Von Störchen mit Stöcken und Menschen mit Theorien

Am 21. Mai 1822 konnte man in Mecklenburg ein merkwürdiges Naturschauspiel beobachten. Die Bewohner des Schlosses Bothmer in der Nähe von Wismar entdeckten auf den Wiesen vor dem Anwesen einen Storch, in dessen Hals ein langer Stock zu stecken schien. Nun gut, der Stock schien vielleicht etwas hinderlich beim Fliegen zu sein, aber sonst freute sich das Tier bester Gesundheit. Der Stock und der Storch halfen, eine naturwissenschaftliche Theorie entgültig zu bestätigen.

Nach einigen Tagen war den Bewohnern das Tier derart unheimlich geworden, dass Schlossherr Graf Christian Ludwig von Bothmer zur Tat schritt: Er liess das Tier erlegen, um es genauer betrachten zu können. Nach eingehenden Untersuchungen fand man heraus, dass es sich bei dem Pfeil im Storchenhals augenscheinlich um ein Jagdgerät handeln musste. Doch niemandem in der Nähe war eine solche Holzart bekannt, schließlich handelte es sich um Tropenholz.

Man zog ein paar Experten und den Schweriner Großherzog Friedrich Franz I. hinzu und kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Gerät um das Produkt eines afrikanischen Stammes handeln musste. Doch wie konnte das sein? Das Staunen war groß – und der Landesherr hatte eine kleine zoologische Sensation vorzuweisen.

Die limitierte Welt

Doch was wussten die Menschen damals von der Welt? Im frühen 19. Jahrhundert hatte man, trotz Weltumsegelungen, Forschertrupps und der fortschreitenden Binnenerschließung aller Kontinente zwar langsam einen Überblick, wie die Länder auf der Erde angeordnet waren, welche Klimazonen es in etwa gab und wo man sich als Mensch ansiedeln konnte – vorrangig, um mit Kolonien die Erdteile auszuplündern, in denen man wertvolle Güter vorfand, jedoch wusste man nicht sonderlich viel über die Existenz oder die Lebensweise der einzelnen Tierarten, und wenn, dann interessierte man sich wohl eher für die spannenderen exotischen Tiere, die man in den verschiedenen Kolonien antraf, und nicht ausgerechnet für heimische Vogelarten.

Und trotzdem: Die Scharen von Zugvögeln, die jeden Herbst über die Ländereien zogen, hatten die Menschen sehr wohl bemerkt. Seit Homers Zeiten wusste man, dass die Vögel irgendwohin davonflogen und irgendwann im Frühling zurückkamen. Dass das ganze aber durchaus koordiniert geschieht und dass sich die Tiere dabei sogar an Magnetfeldern mit einer Art innerem GPS orientieren, wissen wir erst seit Kurzem.

Where do Ducks go in the Winter?

Das Geheimnis der Zugvögel beschäftigte die Menschen enorm. Manche dachten, die Vögel würden sich in Seen oder Höhlen verstecken und Winterschlaf halten – schließlich waren sie ja monatelang nicht zu sehen. Laut einer Anekdote nahm man damals sogar an, dass die Vögel sich verwandelten, statt wegzufliegen – in Mäuse nämlich, denn die tauchten wie von Zauberhand immer genau dann auf, wenn es draußen kalt und drinnen die Vorratskammer aufgefüllt wurde.

Dass diese Schlussfolgerung nichts weiter als Zufall und ein merkwürdiger Mythos war, schien denen, die sich damals mit der alljährlichen Mäuseplage herumärgern mussten, wohl eine eher unbefriedigende Antwort zu sein.

Doch zurück zum Storch: Nachdem alle ihn und den exotischen Pfeil ausgiebig bestaunt und untersucht hatten, veranlasste der Großherzog seine Aufbereitung. Das Tier fristet heute sein präpariertes Dasein – mit dazugehörigem Pfeil – in der Sammlung des Zoologischen Instituts der Universität Rostock.

Der Storch hatte den Pfeil mit sehr viel Glück überlebt, und um die Wunde herum bildeten sich Knorpel, was den Pfeil an der Stelle am Hals festwachsen ließ, bis er schließlich sein Ende fand. Ohne das Jagdgerät hätte man sicher noch länger im Dunkeln getappt, was die Reichweite des Tieres betraf. Mit der Praxis, Vögeln markierte Ringe an den Beinen anzubringen, wurde erst in den 1890ern in Dänemark begonnen. Hier war es der Ornithologe August Thienemann, der diese Idee schließlich durchsetzte. Von Thienemann stammt auch der charakteristische Ausdruck “Pfeilstorch”.

Trotzdem hätte man dem Tier wohl ein weniger perfides Ende gewünscht, nachdem es sich unter derart widrigen Umständen auf den Weg zurück nach Europa gemacht hatte. Die Forschung allerdings dankt es ihm bis heute.


Image “White Stork” by Patrizia08 (CC0 Public Domain)


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

Redakteurin bei Netzpiloten.de und den Hello-Magazinen, Historikerin und Anglistin. Sie bloggt auf diegretchenfrage.wordpress.com, twittert als @keksmadam, mag und macht Radio und Podcasts und wirkt hin und wieder bei der nichtkommerziellen Hörspielvereinigung Die Neuvertonung mit.

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