Pioneers Festival (Bild: Heisenbergmedia, Pioneers.io [CC BY 2.0], via Flickr)

Österreichs Start-ups: Steiniger Weg aus dem Schatten Berlins

Wien will zum Tech-Hub für Mittel- und Osteuropa werden – doch ohne eine Bekenntnis der Politik wird das nicht gehen. // von Jakob Steinschaden

Pioneers Festival (Bild: Heisenbergmedia, Pioneers.io [CC BY 2.0], via Flickr)

Von einer “Aufwärtsspirale für die Start-up-Szene” sprechen Andreas Tschas und Jürgen Furian, die beiden Veranstalter des Pioneers Festival. 2500 Gäste aus In- und Ausland konnten sie diese Woche in die Wiener Hofburg locken, wo diese Vorträgen, Pitches und Präsentationen von Internet-Unternehmern (z.B. Phil Libin von Evernote, Charles Adler von Kickstarter), Tech-Pionieren (etwa Anthony Evans, Glowing Plant Project oder Nathan Harding von Ekso Bionics) und Investoren (z.B. Dave McLure, 500Startups) lauschen und sich in zahllosen Gesprächen zwischendurch austauschen konnten. 670 Start-ups, vorwiegend aus Mittel- und Osteuropa, haben sich für den Start-up-Wettbewerb Pioneers Challenge (Gewinner: Babywatch aus Kroatien) beworben, und viele von ihnen sind nach Wien gekommen. Doch wenn das Kopfweh nach den Pioneer-Partys gewichen ist, muss sich Österreich die Frage stellen: Was wird bleiben von der Euphorie und der Aufbruchstimmung?


  • Österreichs erfolgreichstes Start-up 2013, Runtastic, kommt nicht aus Wien, sondern aus dem kleinen Pasching nahe Linz.
  • Obwohl Österreich ein sehr reiches Land ist, kommen große Investitionen in aufstrebende Start-ups meist aus dem Ausland.
  • Die Politik kümmert sich trotz großem wirtschaftlichen Potenzial noch nicht ausreichend um die Tech-Gründer.

Die österreichische Start-up-Szene ist 2013 definitiv in Schwung gekommen. Die Fitness-App-Macher von Runtastic schafften mit dem 50,1-Prozent-Millioneninvestment durch Axel Springer einen internationale beachteten Teil-Exit, die Flohmarkt-App Shpock (ebenfalls mit einem Millionen-Investment durch Schibsted geadelt) findet europaweit als mobile eBay-Alternative Beachtung, das “Google für Ärzte” Diagnosia sicherte sich eine Mio. Euro Förderung, und das Business-Netzwerk Xing leistete sich für 3,6 Mio. Euro die Jobbwertungs-Plattform Kununu. Dutzende andere Start-ups (MySugr, Locca, Senoi, Codeship, Blossom.io, Zoomsquare, Usersnap, Wikidocs, Indoo.rs, LineMetrics oder Tractive, um nur einige zu nennen) rittern bereits in der zweite Reihe um Nutzer, Aufmerksamkeit und Investorengeld, und Business Angel und Investoren wie Hans Hansmann oder Oliver Holle (SpeedInvest) werden regelrecht mit neuen Ideen und Businessplänen überhäuft.

Als Sahnehäubchen für das Jungunternehmer-Jahr startet schließlich die Pro7-Tochter Puls 4 die Start-up-Show “2 Minuten 2 Millionen”, wo ab 15. November etwa 40 Gründer um die Gunst des Publikums und der Investoren-Jury rittern werden. Wie auch Axel Springer oder Deutsche Telekom sieht die ProSiebenSat.1 Media AG das Start-up-Thema als Investition in die eigene Zukunft – immerhin will sie über die TV-Show frühe Anteile an später möglicherweise erfolgreichen Start-ups abgreifen. Auch österreichische Medien wie die Mediaprint oder der Styria-Verlag drängen weiter in das neue Gebiet vor, erhoffen sie sich doch, dort zusätzliche Monetarisierungsformen für das lahmende Print-Geschäft zu finden.

Doch so stark sich die Wirtschaft dem Thema öffnet (auch die Telekom Austria fördert Start-ups im kleinen Rahmen), so wenig hört man von der Politik – und dass, obwohl laut der Interessensvertretung “Internetoffensive Österreich” die Informations- und Telekommunikationstechnologie mit neun Prozent des BIP ein wichtigerer Wirtschaftsfaktor als der Tourismus für Österreich ist. Einer Google-Studie zufolge sind 5,6 Prozent der Wertschöpfung ganz grob dem Internet zuzurechnen (mitgezählt werden da auch verkaufte Computer etc.), und kein anderer Sektor kann so hohe Wachstumszahlen wie die IKT vorweisen. Trotzdem muss man sich in Österreich das Wehklagen der Investoren anhören, die ihr Geld rein steuerlich gesehen besser in England oder Skandinavien anlegen sollten, weil sie in Österreich ziemlich draufzahlen – eine Innovationsbremse. Immerhin: Um staatliche Fördergelder ist es in Österreich gut bestellt, sofern man sich seinen Weg durch den “Förderdschungel” bahnt.

Anders als in anderen Ländern schläft die Politik in Österreich noch in Sachen Start-ups. Anstatt sich über intelligente Maßnahmen Gedanken zu machen, wie man Investitionen ankurbelt, Talente ins Land bekommt bzw. sie hier halten kann und die Ausbildung weiter verbessert, drehen sich die Koalitionsverhandlungen stark um Pensionen, Steuern und Verwaltungsreform. Pendants zu deutschen Politikern wie Angela Merkel, die über Industrie 4.0 spricht, Ex-Wirtschaftsminister Philip Rösler, der ins Silicon Valley reist, oder Klaus Wowereit, der Berlin zur führenden Start-up-Metropole Europas machen will, gibt es in Österreich noch keine. Während Merkel große IT-Messen eröffnet, kam auf die Bühne des Pioneers Festival gerade einmal Sybille Staudinger aus dem Gemeinderat der Stadt Wien. Einen Politiker wie Israels 90-jährigen Präsident Schimon Peres, der über Nanotechnologie und Robotik spricht und sich mit Mark Zuckerberg trifft? Gibt es in Österreich nicht.

Auch 2013 wird Wien sich nicht zu einer Start-up-Hauptstadt für den CEE-Raum aufschwingen können, wird Österreich immer noch nicht zu einem “Silicon Alps” – egal, wie oft diese Idee herbeigeredet wird. Um kreative Köpfe aus dem Osten, wo derzeit viel Innovatives entsteht, nach Österreich zu locken, reicht es nicht, schicke Werbevideos über Wien zu drehen und die sicher tolle Lebensqualität der Stadt zu preisen. Jungunternehmer, Entwickler oder Designer aus dem Osten brauchen konkrete finanzielle Anreize, um ins nicht unbedingt günstige Wien zu kommen. Und wohlgemerkt: Österreichs größter Start-up-Erfolg des Jahres, Runtastic, sitzt nicht in der Bundeshauptstadt, sondern in der 6600-Seelengemeinde Pasching.

Wenn die Politik nicht mitmacht, wird Wien weiter Boden verlieren, während andere voranpreschen. Die Start-ups, die es international schaffen wollen, werden weiterhin großteils nach Berlin, London oder San Francisco auswandern und sich ausländische Investoren suchen – und das als Gründer aus einem Land, dass das zweitreichste der EU ist.


Teaser & Image by Heisenbergmedia/Pioneers.io (CC BY 2.0)

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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