eBook (Bild: Daniel Sancho [CC BY 2.0], via Flickr)

Papier vs. Display: Der Sieger steht noch nicht fest

Wenn Traditionalisten das E-Book kritisieren, lautet ein Argument stets: “Ich vermisse die Haptik des gedruckten Buches”. “Hab dich nicht so”, antworten dann Digital Natives meist, und schütteln eher mitleidig den Kopf über so viel Technikfeindlichkeit.

Ebook (Bild: Nicola since 1972 [CC BY 2.0], via Flickr)

Doch Scientific American fragt jetzt in einem Artikel wohl zurecht: “Warum arbeiten wir eigentlich so hart daran, den Lesevorgang auf neuen Geräten wie Tablets oder E-Readern der Leseerfahrung mit dem sehr alten Medium Papier so ähnlich wie möglich zu machen?” Wahrscheinlich, so die Vermutung, weil Lesen auf Papier doch einige Vorteile gegenüber elektronischer Lektüre haben könnte.

Problem: Räumliche Orientierung in der Textlandschaft

Manche Dinge liegen auf der Hand – natürlich ist trotz Touch-Screen-Technologie eine Buchseite “greifbarer” als eine virtuelle Seite auf dem Tablet- oder E-Reader-Display. Auch der Unterschied zwischen einem dicken Wälzer und einem dünnen Heftchen ist elektronisch kaum feststellbar, der Reader wiegt befüllt mit Tolstois “Krieg und Frieden” genau soviel wie mit einer Kurzgeschichte von Hemingway. Wirklich problematisch wird es jedoch bei der “räumlichen” Orientierung in der Textlandschaft: “Das implizite Gefühl dafür, wo man sich in einem physisch vorhandenen Buch befindet, scheint wichtiger zu sein, als wir es bisher wahrhaben wollten. (…) Dieses Problem haben die E-Book-Hersteller bisher vernachlässigt”, zitiert Scientific American die Forscherin Abigail Sellen (Microsoft Research Cambridge), Koautorin des vielsagenden Titels “The Myth of the Paperless Office.”

Scientific American zufolge hat das mit den mentalen Tricks zu tun, die unser Gehirn zur “Textverarbeitung” anwendet: “Wenn wir lesen, konstruieren wir eine mentale Repräsentation des Textes, die Bedeutung und Struktur miteinander verbindet. Wie genau das funktioniert ist unklar, doch diese Repräsentationen gleichen ‘mental maps’, die wir uns von unserer Umgebung machen, als etwa Bergen oder Wegen, und von hergestellten Räumen wie Wohnungen oder Büros. Studien zeigen, dass die Leute sich bei dem Versuch, eine Textinformation wiederzufinden oft an die Stelle im Text erinnern, an der sie aufgetaucht ist.”

Vertiefende Lektüre besser auf Papier?

Gerade bei längeren Texten haben Probanden in der Vergangenheit oft Probleme gehabt, sich in elektronischen Versionen so intuitiv zu orientieren wie auf Papier, was sich auch auf das Textverständnis und die Erinnerungleistung auswirkt. Die häufig geäußerte Präferenz für Papier scheint aber auch mit der Ablenkung durch zuviel Bling-Bling auf dem Bildschirm zusammenhängen: “Weil der Verzicht auf Multifunktions-Screens die Konzentration verbessert, sagen die Leute immer wieder, dass sie für die vertiefende Lektüre lieber auf die Papierversion eines Textes zurückgreifen”.

Wirklich einig sind sich die Forscher jedoch nicht mehr, seit dem die Displaytechnologie immer weiter voranschreitet – spätestens seit Beginn der Neunziger Jahre gibt es widersprüchliche Erkenntnisse. Selbst viele “aktuellere” Studien, die Scientific American zitiert, stammen zudem aus der Zeit vor 2005. Zu diesem Zeitpunkt existierten weder E-Ink-Lesegeräte noch Tablets wie das iPad. Von den allerneuesten Glowlight-E-Ink- oder Retina-Displays mal ganz zu schweigen. Ein Blick auf die von Scientific American zitierten wissenschaftlichen Artikel zeigt sogar: Bei vielen Leseexperimenten wurden bis vor kurzem noch PC-Bildschirme genutzt, eine Umgebung, die mit “natürlichem” Leseverhalten ohnehin nur sehr wenig zu tun hat.

Aktuelle Lesestudien sehen E-Paper vorne

Wohl nicht ganz zufällig sehen die Ergebnisse von aktuellen Lesestudien, die mit Mobilgeräten aus den Jahren 2010ff. durchgeführt wurden, deutlich anders aus. So fanden etwa die Forscher der Uni Mainz heraus, dass Senioren mit Tablets sogar besser lesen können als mit gedruckten Büchern (diese auch auf englisch publizierte Studie wird allerdings vom Scientific American nicht erwähnt). In manchen Fällen scheinen sich also schon jetzt die Vor- und Nachteile des elektronischen Lesens mehr als auszugleichen. Gut möglich, dass also bald doch ein eindeutiger Sieger im Kampf Papier vs. Display feststeht – sobald Kindle Paperwhite und iPad 5 auch die Labore der Forscher erreicht haben.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf e-book-news.com.


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Ansgar Warner

Ansgar Warner

arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er auf E-Book-News.de rund um das Thema Elektronisches Lesen.

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