitert werden wird – schafft ein wechselseitiges Geschäft: Wenn jeder Punkt in Raum und Zeit mit jedem anderen verknüpft werden kann, dann ist er auch von jedem anderen leicht zu überwachen.

Starker ökonomischer Druck treibt die Intensivierung von Verknüpfung und Überwachung im Internet voran. Die Räume des Soziallebens sind offen für die Ausnutzung durch Firmenakteure geworden, abzielend auf Profitgewinn und/oder die Aufforderung zur Handlung. Wie Joseph Turow schreibt„…die Zentralität von Firmenmacht ist eine direkte Realität genau im Herzen des digitalen Zeitalters.“

Für mehr als ein Jahrzehnt hat die Schwierigkeit im gezielten Übermitteln von Nachrichten im Internet an ganz bestimmte Kunden nun schon Werbende dazu gebracht, Zielgruppen durch kontinuierliches Verfolgen individueller Personen, wo auch immer sie online sind, zu erreichen.

Online-Plattformen sind trotz ihres unschuldig klingenden Namens ein Weg, um die Überlappung zwischen den Domains von sozialer Interaktion und Profit zu optimieren. Der Kapitalismus ist zunehmend darauf konzentriert, den Anteil des Soziallebens, der offen für Datenaufnahme und -verarbeitung ist, zu erweitern: es ist, als sei das Soziale selbst das neue Ziel der Erweiterung des Kapitalismus geworden. Bruce Schneider hat es unverblümt ausgedrückt: „Das primäre Geschäftsmodell des Internets baut auf Massenüberwachung auf.“ Welche Auswirkungen hat dies also für das Sozialleben?

Das Soziale wiederherstellen

Es ist verblüffend, dass wir nicht schon viel wütender über diese Transformation sind. Wir mochten Massenüberwachung in ihren historischen Formen nie. Wenn wir ‚Das Leben der Anderen‘ anschauen, empfinden wir Mitgefühl für den einsamen Funktionär, der verdammt ist zu einem Leben (des Beobachtens der Anderen), von dem er und auch wir wissen, dass es grundlegend falsch ist.

Wie kann also eine ganze Infrastruktur der Überwachung, die an anderer Stelle so offensichtlich falsch war, plötzlich richtig oder sogar richtiggehend positiv belegt werden, wenn sie von Firmen an der amerikanischen Westküste eingerichtet wird ?

Eine Erklärung ist, dass diese Überwachung uns nicht in ihrer Gesamtheit erscheint, sondern eher als ein notwendiges Mittel zu etwas vermeintlich viel größerem Guten. Gesundheit ist nur ein Bereich, in dem individuelle Fügung angesichts kontinuierlicher externer Überwachung als positiv erachtet wird. Die Vorzüge der Interpretation (und damit zwingend der Erfassung) großer Datenmengen werden oft als völlig auf der Hand liegend herausgestellt: „eine Revolution in Selbstfürsorge“, die „jemanden tatsächlich Sicherheit und Wohlbefinden fühlen lässt“.

Gary Wolf, Guru des Quantified Self-Movement schrieb„Automatische Sensoren… erinnern uns daran, dass unser gewöhnliches Verhalten unklare quantitative Signale enthält, die benutzt werden können, um unser Verhalten zu informieren, wenn wir gelernt haben, sie zu deuten.“

Unser Leben wird nun also immer schon als „Datensammlung“ gesehen. Das Ergebnis kann tröstlich sein. Der Guardian berichtete kürzlich über ein im Auto installiertes Beobachtungsgerät für ungeübte Fahrer, das Versicherungen als Teil eines Angebots für gesenkte Prämien anbieten. Die Überschrift in der Druckausgabe lautete: „Ein hilfreicher Spion hinter dem Armaturenbrett ist der neue beste Freund eines jungen Fahrers.“

Hier kommt eine Umstrukturierung sozialer Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Datensammlung zum Einsatz, die so tiefgreifend ist wie der Aufbau von Netzwerken über große Entfernungen, von denen die Marktstruktur des industriellen Kapitalismus abhängig ist.

Als großer Historiker dieser Zeitperiode drückt Karl Polanyi es so aus, dass für die Erschaffung neuer Märkte „der Effekt äußerst künstlicher Reizmittel, dem sozialen Körper verabreicht“, unabdingbar ist.

Heute ist eine soziale Stimulierung nicht notwendig, um vernetzte Märkte zu etablieren – sie existieren schon 200 Jahre oder länger – sondern um jede soziale Aktivität mit einer Datenebene zu verknüpfen, eine verwaltete Kontinuität, die Wert generieren kann.

