Outside The Box: Absolutes Firmen-Commitment trotz miesem Briefing

Die Amazon-Bestenlisten sind voll mit Kommunikationsratgebern, Anleitungen zur Selbstoptimierung, Tipps zum Erfolgreichsein oder Management-Bibeln. Darin liest man so nichtssagende Motivations-Floskeln wie „Eine eiskalte Dusche am Morgen belebt den Geist“ oder auch „Es gibt keine Fehler, nur einen unvergesslichen Weg“. Die Crème de la Crème solcher Glückskeks-Weisheiten bekommt man in der Regel bei den einschlägigen Coachings für Führungspersonen oder sonstigen Teambuilding-Events um die Ohren geknallt. Hier heißt es ein bis zwei Mal im Jahr, die beste Version seiner selbst zu sein und den anderen den Rang abzulaufen. Regisseur Philip Koch nimmt sich diesem Business-Bullshit nun auf äußerst humorvolle Weise an: „Outside The Box“ startet mit vier High-Performern, die auf dem Weg zu einem Trainingsgelände mitten in der Pampa sind, wo ihre Leadership-Qualitäten auf die Probe gestellt werden sollen.

„Wenn das so weiter geht, sind wir erst mittags auf Führungslevel“

Zum Inhalt: Der junge, aufstrebende Angestellte (Volker Bruch) arbeitet seit mittlerweile drei Jahren als Junior Consultant und hat noch immer keine nennenswerten Karrierechancen in Aussicht, stattdessen heimsen seine sogenannten Teamkollegen (Stefan Konarske, Vicky Krieps und Sascha Alexander Geršak) stetig die Lorbeeren für seine Ideen ein. Bei einem gemeinsamen Outdoor-Firmenevent will er ihnen und den Chefs nun endgültig beweisen, was er auf dem Kasten hat. Doch da hat er die Rechnung ohne seine PR-Managerin (Lavinia Wilson) gemacht. Diese hat sich nämlich keine schnöde Exkursion in den Hochseilgarten ausgedacht, sondern eine fingierte Geiselnahme. Passenderweise wurde gleich die gesamte Presse versammelt, um das Spektakel aus der Ferne zu beobachten und die neuen Methoden zur Teamoptimierung abzufeiern.

Doch nun geht es erst richtig los: Im Wald angelangt, muss sich das Quartett zunächst im stockdusteren Tunnel-Labyrinth beweisen. Kurze Zeit später tauchen auch schon die Geiselnehmer auf und jagen den Teilnehmern einen Heidenschreck ein. Denn urplötzlich fliegt ihr Guide durch die Luft, nachdem er von einer Schrotflinte getroffen wird. Was bis dahin noch niemand weiß: Die engagierten Kidnapper/Schauspieler verfolgen eigene Pläne und haben die Farbpatronen kurzerhand durch echte Munition ausgetauscht. Die Lösegeldforderung ist also echt und wird von ihnen auch bis zum bitteren Ende durchgezogen. Während die PR-Abteilung nun damit beschäftigt ist, die Presse von der Rechtmäßigkeit der Aufführung zu überzeugen, denken die unwissenden Consultants noch immer, dass sie bei diesem Rollenspiel möglichst gut aussehen müssen – wie im echten Leben eben. Zumindest fast.

„In der Business-Welt wird nicht mit Rosen geworfen“

Tiefergehende Inspiration für diese irrwitzige Geschichte fand Filmemacher Koch – wie sollte es anders sein – in den bunten Weiten des Internets. Die Recherche zu absurden Team-Events ließ ihn nämlich direkt auf eine Liste mit fünf Vorfällen stoßen, die extrem eskalierten. Das Vorbild zu „Outside The Box“ wurde im Jahr 2001 von der schwedischen Firma Ericsson veranstaltet (kurz bevor der Zusammenschluss mit Sony bevor stand), bei dem man tatsächlich einen Vermummten mitsamt Schrotflinte einen Bus stürmen ließ, um die Reaktionen der Teilnehmer zu überprüfen. Zum Ärgernis der Veranstalter riefen andere Autofahrer auf der Autobahn aber die Polizei – und somit endete das fingierte Horror-Erlebnis schließlich auf dem Revier.

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„Survival of the Fittest“

Eins ist klar: An den Vorurteilen, dass man es in Führungspositionen oftmals mit Blendern, Egomanen oder Halbwahnsinnigen zu tun hat, ist schon etwas dran. „Outside The Box“ hält der selbsternannten Business-Elite den Spiegel vor. Hier bekommt jeder sein Fett weg – vom Chef mit völlig überzogener Erwartungshaltung über die Presse mit ihrem unstillbarem Kaffeedurst bis hin zum kleinen angestellten Techniker (gespielt von Frederick Lau), dessen Bedenken am korrupten Vorgehen seiner Vorgesetzten schnell mit einem besseren Job-Titel besänftigt werden können.

Und die Kritik am Leistungsdenken von Firmen sitzt. Daran ändert auch der in der Gesellschaft weit verbreitete Wunsch nach einer gesunden Work-Life-Balance nichts für Koch. Er sieht den Ansatz zur Gehirnwäsche vielmehr in jedem kommerziell-agierenden Unternehmen. Der Drang nach permanentem Wachstum ist das eigentlich Ungesunde im System:

Wenn alle das wollen, wird oben die Luft eng, bleibt die große Masse auf der Strecke. Das merkte man auch bei den letzten Wahlen: Die Existenzängste werden größer, und die Geschu?tze, die man auffährt, auch…

Sobald Mitarbeiter auf Effizienz getrimmt werden, übertragen sich letztlich die Denkmuster des Konkurrenzdrucks und der Existenzangst auf das eigene Handeln. Man verinnerlicht diese also ganz automatisch – frei nach dem Motto: Wenn ich heute die Quote von gestern nicht steigern kann, gelte ich als faul.

Das Fazit dieser filmischen Marktbeobachtung lautet also: Jetzt kann auch mal Schluss mit dem grenzenlosen Firmen-Commitment sein!


Images by Wild Bunch Germany


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David Streit

David Streit

ist Designer, Journalist, Cineast und manchmal alles zusammen. Mit Arthur Avenue hat er die Redaktion für die Streaming-Ära ins Leben gerufen. Weil die guten Inhalte online immer schwieriger zu finden sind, hilft er Medienmarken und Streaming-Plattformen bei der Zusammenstellung von unterhaltsamen Playlisten.

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