Check-Up Ireland: P2P-Kredite – “Fast wie damals bei AOL”

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute beschäftige ich mich mit P2P-Krediten. Dabei geht mein Blick auch 20 Jahre zurück zu AOL, denn ein wichtiger Aspekt des Arbeitslebens dort war das liebe Geld – oder besser gesagt die Knappheit des selben.

Ende der 90er habe ich mir bei AOL in Dublin wirklich alles andere als eine golden Nase verdient. Zum Glück haben die Bosse aber damals nicht nur die Realität niedriger Gehälter anerkannt und nicht drumrum geredet, sondern gleich eine typisch irische Lösung für ein irisches Problem gefunden – die Gehälter wurden einfach an zwei verschiedenen Tagen ausgezahlt. Die eine Hälfte der Belegschaft wurde am Monatsersten bezahlt, die andere Hälfte am Fünfzehnten, was dazu führte, dass man sich seinen “Buddy” suchte, um sich gegenseitig über die Runden zu helfen. OK – manch ein Kollege wechselte dann eben zu einer Firma, die besser bezahlen konnte, aber was die Kameradschaft unter den verbliebenen “Armen” anbetraf, so war diese doch sehr groß.

So selbstverständlich, wie damals die Transaktionen am Abend des Zahltags immer in bar und (fast) immer im Pub stattfanden, so selbstverständlich würden wir heutzutage quasi “Peer to Peer” das Geld von Smartphone zu Smartphone verschicken – und auch gleich mit dem Gerät im Pub bezahlen. P2P-Kredite werden hier von zahlreichen Unternehmen angeboten. Zuletzt machte der Neuankömmling Flender auf sich aufmerksam.

Flender hilft Freunden, sich gegenseitig Geld zu leihen

In dieser Kolumne habe ich die lebhafte Startup-Szene Dublins schon öfter angesprochen. Doch so manch ein Startup, das am Anfang nur so vor Energie strotzte, musste unzureichende Finanzierung mit dem plötzlichen Tod bezahlen. Nicht jeder Gründer kann auf Familie und Freunde zurückgreifen, staatliche Fördergelder sind begrenzt und bei den Banken sitzt das Geld nach dem großen Crash auch nicht mehr so locker. Andere Lösungen mussten her und P2P-Kredite wurden geboren.

Hierbei können sich Einzelpersonen oder Firmen Geld leihen oder selbst als Kreditgeber auftreten, ohne dabei auf traditionelle Finanzdienstleister als Mittelsmann zurückgreifen zu müssen. Der Vorteil für die Kreditgeber liegt bei den Zinsen, die oftmals höher liegen als Zinsen, die man auf traditionellen Wegen bei klassischen Finanz-Institutionen bekommt. Der Vorteil für die Kreditnehmer liegt auf der Hand. In einem wirtschaftlichen Klima, in dem aufgrund von Fehlern der Banken in der Vergangenheit die gleichen Institutionen indirekt junge Unternehmen bestrafen, indem Kredite selten gewährt werden, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Finanzierung durch Personen und Unternehmen, die oftmals im gleichen Boot sitzen. Wem das Problem der Knappheit von Krediten und die Gründe dafür bewusst sind, der ist eher bereit, Gleichgesinnte zu unterstützen.

Das Dubliner Startup Flender ist zwar erst seit Ende des vergangenen Jahres aktiv, hat aber bereits zahlreiche Läden, Restaurants und kleine Organisationen unterstützt. Jemand, der einen Kredit für ein Projekt sucht, kreiert bei Flender einen personalisierten Link zur betreffenden Kampagne. Dieser kann dann in sozialen Netzwerken geteilt werden oder direkt per eMail an ausgesuchte Empfänger verschickt werden.

Nicht selten, so die Macher von Flender, würden sich Firmen von ihren Kunden Geld leihen. Irgendwie liegt das ja auch auf der Hand – wenn ich Vertrauen in ein Produkt oder eine Dienstleistung habe und diese regelmäßig erwerbe, dann liegt es nahe, dass ich auch dem Verkäufer und seiner Vision für das Unternehmen vertraue.

Flender verdient sein Geld mit einer Marge bei den Zinsen und mit einer Erfolgsprämie, die fällig wird, wenn eine Kampagne abgeschlossen wurde. Zur Zeit können sich Unternehmen bis zu 100.000 Euro leihen, während das Limit für Einzelpersonen bei 20.000 Euro liegt. Selbstredend liegt der Fokus des Dubliner Startups zur Zeit auf dem irischen Markt. Man hat aber auch längst ein Auge auf die britischen Nachbarn geworfen und eine entsprechende Lizenz wurde von der Financial Conduct Agency (FCA) bereits erteilt. Wie in zahlreichen anderen Geschäftsbereichen sind sich Iren und Briten im Konsumverhalten auch im Bereich P2P-Kredite so ähnlich, dass dieser nächste Schritt Sinn macht. Man vertraut halt demjenigen, den man kennt. Daran wird auch der Brexit nichts ändern.


Image (adapted) Space Gray iPhone 6 by Torsten Dettlaff (CC0 Public Domain)


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten.

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