OKCupid macht Nutzer zu Versuchskaninchen

Nicht nur Facebook macht Experimente an den Nutzern, auch die Dating-Seite OKCupid gibt nun zu, die Nutzer als Versuchskaninchen einzusetzen. Facebook ist vergangenen Monat für ein Experiment an den Nutzern in die Kritik geraten, in dem die Stimmung einiger Nutzer gezielt manipuliert wurde. Nun hat auch die Dating-Seite OKCupid zugegeben, mehrere Experimente an den Nutzern durchgeführt zu haben. Dabei wurde Nutzern unter anderem eine höhere Übereinstimmung angezeigt, als der Algorithmus tatsächlich errechnet hatte. Doch in diesem Fall gibt es deutlich weniger Empörung, als im Falle Facebook – doch woran liegt das?

Letzten Monat war die Aufregung groß, als bekannt geworden ist, dass Facebook ein Experiment an den Nutzern durchgeführt hat. Kritisiert wurde vor allem, dass Nutzer ohne ihr Wissen manipuliert wurden, indem ihnen Posts angezeigt wurden, die ihre Stimmung beeinflussen. Nachdem sich nun der aufgewirbelte Staub wieder etwas gelegt hat, setzt die Dating-Webseite OKCupid nach und beschreibt in einem Blogpost drei Experimente, die an den Nutzern durchgeführt wurden.

Im ersten und harmlosesten Experiment hat OKCupid nach einer Ankündigung für sieben Stunden die Bilder aus den Nutzerprofilen entfernt, um zu sehen, welche Auswirkungen dies auf das Nutzerverhalten hat. Zwar ist sind die Nutzerzahlen generell massiv eingebrochen, gleichzeitig gab es aber deutlich mehr Antworten auf erste Kontaktaufnahmen. Die Konversationen sollen zudem deutlich tiefer verlaufen sein und die Nutzer haben deutlich schneller weitere Kontaktdaten wie Telefonnummern oder E-Mail-Adressen ausgetauscht. OKCupid schien also besser zu funktionieren – zumindest bis nach den sieben Stunden die Bilder wieder erschienen und 2.200 Nutzer die blind begonnenen Konversationen verstummen ließen. Liebe ist also nicht blind, die Nutzer dafür aber Oberflächlich.

Die Experimente verdunkeln sich

Im zweiten Experiment hat man sich entschlossen, das vorhandene Bewertungssystem auf zwei Kategorien für Erscheinung und Persönlichkeit zu erweitern. Solch ein Bewertungssystem gab es bereits in der Vergangenheit und die Seitenbetreiber haben herausgefunden, dass die Bewertungen weitestgehend übereinstimmen. Nun hat man allerdings einer Gruppe von Nutzern das Profil ohne Text angezeigt um zu sehen, ob bei den Bewertungen ausschließlich Punkte für die Attraktivität oder auch für die tatsächliche Persönlichkeit vergeben werden. Das Ergebnis ist wenig überraschend und deckt sich mit dem des ersten Experiments, die Nutzer sind sehr oberflächlich.

Das dritte Experiment sitzt dagegen etwas querer im Magen, da hier die Nutzer gezielt belogen wurden. OKCupid basiert auf einem Matching-System, in dem ein Algorithmus errechnet, zu wie viel Prozent zwei Nutzer zusammenpassen. Natürlich sucht man hauptsächlich Nutzer, die eine möglichst hohe Übereinstimmung aufweisen und so nach Ansicht der Webseite besonders gut zu einem passen. In diesem Fall hat OKCupid allerdings die Matching Scores bewusst falsch angezeigt – zum Beispiel eine Übereinstimmung von 90 Prozent, obwohl es tatsächlich nur 30 Prozent sind. Die Wahrscheinlichkeit einer Kontaktaufnahme stieg dadurch von 14,2 auf 16,9 Prozent und die Konversationen wurden zudem auch eher weitegeführt. Die Wahrscheinlichkeit lag damit zwar höher als wenn beide Nutzer die wahre Punktzahl gekannt hätten, allerdings wiederum auch niedriger, als wenn beide tatsächlich einen hohen Matching Score gehabt hätten.


Bridget Carey erklärt die Experimente im CNET-Podcast:


Denn sie wissen nicht, was sie tun

OKCupid ist als Online-Dating-Plattform unter anderem aufgrund des Matching-Algorithmus überaus beliebt. Doch im Rahmen der Experimente haben die Betreiber der Seite nun zugegeben, dass sie selber gar nicht so genau wissen, wie dieser eigentlich funktioniert. Und genau aus diesem Grund wurden diese Experimente überhaupt erst durchgeführt, um nämlich besser zu verstehen, ob und wie der Algorithmus eigentlich funktioniert.

Natürlich hinterlässt vor allem das dritte Experiment dabei einen bitteren Nachgeschmack, da die Nutzer gezielt belogen wurden. Allerdings wird sich kaum ein Nutzer, der herausfindet, dass sein Partner, mit dem er glücklich ist, eigentlich gar nicht so gut zu ihm passen soll – und für alle, die aus diesem Experiment ohne Partner hervorgegangen sind, hat sich eigentlich nichts gegenüber der normalen Nutzung von OKCupid geändert. Natürlich kann man sich nun fragen, warum man eine Dating-Seite nutzen soll, wenn diese einem eventuell völlig unpassende potenzielle Partner vorschlägt – da kann man auch in jede x-beliebige Bar gehen. Doch genau das soll mit den Experimenten ja verbessert werden. Wie Christian Rudder, einer der Seitenbetreiber selber zugibt, sind derartige Experimente nötig, um den Algorithmus besser zu verstehen und die Plattform generell zu verbessern, denn das Internet existiert noch nicht lange genug, als dass man bereits eine Formel oder Blaupause entwickelt hätte, wie Webseiten funktionieren. Als Nutzer sind wir also letztlich nicht nur auf OKCupid Versuchskaninchen, sondern auf allen anderen Seiten auch, da diese ebenfalls noch versuchen herauszufinden, was sie eigentlich machen.


Image (adapted) „Online romance“ by Don Hankins (CC BY 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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