Keyboard (Bild: Life-Of-Pix [CC0], via Pixabay)

Politische Blogs in Deutschland: Ist da was?

Interview mit Jan Schmidt über seine Studie „Wie ich blogge?!“ und die Rolle von Blogs in der politischen Debatte. // von Igor Schwarzmann

Keyboard (Bild: Life-Of-Pix [CC0], via Pixabay)

Mit „Wie ich blogge?!“ hat der Kommunikationswissenschaftler Jan Schmidt die umfangreichste Studie zur Nutzung von Weblogs im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Schmidt ist stellvertretender Leiter der Forschungsstelle “Neue Kommunikationsmedien” (FoNK) an der Universität Bamberg und hat sich für die Studie auch genauer mit der Subspezies des „Politikbloggers“ beschäftigt. Im exklusiven Interview für die Blogpiloten spricht er über die Ergebnisse der Studie.

Igor Schwarzmann: Kannst Du für uns zusammenfassen, was Deine Untersuchung ergeben hat?

Jan Schmidt: Also, zunächst mal gibt es einen beträchtlichen Anteil von Bloggern, die als Autoren oder Leser an politischen Themen interessiert sind. Die Umfrage, die allerdings im strengen Sinn nicht statistisch repräsentativ ist, haben wir im Sommer 2006 durchgeführt: Da haben etwa ein Drittel der aktiven Blogger gesagt, dass sie (auch) über politische Themen schreiben – das waren zwar etwas weniger als im Oktober 2005 bei der ersten Welle, aber damals war die Bundestagswahl auch knapp vorbei. Etwa ein ähnlich hoher Anteil ist 2006 auch als Leser an politischen Themen interessiert (da haben wir leider keine Vergleichszahlen).

Wir haben dann die soziodemographischen Merkmale dieser beiden Gruppen ermittelt und festgestellt, dass unter den „Politbloggern“ Männer deutlich überrepräsentiert sind, ebenso wie ältere Personen (ab 30 Jahren aufwärts). Außerdem besteht ein Zusammenhang mit der formalen Bildung: je höher gebildet, desto eher Politblogger. D.h. von der Soziodemographie her handelt es sich bei den Politbloggern um eine Gruppe, die etwas vom „normalen“ Bloggerprofil abweicht, denn generell sind ja Teenager und Frauen auch sehr aktiv beim Bloggen.

Wir haben außerdem Fragen zum generellen politischen Engagement gestellt. Dabei kam raus, dass Blogger im Großen und Ganzen ein etwas höheres Maß an politischer Partizipation aufweisen. Das betrifft sowohl konventionelle Formen (Wählen gehen) als auch unkonventielle Formen (an einer Demonstration teilnehmen, in einer Bürgerinitiative mitarbeiten). Unter den Politbloggern sind die Anteile nochmal höher, d.h. hierbei handelt es sich um politisch sehr interessierte und aktive Personen.

Zusammengefasst kann man aus unseren Studien also erkennen, dass Politblogger meistens Männer sind, etwas älter als der durchschnittliche Blogger und mit einer höheren Schulbildung, also meist Abitur und/oder Studium. Außerdem sind sie generell stärker politisch interessiert und engagiert als der Durchschnittsbürger.

Igor Schwarzmann: Können Politikblogger in Deutschland zu Multiplikatoren und Meinungsführern werden wie man das aus den USA kennt?

Jan Schmidt: Ja. Allerdings sind sie noch nicht so weit wie in den USA.
Etwas ausführlicher: Blogs ergänzen in meinen Augen den traditionellen (auch politischen) Journalismus, weil sie Themen aufgreifen, kommentieren und weiter verbreiten. Ich sehe durchaus das Potenzial, dass Blogger in Deutschland zu bestimmten Themen Anlaufstelle werden, wenn man sich über neue gesellschaftspolitische Entwicklungen informieren und Meinungen, Kommentare und Diskussionen verfolgen will.