Unabhängigkeit aufgeben

Irgendetwas ist hier tiefgreifend falsch, aber was genau? Das Problem reicht tiefer als das Risiko des Missbrauchs unserer Daten durch skrupellose Unternehmen: Die meisten von uns vertrauen wahrscheinlich manchmal Facebook. Ein größeres Problem trat beim Bekanntwerden der Enthüllungen Snowdens über die US National Security Agency (NSA) und das Abfangen kommerzieller Datenströme durch GCHQ in Großbritannien auf. Quentin Skinner merkte hierzu an: „…nicht bloß angesichts der Tatsache, dass jemand meine E-Mails liest, sondern auch im Hinblick darauf, dass jemand die Macht hat, genau dies zu tun, falls es ihm beliebt… sehen wir uns willkürlicher Macht ausgeliefert… mit Blick auf die Freiheit ist die bloße Existenz von solch willkürlicher Macht geradezu beleidigend.“

Das Problem ist gar nicht vordergründig, dass jemand unsere E-Mails liest, sondern die Sammlung von Metadaten. Wenn die bloße Existenz solcher Macht der Freiheit widerspricht, warum haben wir dann noch nicht Anstoß genommen an der kommerziellen Macht, Daten zu sammeln, auf die mächtige Nationalstaaten lediglich aufgesprungen sind?

Die Antwort darauf lautet, dass Überwachungskapitalismus einen Aspekt unserer Freiheit bedroht, der so grundlegend ist, dass wir es schlicht nicht gewohnt sind, ihn zu verteidigen. Eigentümlicherweise ist es der deutsche Philosoph Hegel, der uns helfen kann, die Ursache des Problems zu identifizieren. Wie auch Kant glaubte Hegel, dass das größte Gut der freie Wille ist, aber er klärte tiefgründiger, was Freiheit beinhalten könnte. Für Hegel ist Freiheit unmöglich, solange das Ich nicht etwas Raum für Eigenständigkeit hat, indem es in einer reflektierenden Beziehung mit sich selbst sein kann. Wie er es formulierte:„…Freiheit ist: mit sich selbst in dem Anderen zu sein.“ Hier ist das Ich nicht isoliert, sondern vermittelt permanent an die Welt dort draußen – die Welt von Dingen und Menschen und vom eigenen früheren Ich und vergangenen Handlungen. Es kann jedoch frei sein, wenn es sich solche Prozesse zu Eigen machen kann – zusammenhängend mit den eigenen Zielen, nicht denen der Anderen. Und genau das ist es, was unter dem Überwachungskapitalismus schwieriger aufrechtzuerhalten ist.

In einer Welt, in der schon unsere momentane Existenz verfolgt wird, und einigen Menschen zufolge, durch externe Datenverarbeitungssysteme immer besser verstanden wird, bricht die Idee eines unabhängigen Raumes der Subjektivität, von dem aus man „Freiheit“ haben kann, zusammen.     

Firmenmacht ist bereits „näher“ am Subjekt als andere Menschen oder sogar das vergangene Ich des Subjekts. Dieses „andere“ – ein externes System mit Kapazität zur Datenverarbeitung, die die des menschlichen Gehirns bei weitem übersteigt – ist nicht das „andere“, das Hegel im Sinn hatte, als er Freiheit definierte.

Nichtsdestotrotz wiegen für manche die Vorzüge des Spielens mit Überwachungskapitalismus scheinbar immer noch schwerer als die Kosten. Aber wir beginnen, die ethischen Grenzen dieses neuen Spiels des Kapitalismus zu spüren.

Können wir uns eine App vorstellen, die „misst“ ob jemand wirklich in jemand anderen verliebt ist? Oder eine App, die vergleicht, wie sich die kreativen Prozesse einer Person gegenüber etablierter Maßstäbe kreativer Inspiration halten? Wie wäre es mit einer App, die die „Tiefe“ der Trauer einer Person über einen geliebten Menschen mit der Trauer anderer vergleicht? Wann stößt unsere Unterwerfung zur Erhebung von Messwerten an etwas, das wir als „unseres“ beschützen müssen?

Wohin als nächstes?

Es reicht nicht, einfach die Verbindung zu unterbrechen. Wir brauchen dringend mehr kollektive Reflexion über die Kosten dieser neuen Datenbeziehungen des Kapitalismus, um unsere Möglichkeiten eines ethischen Lebens abzuwägen. Alle sozialen Bemühungen beginnen mit Fantasie – welche Vision bevorzugen Sie also? Ist es die Vision von Kevin Kelly, Mitbegründer von Wired, in der „Technologie die Gedanken aller Lebenden zusammenflickt, …wobei die gesamte Anhäufung sich selbst täglich durch eine Million Kameras beobachtet“? Oder bahnen wir uns gerade den Weg in „eine stille Katastrophe, die fast unbemerkt stattfindet“, um W. G. Sebald zu zitieren?

Welche Vision auch immer Sie vorziehen – was gerade aufgebaut wird, ist nicht das, was wir als Freiheit kennen. Das nämlich ist eine Entscheidung, deren Preis wir nicht vermeiden können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „20110224-NodeXL-Twitter-internet archive profile photos“ by Marc Smith (CC BY 2.0)


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Nick Couldry

Nick Couldry

ist Professor für Medien, Kommunikation und Sozialtheorie an der London School of Economics and Political Science. Er interessiert sich dafür wie Medien und Einrichtungen für Kommunikation zu verschiedenen Ordnungen beitragen. Außerdem ist er Autor von 11 Büchern und hat viele journalistische Texte geschrieben.

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