Gibt es strukturellen Rassismus im Internet?

Die rassischen Ungleichheiten, die die Amerikaner und unsere Gesellschaft heute belasten, sind in vielerlei Hinsicht ein Ergebnis der räumlichen Segregation. Weiße Menschen und nichtweiße Menschen leben in der Regel in verschiedenen Vierteln, gehen auf unterschiedliche Schulen und haben – basierend auf ihrer genetischen Herkunft – dramatisch unterschiedliche ökonomische Möglichkeiten. Diese physische Manifestation des strukturellen Rassismus ist eine historische Tatsache in diesem Land – und sie ist auch heute noch vorhanden.

Das Internet ist heute auf einer ähnlichen räumlichen Logik aufgebaut. Auf die gleiche Art und Weise, wie die Menschen von Viertel zu Viertel ziehen, um Dinge zu tun und ihre Zeit mit bestimmten Menschen zu verbringen, surfen sie auch von Website zu Website auf der Suche nach Inhalten. Websites erlangen und steigern ihren Wert, wenn sich Traffic und Sichtbarkeit der Website erhöhen.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Internetnutzer haben – mehr oder weniger – die völlige Freiheit, sich dorthin zu bewegen, wo sie möchten. Websites können die Hautfarbe eines Nutzers nicht sehen und sie können nicht in der gleichen Weise den Einreiseverkehr regeln, wie Menschen in geografischen Räumen in der Lage sind und auch aktiv umsetzen. Deshalb kann man leicht zu der Vorstellung gelangen, dass die tatsächliche Struktur des Internets – die sozialen Milieus, die es produziert, und die neuen Wirtschaftsumfelder, die es erschaffen hat – nicht rassisch getrennt werden können, so wie es in der physischen Welt der Fall ist.

Und dennoch ist das Internet in der Tat nach rassischen Prinzipien aufgeteilt. Meine Forschung zeigt, dass Websites, die sich auf Rassenfragen konzentrieren, seltener besucht werden und in Suchergebnissen weniger sichtbar sind als Websites mit unterschiedlichen oder breiteren Themenspektren. Dieses Phänomen begründet sich nicht auf etwas, das einzelne Websites darstellen, sondern vielmehr scheint es auf der Art und Weise zu basieren, wie die Nutzer selbst Informationen online finden und teilen – ein Prozess, der vor allem von Suchmaschinen und zunehmend auch von Social-Media-Plattformen vermittelt wird.

Erforschung des Online-Rassismus

Wörter wie „Rassist“ und „Rassismus“ sind vorbelastete Begriffe, vor allem weil die Menschen sie fast immer mit individualisiertem moralischem und kognitivem Versagen verbinden. In den letzten Jahren ist sich die amerikanische Öffentlichkeit jedoch zunehmend darüber bewusst geworden, dass Rassismus auch für Kulturen und Gesellschaften im Allgemeinen gelten kann.
Meine Arbeit sucht nach Online-Entsprechungen für diesen systemischen Rassismus, in dem subtile Vorurteile die Gesellschaft und Kultur in einer Weise durchdringen, die überwältigende Vorteile für Weiße auf Kosten von Nicht-Weißen ergibt. Genauer gesagt versuche ich zu ermitteln, ob die Online-Umgebung, die vollständig von Menschen konstruiert wurde, systematisch Vor- und Nachteile in Bezug auf Rasse mit sich bringt – ob nun absichtlich oder unabsichtlich.

Es ist schwierig, sich dieser Frage zu nähern, doch ich beginne mit der Annahme, dass sich die heutigen technologischen Systeme in einer Kultur und Gesellschaft entwickelt haben, die systemisch und strukturell rassistisch ist. Dadurch erscheint es möglich und sogar wahrscheinlich, dass bestehende Tendenzen in ähnlicher Weise online wirken.