Die Frage ist, wie weit der Einfluss reichen kann – ein Meinungsführer innnerhalb der Blogosphäre hat ja trotzdem nur eine begrenzte Reichweite. Ich glaube aber, dass sich für bestimmte politische Themen (IT- & Datenschutz, Bürgerrechte, …) durchaus politische Öffentlichkeiten in der Blogosphäre in Deutschland ausbilden werden, die sehr wichtig für den generellen Diskurs sein können. Netzpolitik.org ist da beispielsweise schon ein erster Anfang; im Moment sicher noch stark auf die Filterung und Verbreitung von Informationen konzentriert, aber das wird sich meiner Ansicht nach noch weiter entwickeln.

Igor Schwarzmann: Ein wenig wissenschaftlicher gefragt: Übernehmen Politikblogs – oder auch Blogs allgemein – eine Gatekeeping-Funktion?

Jan Schmidt: Ja und nein. Ich sehe, dass (Polit)Blogs eine Filterfunktion übernehmen, insofern also auch Gatekeeping betreiben, aber die Mechanismen sind meines Erachtens etwas anders als im klassischen Journalismus: Im professionellen Journalismus ist es ja klassischerweise der einzelne Journalist oder die Redaktion (je nach Perspektive), die Gatekeeping betreibt und Informationen anhand bestimmter Relevanzkriterien/Nachrichtenfaktoren selektiert. Das verschwindet natürlich nicht, auch im Internet gibt es ja den professionellen Journalismus.

Aber es entstehen im Web 2.0 auch neue Öffentlichkeiten, die an die „klassischen Öffentlichkeiten“ andocken und sie weiter fortsetzen. Und dort greifen eben nicht mehr die herkömmlichen Relevanzkriterien (zumindest nicht mehr uneingeschränkt), sondern da wird nach persönlicher Relevanz entschieden, ob Nachrichten kommentiert und verbreitet werden.

Bei Politbloggern sind nun wieder unterschiedliche Formen denkbar, gerade was den Anspruch an die eigene Publikationsform angeht; beispielsweise sind Politblogger denkbar, die vorrangig informieren möchten, während andere aktuelle Themen kommentieren wollen. Diese beiden Formen haben vermutlich jeweils andere Kriterien, nach denen sie Themen und Ereignisse aufgreifen.

Hier ist vielleicht auch der Vergleich mit den USA aufschlussreich. In den USA hat sich die politische Blogosphere ja vor allem über zwei Schlüsselereignisse formiert:

  1. den zweiten Irak-Krieg, als durch Blogs Informationen direkt aus dem Krisengebiet verfügbar wurden und sich eine kritische Öffentlichkeit gebildet hat.

  2. die Präsidentschaftswahl 2004, als Blogs als Mittel zum Campaigning, zur schnellen Informationsweitergabe, zum Fundraising entdeckt wurden – aber gleichzeitig in den Blogs auch heftige Kämpfe zwischen den beiden ideologischen Lagern ausgefochten wurden.

Vergleichbare Schlüsselereignisse haben wir in Deutschland bisher nicht gehabt. Dazu kommt, dass a) unser politisches System und b) unser Mediensystem anders strukturiert ist als das amerikanische. Anders und abstrakt gesagt: Das amerikanische politische System (mit stärkerem Fokus auf einzelnen Kandidaten als auf Parteien) und das Mediensystem (das viel kommerzialisierter ist und innerhalb dessen es weniger Möglichkeiten für unabhängige Informationen gibt, wie sie bei uns bspw. der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet) fördern das Entstehen der Blogosphäre als lebendige politische Öffentlichkeit in den USA.

Ein dritter Faktor: Historisch-kulturell haben die USA eine starke Tradition des bürgerschaftlichen Engagements (da kann man bis zu den Schilderungen von Tocqueville zurückgehen). Das mag noch eine Rolle spielen, wobei ich mit kulturalistischen Erklärungen etwas vorsichtiger sein möchte; für mich sind die ersten beiden Faktoren (politisches System und Mediensystem) entscheidend.

