Warum die VWL reformiert werden muss

An den VWL-Fakultäten wird die plurale Ökonomik nicht gefördert. Ein Update mit Hilfe der Verhaltensökonomie wäre von Nöten. Warum verschiedene Ansätze so wichtig sind. Vor vier Jahren hat mich auf der Frankfurter Fachtagung “Ökonomie neu denken” der Verhaltensökonom Professor Armin Falk von der Uni Bonn am meisten überzeugt – und das schreibt das Notiz-Amt nicht aus Lokalpatriotismus. Die Verhaltensökonomik ist wohl die beste Antwort auf das Versagen der klassischen Ökonomie, wirtschaftliche Vorgänge zu beschreiben und wissenschaftlichen Rat für wirtschaftspolitisches Handeln zu erteilen. Schön die Bemerkungen über die “alten” VWL-Hochschullehrer, die im Brustton der Überzeugung ihre recht verstaubten Methoden verteidigten und häufig entgegnen: “Das ist einfach so.” Jo. Es ist eben doch nicht einfach so. Vielleicht ist es ganz anders, wenn man sich das Diktum des rationalen Verhaltens im Alltag mal genauer betrachtet. Etwa bei der Wahl der richtigen Form der Altersvorsorge.

Entscheidungshilfen

Wenn wir in vielen Entscheidungssituationen nicht in der Lage sind, uns rational zu verhalten, kann es durchaus Sinn machen, dem Modell des sanften Paternalismus zu folgen – generell reagiere ich ja bei paternalistischen Konzepten allergisch. Aber wenn wir die Wahlfreiheit haben, ein Angebot abzulehnen, ist das eine gute Lösung. Es gibt eben Menschen, denen man Entscheidungen abnehmen sollte. Am Beispiel der Organspende hat das Falk sehr gut skizziert. In so genannten Opt-in-Ländern wie Deutschland, die ausdrücklich eine Zustimmung für Organspenden verlangen, ist die Zahl der Organspender gering. In Ländern mit Opt-out-Regeln (hier muss explizit seinen Willen bekunden, seine Organe nicht zu spenden) liegt die Quote der Organspender um ein vielfaches höher. Das könnte man auch im Datenschutz so handhaben. Gibt es nun in der Volkswirtschaftslehre nach der Finanzkrise ein fundamentales Umdenken?

Mikroökonomie und der rationale Homo Oeconomicus

Nach Auffassung von Professor Justus Haucap dürfte zumindest in der Modernen Mikroökonomie, das Modell des stets rationalen Homo Oeconomicus von heute, schon nicht mehr der Mainstream sein.

“Mainstream ist vielmehr inzwischen die Verhaltensökonomie, die Menschen nur eine begrenzte Rationalität unterstellt und davon ausgeht, dass zumindest ein Teil der Menschen immer wieder Fehler macht und kognitiven Verzerrungen unterliegt. Die Psychologie ist somit schon längst mitten in der Volkswirtschaftslehre angekommen.”

Ernst Fehr, Reinhard Selten und Axel Ockenfels seien nur drei Namen aus einer ganzen Reihe von Verhaltensökonomen aus dem deutschsprachigen Raum.

Auf Basis dieser Einsichten beschäftigen sich Ökonomen heute daher zum Beispiel mit der Frage, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen auf welchem Markt gelten sollten, damit Wettbewerbsprozesse in solchen Bahnen verlaufen, dass Verbraucher davon profitieren und nicht durch Täuschen und Tricksen systematisch hereingelegt werden

, schreibt Haucap im Onlinemagazin Merton.

Macht und Informationsprobleme

Eine wichtige Aufgabe sieht er in der interdisziplinären Arbeit der VWL. Mikroökonomische Modelle, in denen Macht, Informationsprobleme und begrenzte kognitive Fähigkeiten eine Rolle spielen, sollten stärker mit der Makroökonomie vereint werden. Letztere Disziplin dominiert in den steuerfinanzierten Wirtschaftsforschungsinstituten als wichtigste Denkfabriken für die politischen Entscheider in Bund und Ländern. Genau hier gibt es zu viele Modellschreiner, die vor lauter Wald keine Bäume sehen und eine katastrophale Politikberatung leisten. Die ökonomische Lehre leidet jedenfalls an einer Fragmentierung, kritisierte Professor Nils Goldschmidt, Direktor des Zentrums für ökonomische Bildung an der Universität Siegen, auf der diesjährigen Ökonomie-neu-denken-Tagung.

Er fordert einen pluralen Diskurs in der VWL. Es könne doch nicht sein, dass man die politische Ökonomie in den Modellwelten ausblendet:

Wenn ich über Entwicklungsprobleme in Afrika sprechen will, dann muss ich über politisch-ökonomische Prozesse sprechen, dann muss ich entwicklungsökonomisch denken. Wir brauchen wirtschaftshistorische Forschung, wir brauchen in vielen Bereichen institutionen-ökonomische und verfassungsökonomische Forschung.

Diese unterschiedlichen Zugänge zur Ökonomie erwartet die Öffentlichkeit und erwarten die Studenten. Es geht um politische Ideen, um Ethik im Wirtschaftsleben, um die Gestaltung der Gesellschaft und um zivil-gesellschaftliches Engagement. Es geht immer stärker auch um netz-ökonomische Trends. Genau diese Fähigkeiten werden an vielen VWL-Fakultäten nicht gefördert – also plurale Ökonomik. Deshalb sinkt auch die Attraktivität der VWL, die die Studentinnen und Studenten mit überkommenden Theoriemodellen traktieren. Dabei ist es doch die Stärke einer wissenschaftlichen Disziplin, multiple Methodiken zu vermitteln und nicht von einem unumstößlichen Identitätskern zu sprechen. Unterschiedliche Erkenntniswege und Zugangswege sind in der Soziologie oder Politologie an der Tagesordnung.


Image „Economy“ by Simon Cunningham (CC BY 2.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger.

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