Die neue soziale Arbeit: Trägst auch du zum Elitenreichtum bei?

Die klassischen Medien fassten den OECD-Bericht wie folgt zusammen: Die Reichen werden immer reicher. Die Einkommensschere geht zumindest in Deutschland nicht weiter auf. Aber die vielen armen Haushalte verhindern weiteres Wachstum. Es müsse mehr getan werden, z.B. durch einen Kitaausbau, damit mehr Frauen Vollzeitjobs annehmen können. Jedoch: Es steht noch viel mehr drin in dem Bericht – und es betrifft auch die Wissensarbeiter/innen, also uns.


Warum ist das wichtig?

  • Schauen wir genauer hin als die Qualitätsmedien. Schielen wir nicht nur auf die reichsten 10 Prozent, denen 60 Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens in Deutschland gehört.

  • Was tut sich am gesamten, prekären OECD-Arbeitsmarkt, basierend auf den Statistiken? Klingt vielleicht dröge, sollte aber viele interessieren.

  • Einige Entwicklungen habe ich herausgepickt und ins Deutsche übersetzt. (Bei wenig Zeit: Einfach über die Statistiken hinweg schauen – sie dienen lediglich der vertiefenden Analyse.)


Jetzt geht’s los

Hände hoch: Wer von euch gehört mindestens einer dieser drei Arbeitsformen an: Temporär oder befristet beschäftigt, in Teilzeit befindlich oder selbstständig?

Alle, die jetzt HIER geschrien haben: Glückwunsch, damit zählst auch du zu den sogenannten Nicht-Standard-Arbeitenden!

Nicht-Standardarbeit wird state-of-the-art

Man muss sich nicht einsam fühlen. In den OECD-Staaten verteilt sich ein Drittel der gesamten Beschäftigung auf Nicht-Standardarbeit, die sich eben aus temporärer bzw. befristeter Arbeit, Teilzeitarbeit und Selbstständigen zusammen setzt.

Der Anteil ist je nach Land recht verschieden: von 20 Prozent in den östlichen, europäischen Ländern (Polen ausgenommen) bis zu 46 Prozent und mehr in den Niederlanden und der Schweiz. Dabei sind Frauen (v.a. in Teilzeit), junge Menschen (v.a. in temporären Jobs) und Arbeiter/innen mit niedrigen Bildungsgraden überrepräsentiert, wie auch generell Erwerbstätige in kleinen Firmen.

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Wie das kam, lässt sich an den Zahlen seit den 1990er Jahren ablesen. Nahezu 60 Prozent des gesamten Beschäftigungswachstums in der OECD erfolgte seitdem v.a. in Form von Nicht-Standardarbeit.

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In Österreich, Deutschland, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Slowakischen Republik kann gar das gesamte Beschäftigungswachstum auf diese Form der Arbeit zurückgeführt werden. Während des gesamten Zeitraums ist in diesen Ländern die absolute Zahl der Standardarbeit gesunken, v.a. in Deutschland. In anderen Ländern, wie z.B. Norwegen, Griechenland, Island und Ungarn, war hingegen die Standardarbeit noch eine wichtige Quelle des Beschäftigungswachstums bis 2008.

Die globale Krise schlägt zu

Das veränderte sich schlagartig mit der globalen Krise 2008. Seitdem gingen viele Standard-Arbeitsplätze verloren. (Das sind die blau markierten Balken in der Grafik.)

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Es erfolgte eine Umverteilung der Qualität der Arbeit. Klassische Standardarbeit mit mittlerem Qualifizierungsbedarf gingen verloren, während neue Jobs in höher oder niedriger qualifizierten Bereichen entstanden. In Deutschland zum Beispiel stieg zwischen 1995 und 2010 der Anteil der geringst bezahlten (um 2,7 Prozent) und höchst bezahlten (um 2,3 Prozent) Jobs deutlich an. Diese Bereiche setzen wiederum v.a. auf Nicht-Standardarbeit auf.

Vor allem setzten diese Bereiche auf temporärer Beschäftigung auf. Sie ist in mehr als drei Viertel aller OECD-Länder gestiegen und ist für das Gros des Anwachsens der Nicht-Standardarbeit verantwortlich. Hinzu kommt ein bedeutender Anstieg der permanenten Teilzeit-Beschäftigung.

Der Anteil der permanenten Teilzeitarbeit stieg bereits in mehr als der Hälfte der Länder bis zur globalen ökonomischen Krise an. Vor allem Frauen sind von dieser Entwicklung stark betroffen.

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Gerne wird kolportiert, Teilzeitkräfte wären Teilzeitkräfte, weil sie gerne als Teilzeitkräfte arbeiteten. Das trifft auch auf zwei Drittel aller Teilzeitkräfte zu. Aber eben auf ein Drittel so gar nicht. Sie sind unfreiwillige Teilzeitkräfte.

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Wenn man alles zusammen nimmt, Anstieg der Teilzeitarbeit und der Verlust von Standardarbeit, dann können über den gesamten Zeitraum von 1995 bis 2013 genau 56 Prozent des Beschäftigungswachstums auf Nicht-Standardarbeit zurückgeführt werden.

Sackgasse Nicht-Standardarbeit

Nun wird oft gesagt: Hauptsache mal einen Fuß rein bekommen in den Arbeitsmarkt – es wird sich im Laufe der Zeit schon ein Weg in die Standardarbeit finden. Dies geben die Zahlen leider nicht her.

