ePetition: „Wissenschaft lebt von Offenheit“

Wissenschaftsblogger Lars Fischer hat eine neue ePetition für Open Access aufgesetzt: Er fordert, wissenschaftliche Arbeiten, die staatlich finanziert entstanden, kostenfrei zugänglich zu machen. Warum und was dahinter steckt, erzählt der gelernte Chemiker im Blogpiloten–Interview.



Herr Fischer, Sie haben beim Bundestag eine Petition eingereicht, die den kostenlosen Zugang zu öffentlich geförderten wissenschaftlichen Publikationen fordert. Warum?



Ich habe mich sehr darüber geärgert, wie in der so genannten Heidelberger Erklärung mit dem Thema umgegangen wurde. Es hat sich schnell herausgestellt, dass gerade sehr viele Wissenschaftler diesen Ärger teilten. Die Petition soll die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass der Open–Access–Gedanke breite Unterstützung genießt.



Warum eine ePetition: Können Wissenschaftler nicht auch ohne Gesetz ihre Werke frei zugänglich machen?



Wenn eine wissenschaftliche Arbeit in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird, gehen oft alle Rechte an der Arbeit an den Verlag über. Open Access bedeutet hier zunächst einmal, dass die Wissenschaftler in jedem Fall weiter über ihre eigene Arbeit verfügen können, zum Beispiel Journalisten und Bloggern Abbildungen aus der Veröffentlichung zur Verfügung stellen, oder Teile der Publikation auf ihrer Webseite verwenden.



Erwarten Sie einen ähnlich großen Erfolg wie bei der Petition gegen das Zugangserschwerungsgesetz von Franziska Heine?



Nein, sicher nicht. Als ich die Petition entworfen habe, hatte ich auf etwa 500 Unterzeichner gehofft.



Und jetzt sind es bereits fast 10.000 Unterzeichner. Sie fordern, alle Publikationen an einem zentralen Ort zugänglich zu machen. Das bringt ja aber einem Bürger, der weit von diesem Ort entfernt wohnt, wenig. Wäre freier Zugang zu den Veröffentlichungen im Internet nicht eine bessere Lösung?



Ein zentrales Archiv ist wünschenswert, es muss aber natürlich digital sein. Auf Papier hat es keinen Sinn, zumindest nicht nach meinem Verständnis. Die Idee hinter einem zentralen Archiv ist auch, die Arbeit deutscher Wissenschaftler möglichst einfach auffindbar zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass frei zugängliche und leicht auffindbare Papers häufiger zitiert werden – ein klarer Vorteil im internationalen Wettbewerb. Dazu muss man das Archiv möglichst einfach digital durchsuchen können, zum Beispiel auch mit Google.



Sie arbeiten für „Spektrum der Wissenschaft“, das zum Holtzbrinck–Verlag gehört. Wie steht man dort zu Open Access und haben Sie wegen Ihrer Petition dort keinen Ärger zu befürchten?




Der Begriff Open Access bezieht sich ausschließlich auf Fachzeitschriften mit Peer Review, insofern ist Spektrum der Wissenschaft natürlich nicht betroffen. Außerdem werden die Holtzbrinck–Autoren für ihre Texte ja nicht vom Staat bezahlt.



Was würde denn eigentlich mit Wissenschaftsverlagen passieren, wenn Ihre Forderung umgesetzt würde? Würden die dann alle pleite gehen?



Für die Verlage würde sich erst einmal nichts ändern. Die Petition bezieht sich auf das so genannte „grüne“ Open Access, bei dem publiziert wird wie bisher, die Autoren aber das Recht haben, die eigene Arbeit kostenfrei der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Derartige Vereinbarungen gibt es bereits heute, nur eben nicht flächendeckend. Das „goldene“ Open Access, bei dem die Zeitschriften selbst kostenfrei zur Verfügung stehen, ist nicht Thema dieser Petition. Das könnte der Staat auch nicht erzwingen.



Sie sind Wissenschaftsjournalist. Warum setzen Sie persönlich sich so für Open Access ein?



Eigentlich war es nur ein einzelner spontaner Entschluss, der zur Petition geführt hat. Andere sind auf diesem Feld viel engagierter. Mir persönlich ist der Open–Access–Gedanke einfach aus Prinzip sympathisch. Wissenschaft lebt von Kommunikation und Offenheit. Ich hoffe, dass erleichterter Zugang zu Forschungsergebnissen der Wissenschaft nützt und auch dem Austausch zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit zuträglich ist.



In Deutschland wird die Debatte um Google Books immer wieder mit der Open–Access–Bewegung vermischt. Warum ist das so? Und können Sie in zwei Sätzen erklären, warum das eine mit dem anderen nichts zu tun hat?



Ich vermute, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Der Unterschied ist einfach der, dass Wissenschaftler an ihren Fachpublikationen nichts verdienen – es handelt sich um Erträge der Forschung, und Wissenschaftler werden für die Forschung bezahlt. Durch Open Access verliert ein Forscher nichts, im Gegenteil, manchmal bekommt er sogar Rechte zurück, die er sonst abgetreten hätte. Google Books dagegen ist durchaus problematisch, denn hier sind viele Autoren betroffen, die durchaus materielle Verluste erleiden, wenn jeder ihre Bücher einfach kostenlos abgreift. Ich persönlich glaube, dass Autoren und Verlage von Google Books profitieren können, aber auf jeden Fall ist hier die Sorge um Rechte und Einnahmen absolut verständlich.



Was müsste Ihrer Ansicht nach als nächstes passieren, um Open Access zum Durchbruch zu verhelfen?



Ich denke, dass technische und ökonomische Zwänge dazu führen, dass sich Open Access bei wissenschaftlichen Publikationen langfristig durchsetzen wird. Man kann eine derartige Veränderung genauso wenig erzwingen wie man sich ihr widersetzen kann.



Weitere Erläuterungen zu seiner ePetition hat Lars Fischer auf seinem Blog veröffentlicht. Die ePetition kann noch bis 22.12.’09 hier mitgezeichnet werden.

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Meike Laaff

Meike Laaff

(www.laaff.net) lebt und arbeitet als Journalistin in Berlin. Sie ist stellvertretende Ressortleiterin bei taz.de, schreibt für überregionale Zeitungen, Onlinemagazine und produziert Radiobeiträge. Sie betreut zudem das taz-Datenschutzblog CTRL.

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