Darüber hinaus bieten die historischen geographischen Konfigurationen, die die rassische Ungleichheit hervorgebracht und erhalten haben, einen nützlichen Leitfaden für die Untersuchung, wie systemischer Rassismus online aussehen könnte. Die Landschaft im Netz und die Art und Weise, wie Menschen in ihr surfen, sind beides wichtige Faktoren, um dieses Bild zu verstehen.

Online-Navigation verstehen

Zunächst wollte ich einen Blick auf die Karte werfen – wie das Internet selbst von Website-Produzenten strukturiert wird. Ich nutzte ein Software-Programm namens Voson, um die Websites zu analysieren, die Alexa.com als die Top 56 der afro-amerikanischen Websites im Internet kennzeichnet. Voson durchsucht das Netz, um zu ermitteln, welche weiteren Websites die Quellseiten verlinken und welche Seiten Links zu den Quellseiten bereitstellen.

Dann habe ich versucht, einen eventuellen rassistischen Inhalt, so denn existent, von jeder dieser Tausenden von Websites zu bestimmen, um eventuelle Ungleichheiten zu erfassen, die in der Online-Landschaft existieren könnten. Im echten Leben umfasst die Ermittlung der räumlichen Ungleichheit in der Regel die Messung von Personenzuschreibungen, die in einer bestimmten geographischen Lage leben. Zum Beispiel bezeichnet die Postleitzahl 65035 ein „weißes“ Viertel, weil 99,5 Prozent der dort ansässigen Personen (Freeburg, Missouri) gemäß der US-Volkszählungsdaten weiß sind. Im Gegensatz dazu würde die Postleitzahl 60619, ein Gebiet in Chicago, als „nichtweiß“ betrachtet werden, weil nur 0,7 Prozent ihrer Bewohner weiß sind.

Um diese Art von Unterscheidung zwischen verschiedenen Websites zu machen, verließ ich mich auf Website-Metatags – also Beschreibungen, die der Ersteller der Website dergestalt codiert hatte, dass Suchmaschinen sie möglichst gut erfassen können und die Website dementsprechend in den Suchergebnissen erscheint. Als „rassenbezogene“ Websites habe ich diejenigen bezeichnet, die unter ihren Metatags Begriffe wie „Afroamerikaner“, „Rassismus“, „Hispanisch“, „Modellminderheit“ und „Afro“ hatten. Seiten ohne diese Begriffe in ihren Metatags habe ich als „nichtrassenbezogen“ bezeichnet.

Durch die Verwendung von Website-Metatags konnte ich zwischen rassenbezogenen und nichtrassenbezogenen Seiten (und dem getrennten Verkehr zwischen ihnen) unterscheiden, je nach dem, ob die Ersteller der Websites die Identität der Website selbst mit rassenbezogenen Begriffen definieren.

Online-Navigation verstehen

Sobald ich jede Seite als rassenbezogen oder nichtrassenbezogen eingeordnet hatte, schaute ich auf die Links, die die Website-Ersteller zwischen ihnen eingerichtet haben. Es gab drei mögliche Arten von Links: zwischen zwei rassenbezogenen Seiten, zwischen zwei nichtrassenbezogenen Seiten oder zwischen einer rassenbezogenen Seite und einer nichtrassenbezogenen.
Wie viele Links der jeweiligen Arten die Daten enthalten, würde zeigen, ob die Entscheidungen von Website-Erstellern durch Vorurteile beeinflusst sind. Wenn es keine Vorurteile gibt, wäre die Anzahl der Links gleichmäßig auf die einzelnen Arten von Websites im Datensatz verteilt. Wenn es hingegen Vorurteile gibt, wäre die Anzahl der Links unverhältnismäßig hoch oder niedrig.

Ich fand zwar leichte Unterschiede zwischen den idealen theoretischen Proportionen und der tatsächlichen Anzahl von Links, allerdings waren sie nicht eindeutig genug, um die Vermutung aufkommen zu lassen, dass irgendeine Form der Segregation im Online-Verhalten der Menschen durch Website-Ersteller verursacht wird. Menschen, die im Internet surfen, indem Sie einfach wahllos Links auf Websites anklicken, würden nicht signifikant häufiger oder seltener auf rassenbezogenen oder nichtrassenbezogenen Seiten landen, als es im Hinblick auf die Anzahl der jeweiligen Websites, die vorhanden sind, normal wäre. Aber die Leute folgen nicht nur den Links – auch ihre Vorlieben haben einen Einfluss beim Navigieren im Internet.