Nicht-Standardarbeit führt nur im Verhältnis zu Nicht-Beschäftigten zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, eine Standardarbeit zu erlangen. Ganz im Gegenteil: Ungefähr 60 Prozent der arbeitenden, ARMEN Haushalte sind Haushalte, deren Haupterwerbsquelle eine Nicht-Standardarbeit ist.

Und sie kommen kaum vom Fleck, denn Job-Qualität, Verdienst, Job-Sicherheit und Weiterbildung ist für Nicht-Standardarbeiter/innen bei weitem nicht so ausgeprägt wie bei den Erwerbstätigen in Standard-Arbeitsverhältnissen.

So entspricht z.B. das mittlere jährliche Einkommen aller Nicht-Standardarbeiter/innen über alle OECD-Staaten hinweg fast nur der Hälfte des Levels derjenigen in Standardverträgen. Bei Teilzeit-Arbeiten fallen sie sogar bis zu 70 Prozent geringer aus. Und bei den Stundenlöhnen lässt sich im Durchschnitt generell ein 70-80 Prozent geringerer Preis identifizieren.

Rich and Poor Serving Inequality (Image: epsos.de [CC BY 2.0], via Flickr)

Bleibt der Weg in die Selbstständigkeit?

Hier ist die Motivation innerhalb der OECD sehr unterschiedlich. Die Trends in der Selbstständigkeit sind sehr gemixt. So geht sie in Ungarn und Polen gerade stark zurück. Generell zeigt sich eine hohe Korrelation zum Rückgang der Landwirtschaft in den OECD-Ländern.

Und jetzt legt die OECD ihre mathematischen Formeln an: Grundsätzlich lässt sich eine gut etablierte, negative Beziehung zwischen dem Bruttosozialprodukt und der Selbstständigkeitsrate feststellen. Das bedeutet, je höher das BSP, desto weniger Selbstständige.

Hinzu kommt: Selbstständigkeit ist dort breit vertreten, wo der öffentliche Sektor klein ausfällt, die Steuersätze sehr hoch sind, die Regulierung des Produktmarktes sehr dicht und die Gesetzgebung eher schwach ist.

Zudem ist die Anzahl der „Scheinselbstständigen“ gewachsen, die nur für eine Firma arbeiten.

Alles ein Indiz für die Digitalisierung?

Da fast alle Arbeitsplatzverluste, unabhängig von der Art der Aufgabe, im Bereich der Standard-Arbeit zu verzeichnen sind, während sich das Beschäftigungswachstum hauptsächlich in Form von atypischer Beschäftigung vollzog, kann nach Ansicht der OECD der technologische Fortschritt allein nicht als einzige Erklärung für die Job-Polarisierung dienen. Arbeitsmarktinstitutionen und die Politik haben wahrscheinlich eine wesentliche Rolle gespielt, wie sich bestimmte Muster des Jobaustausches in bestimmten Ländern vollzogen.

Die Ergebnisse lassen demnach vermuten, dass die Geschichte der Automatisierung nicht als alleinige Erklärung für das Aushöhlen der Mittelschicht dienen kann. Die verschwindenden Standardjobs in der Mitte hätten, wenn sie nur durch Technologien getrieben wären, nicht einfach ersetzt werden können durch Arbeiter/innen mit denselben Fähigkeiten, nur halt in Nicht-Standard-Arbeitsformen. So das doch recht eindeutige Fazit der OECD.

Und jetzt ihr: Werft doch nochmals einen Blick auf die Ausgangsfrage! Helft auch ihr mit, die Schere zugunsten der Eliten zu öffnen?

Die OECD mahnt: Es sind bereits 40 Prozent der unteren Einkommensschichten vom Prekariat betroffen oder gar bedroht. Und dabei geht viel „Humankapital“ verloren, weil sie ihre Talente nicht zugunsten der Gesellschaft einbringen können. Da hilft auch kein Appell mehr an die Ärmeren, sich endlich einmal anzustrengen…

Die OECD bleibt also ihrer Linie treu: Klare Worte an die nationalstaatliche Politik, um ihrem Wachstumsideal zu entsprechen. Inwiefern das Loblied auf das klassische Normal-Arbeitsverhältnis im 21. Jahrhundert gesamtgesellschaftlich weiterhin wünschenswert und realistisch ist, gilt es noch zu diskutieren. Aber nicht an dieser Stelle…

Die OECD-Studie

Warum die Studie zwar offen einsehbar, aber weder durchsuchbar, geschweige denn kostenfrei downloadbar ist, erschliesst sich mir nicht. Aber wer sie in Gänze am Bildschirm lesen will, hier entlang, bittschön:

In It Together: Why Less Inequality Benefits All


Teaser & Image by „Lamborghini Aventador und LaFerrari“ by Axion23 (CC BY 2.0)


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Anja C. Wagner

Anja C. Wagner

beschäftigt sich mit globaler Transformation im digitalen Wandel. Sie gilt als kreative Trendsetterin und bezeichnet sich selbst als Bildungsquerulantin. Inhaltlich beschäftigt sie sich mit User Experience, Bildungspolitik, Arbeitsorganisation und unserer Zukunft in einer vernetzten Gesellschaft. Mit dem Unternehmen FrolleinFlow GbR bietet sie heute Studien, Vorträge, Consulting und verschiedene Online-Projekte an. ununi.TV ist eines dieser Online-Projekte.

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