Igor Schwarzmann: Nun ein wenig plakativ gefragt: Brauchen wir in Deutschland einen Irak-Krieg, damit Poltikblogger sich formieren können?

Jan Schmidt: Ich hoffe nicht! Sagen wir mal so: Es gibt zwei Spielarten von Politikblogs, die ich oben ja für die USA skizziert habe – Politblogs als Gegenöffentlichkeit und Politblogs als Instrument des Campaigning – nicht nur, aber auch von Parteien und Kandidaten. Das zweite wird in Deutschland sicher bei den nächsten größeren Wahlen aktuell werden. Das erste (Gegenöffentlichkeit) sehe ich im Moment noch nicht so ausgeprägt (was aber ja, wie gesagt, auch mit unserem etwas anderen Mediensystem zu tun hat).

Ich weiß auch nicht so recht, ob sich so etwas steuern oder gezielt aufbauen lässt, vermutlich passiert und entsteht es einfach irgendwann – am ehesten vermutlich in den Bereichen der Sicherheitspolitik, Datenschutz, Überwachung etc. Also dort, wo vielleicht nicht die großen Debatten geführt werden, an der sich die halbe Nation beteiligt, aber zumindest eine informierte und engagierte Gruppe (die Blogger) sich mit aktuellen politischen Entscheidungen und Tendenzen kritisch auseinandersetzt.

Damit aber das Bloggen wirklich was bewegt, müsste eine Rückkopplung stattfinden: Entweder direkt an die Politik oder vermittelt über Massenmedien, die Themen und Meinungen aus den Blogs aufgreifen und so in die „öffentliche Meinung“ einspeisen.

Also: hoffentlich kein Irak-Krieg (oder Terroranschlag), sondern ein langsames „Emergieren“ einer ausgeprägten politischen Blogosphäre.

Igor Schwarzmann: Wenn ich das richtige verstehe, siehst Du in (Politik)Blogs keine Massenmediumqualitäten?

Jan Schmidt: Sagen wir mal so: Ein Blog, das von vielen Leuten gelesen wird, ist natürlich „Massenmedium“ im Sinne einer hohen Reichweite. Aber es wird trotzdem anderen Selektionskriterien und Darstellungsformen folgen als professionell journalistisch hergestellte Angebote. Das Besondere von erfolgreichen Politblogs ist ja gerade, dass sie nicht das gleiche machen wie die Massenmedien, sondern a) über andere Themen schreiben, das b) auf eine andere Art und Weise tun (Fokus auf persönlicher Authentizität bspw.) und c) den „Rückkanal“ zum Leser in Form von Kommentaren und weiterführenden Diskussionen in anderen Blogs haben.

Nochmal anders gesagt: Erfolgreiche Politblogs, die großen amerikanischen Politblogs wie dailykos, littlegreenfootballs etc. allemal, haben natürlich eine Reichweite, die vermutlich zahlreiche Lokalzeitungen aus dem Feld schlägt. Aber um sie herum entstehen zusätzlich noch Diskussionen, Konversationen und Öffentlichkeiten, die die Massenmedien so nicht bereitstellen.

Igor Schwarzmann: Wir bedanken uns für das Interview, wünschen Jan einen schönen Urlaub und hoffen, dass er ihn nicht wegen dieses Gesprächs zu spät antreten muss.

Jan Schmidt: Dankeschön – jetzt geht’s zum Zug… :-)


Teaser & Image by Life-Of-Pix (CC0)


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Igor Schwarzmann

Igor Schwarzmann

ist faszinierter Stadtbewohner und selten ohne sein Smartphone aufzutreffen. Beruflich setzt er sich mit digitaler Strategie auseinander. In seiner Freizeit geht er sehr gerne Essen.

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