Öffentlich 2.0: Miez, Marie und Ich.

Katzenbilder und Weblogs gehören zusammen. Sagt man zumindest. Doch: Was würde Mieze davon halten, wenn sie sprechen könnte und einen Internetzugang hätte?
Über unsere Spuren im Netz, Datenschutz und Katzen.

Es gibt einen Running Gag in der Weblog-Welt, in dem behauptet wird, Weblogs seien immer nur so wertvoll wie die Katzenbilder, die sie veröffentlichen. Kern der Aussage ist natürlich die Kritik, nur über Belangloses wie den Alltag seines Haustiers zu schreiben. Und so mancher Blogger macht dies im eigenen Blog dann tatsächlich: Er schreibt (auch) über die eigene Katze. Oder den Hund. Manch einer gründet für das Haustier dann gar ein eigenes Weblog. Mag man davon halten, was man will, in diesen Blogs betritt man die unterste Stufe einer Treppe, die in den ersten Stock des Hauses Datensicherheit führt.

Im Erdgeschoss sitzt jeder für sich allein. Füllt mehr oder weniger ausführlich die Profilblätter von StudiVz oder Xing mit persönlichen Daten und gibt dort Links zu den eigenen Bildern bei flickr, seinen Videos bei YouTube, seiner Linksammlung bei del.icio.us oder den Schilderungen eigener Erlebnisse im Weblog an.
Dort schreiben wir dann hemmungslos über Besuche bei der Tante, den eigenen Renovierungs- oder Hausbauwahn oder, dass wir heute beim Spar um die Ecke waren, um Schokolade zu kaufen. Vielleicht hinterlassen wir auch einmal eine grimmige Zeile über den Chef oder Kollegen.
Kurz: Wir hinterlassen unsere Spuren. Und nicht immer nur die, die wir irgendwann auch wiederfinden wollen.

Doch selbst wenn wir nicht aktiv dazu beitragen, indem wir Blogs schreiben oder Bilder veröffentlichen. Selbst wenn wir uns inaktiv im Netz halten und uns nicht kümmern. Wir sind zu finden. Denn im Keller des Hauses liegen unzählige Dinge, die wir aufgrund der schlechten Beleuchtung da unten vielleicht nicht sehen. Zeitungsartikel in Archiven, Stellengesuche, belanglose Kommentare aus Gästebüchern oder die eine dumme Frage zum Problem auf der Arbeit, die man vor zwei Jahren an eine Mailingliste geschickt hat.

Die “Wirtschaftswoche“ hat in einem kleinen Experiment um die erschaffene Person Reiner Fakeman einmal aufgezeigt welche Spuren wir – freiwillig oder nicht ganz so freiwillig – durch Unvorsichtigkeit, Öffentlichkeit und Vernetzung im Internet hinterlassen.
Nur zu, schauen Sie einmal nach.

Das Internet hat sich in den letzten Jahren zu einem gigantischen, globalen Archiv entwickelt, das nur selten etwas vergisst und für jedermann von überall aus abfragbar ist.
Und wenn wir uns fragen, was da allein im Erdgeschoss mit all den Profilen, Links, Freundeslisten und Bildern passieren kann, was für eine Konsequenz hat dann all das gesammelte und veröffentlichte Wissen im Obergeschoss?

Dort liegen die Bilder und Berichte über den Nachwuch. All die kleinen Einträge im Blog zu Max, die Bilder von Lisa und Videos von Clemens.
Vom Augenblick der Geburt über die ersten Schritte bis hin zu Schilderung der „Trockenwerdens“ oder Geschichten aus dem Kindergarten. All das liegt da. Auf öffentlichen Servern.
Nun muss man nicht unbedingt in das kreative Horn der Elternängste blasen. Es reicht aus, sich einmal mit der Frage zu konfrontieren: „Was würden Sie zu ihren Eltern sagen, hätten die vor 26 Jahren ihre Kindheit dermaßen öffentlich zelebriert?“. Und es reicht aus, sich einmal in die Rolle des 12-jährigen Nachwuchses zu versetzen und zu hinterfragen, wie toll der das in sechs Jahren findet. Oder dessen Klassenkameraden.

Öffentlichkeit 2.0 ist ein Drahtseilakt. […] Es lässt sich kaum vorhersehen, welche Kontakte, welche Einträge einem später schaden. […] Bevor Sie also etwas im Netz veröffentlichen, stellen Sie sich die Frage: Würde ich neben diesem Text mit meinem Namen und Bild auch in der Zeitung stehen wollen?

(Wirtschaftswoche)

Oder würde es ihr Kind wollen? Ihr Chef? Ihr Kollege?
Das Thema Datensicherheit dreht sich nicht nur um die Frage: Was passiert in einem Unternehmen jetzt mit meinen Daten?. Es geht auch um die eigene Verantwortung und die Frage: Was kann morgen aus meinen Spuren im Internet werden?

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Thomas Gigold

Thomas Gigold

ist Journalist und Berufsblogger. Blogger ist Gigold bereits seit den letzten Dezembertagen des Jahres 2000, seit 2005 verdient er sein Geld mit Blogs und arbeitete u.a. für BMW, Auto.de und die Leipziger Messe. Selbst bloggt Gigold unter medienrauschen.de über Medienthemen.

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