Segregation sehen

Bei meiner zweiten Ermittlung wollte ich herausfinden, wie sich die Leute zwischen den Webseiten bewegen. Ich betrachtete die gleichen 56 Seiten wie bei der vorherige Analyse, aber dieses Mal verwendete ich Similarweb, eine bekannte Website zur Messung von Internet-Traffic. Für jede Website produziert Similarweb Daten, aus denen hervorgeht, von welchen Websites die Menschen kamen und auf welche Websites die Leute als nächstes navigierten. Ich charakterisierte diese Seiten ebenfalls als „rassenbezogen“ oder „nichtrassenbezogen“ und identifizierte drei Arten von Verbindungen, die die Menschen beim Anklicken nahmen: zwischen zwei rassenbezogenen Seiten, zwischen zwei nichtrassenbezogenen Seiten oder zwischen einer rassenbezogenen Seite und einer nichtrassenbezogenen.

Hauptaugenmerk auf die Suchmaschinen

Das bringt uns näher an die Wahrheit, wenn es um getrennte Traffic-Muster und potenzielle Ungleichheiten bezüglich der Rasse geht. Meine Daten zeigten auch, dass nichtrassenbezogene Seiten in den Suchergebnissen deutlich höher liegen und daher wahrscheinlich mehr Sichtbarkeit genießen, als rassenbezogene Seiten. Die rassenbezogenen Seiten sind weniger sichtbar, haben weniger Traffic und ziehen daher wahrscheinlich weniger Nutzen aus Sichtbarkeit (wie Werbeeinnahmen oder höhere Suchmaschinen-Rankings).

Es könnte verlockend sein, darauf hinzuweisen, dass dies nur die Benutzerpräferenzen widerspiegelt. Das könnte dann der Wahrheit entsprechen, wenn die Benutzer wissen würden, auf welche Websites sie gehen wollen, und dann direkt zu ihnen navigieren. Aber in der Regel wissen die Nutzer das nicht. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Leute ein Wort oder eine Phrase in eine Suchmaschine wie Google eingeben. Tatsächlich macht der direkte Verkehr nur etwa ein Drittel des Verkehrsflusses zu den Top-Seiten des Internets aus. Um eine Schlussfolgerung der Suchoptimierungsfirma Brightedge zu zitieren: „Die organische Suche übertrumpft andere Traffic-Generatoren auf überwältigende Weise.“

Obwohl natürlich noch mehr Forschung notwendig ist, legt meine Arbeit so weit nahe, dass neben den Vorlieben der Nutzer, nichtrassenbezogene Websites eher zu besuchen als rassenbezogene Websites, auch die Suchmaschinen eine ähnliche Wirkung hervorrufen: Nichtrassenbezogene Websites werden in den Suchergebnissen deutlich weiter oben angezeigt als rassenbezogene Seiten. Das führt zu weniger Traffic und weniger finanzielle Unterstützung in Form von Werbeeinnahmen für rassenbezogene Seiten.
In beiden Fällen beeinflussen Menschen und Suchmaschinen den Traffic in einer Weise, die Vorteile für nichtrassenbezogene Websites und Nachteile für rassenbezogene Seiten bedeuten. Das ähnelt dem, was in der Offline-Welt als systemischer, struktureller Rassismus bezeichnet wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Welt“ by quicksandala (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Charlton McIlwain

Charlton McIlwain

ist Professor für Medien, Kultur und Kommunikation an der New Yorker Universität. Seine Arbeit ist mit Schwerpunkt auf die Verschränkung von Rassen, den digitalen Medien und der Rassengleichheit.

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