Radar, Funktechnik, Signale (adapted) (Image by stux [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Wusste die NSA über „Meltdown“ und „Spectre“ Bescheid?

Die US-amerikanische NSA dementiert, im Vorfeld etwas von den kürzlich bekannt gewordenen CPU-Sicherheitslücken „Meltdown” und „Spectre” gewusst zu haben. Es spricht Bände über den Ruf einer Behörde, wenn diese dergleichen eigens betonen muss. Davon abgesehen ist die Glaubwürdigkeit des Dementis durchaus fragwürdig. In letzter Zeit wurde mehrfach bekannt, dass die NSA Sicherheitslücken in IT-Systemen kannte. Sie hielt diese jedoch mit Absicht geheim, um sie für eigene Angriffe zu nutzen und gefährdete so die Allgemeinheit.

Gravierende Prozessor-Schwachstellen

Die Prozessor-Sicherheitslücken „Meltdown“ und „Spectre“ beschäftigen derzeit die Fachwelt. Sie haben ein erhebliches destruktives Potential. Um den Jahreswechsel bekannt geworden, basieren sie auf einer Schwäche bei der „Memory Randomization“. Moderne Prozessoren legen Quellcode im Speicher zufällig ab, damit keine sensiblen Daten ausgelesen werden können. Bei den betroffenen Prozessoren geschieht dies jedoch nach einem vorhersehbaren Muster. Sensible Daten, beispielsweise Passwörter, kryptographische Schlüssel und in Programme eingegebene Informationen, sind so gefährdet. Da ein Angriff direkt über das Auslesen der Hardware funktioniert, wird er zudem vom Betriebssystem nicht protokolliert. Gelingt den Angreifern also ein unbemerkter Hardware-Zugriff, gibt es für die Betroffenen keine Möglichkeit, die Manipulation nachträglich festzustellen.

Betroffen sind vor allem Prozessoren der Marke Intel, aber auch anderer namhafter Hersteller. Der Fehler tritt bei Nutzung sämtlicher populärer Betriebssysteme – Windows, Linux, Mac OS X – auf. Da die Sicherheitslücke im Prozessordesign begründet liegt, ist sie für vorhandene Systeme nicht zu beheben. Lediglich ein Workaround auf Betriebssystem-Ebene ist möglich. Dieser allerdings würde, so schätzen Experten, Leistungseinbußen von einigen Prozent bis zu einem Viertel – je nach Auslastung – und auf Mobilgeräten in der Folge auch eine Verringerung der Akkulaufzeit zur Folge haben. Für zukünftige Prozessoren muss das Design so geändert werden, dass das Problem nicht mehr auftritt.

Dementi der US-Behörden

In die ohnehin hitzige und teils chaotische Diskussion über „Meltdown“ und „Spectre“ mischte sich vor Kurzem auch das Weiße Haus ein. Es betonte, der technische Geheimdienst der USA, die NSA, habe von den Prozessor-Schwachstellen nichts gewusst.

Die NSA wusste nicht von der Schwachstelle, hat sie nicht ausgenutzt und freilich würde die US-Regierung nie ein großes Unternehmen wie Intel einem Risiko aussetzen, um eine Angriffsfläche offenzuhalten“, sagte der Cybersicherheitskoordinator im Weißen Haus und Ex-NSA-Offizielle Rob Joyce der Washington Post.

Glaubwürdig oder eher nicht?

Zunächst einmal sagt es einiges über das mangelhafte Vertrauen der Menschen in die US-Behörden aus, dass ein solches Dementi überhaupt für nötig befunden wird. In den letzten Jahren haben die US-Behörden und mit ihnen kooperierende Unternehmen massiv an Vertrauen eingebüßt. Spätestens seit den Snowden-Enthüllungen stehen sie in den Augen vieler Menschen vor allem für massive Überwachung und die Missachtung individueller Rechte.

Hinzu kommt allerdings, dass das von Joyce vorgebrachte Dementi keineswegs allzu glaubwürdig ist. In letzter Zeit wurde die NSA mehrfach dabei erwischt, Sicherheitslücken und zugehörigen Angriffs-Quellcode – sogenannte Exploits – für sich zu behalten, um ihn für eigene Angriffe zu nutzen. Besonders gravierende Folgen hatte das im Falle des Ransomware-Trojaners WannaCry, der sich über eine der NSA mehrere Jahre bekannte Sicherheitslücke verbreitete. WannaCry legte auf der ganzen Welt eine große Zahl von Rechnern lahm.

Teilweise waren auch kritische Systeme, etwa beim ÖPNV, Krankenhäusern und Telekommunikationsunternehmen, betroffen. Interessant dabei: Das betroffene Unternehmen im Fall WannaCry hieß Microsoft, betraf die Lücke doch das populäre Windows-Betriebssystem. Die Beurteilung, ob es sich dabei nicht um ein großes US-Unternehmen handelt und was die Antwort auf diese Frage über die Glaubwürdigkeit des Weißen Hauses in dieser Angelegenheit aussagt, bleibt jedem selbst überlassen…


Image (adapted) „Radar, Funktechnik, Signale“ by stux (CC0 Public Domain


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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