Niiu – individuelle Zeitung auf Wunsch?

Digitale und gedruckte Information – inhaltlich ein zwingender Widerspruch des Mediums? Ich würde gerne mal wieder morgens nicht am Computer, sondern bei einem Kaffee mit einer Zeitung sitzen. Allerdings finde ich in der momentanen Zeitungslandschaft kein Produkt, das meinen Ansprüchen und Gewohnheiten entgegenkommen könnte. Meine Informationsstrategie hat sich in den letzten Jahren durch die Entwicklungen im Internet entscheidend geändert.

Eines Abends beim Diskutieren vor dem newthinking store streifte mein unruhiges Auge ein Plakat: Niiu – stell Dir Deine individuelle Zeitung zusammen (oder so ähnlich). Das war nach 5 Minuten wieder vergessen. Was ich nicht in meiner Twitter-Timeline anklicken kann, nehme ich nicht nachhaltig war. Dort tauchte vor einigen Monaten die Twittertimes auf: eine individuelle Echtzeit-Zeitung, die auf meinem Twitter-Netzwerk basiert. Auf der Titelseite erscheinen die Inhalte von Links, die in meinem Netzwerk prominent zirkulieren. Was ich für einen echten Mehrwert halte, erspart mir die Twittertimes einerseits, meine Timeline selbst zu durchforsten und andererseits meinem Netzwerk, daß ich einen ohnehin schon weit verbreiteten Link redundant einspeise. Allerdings wird die Twittertimes nicht gedruckt ausgeliefert, allenfalls könnte ich mir das PDF ausdrucken.


Aufgrund einer kontroversen Diskussion mit einem Verleger auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen landete der Link zu einem Artikel über Niiu in meiner Inbox. Könnte das meine Twittertimes in gedruckter Form sein? Einen Versuch wäre es wohl wert, also habe ich eine Verabredung: 6 Tage kostenlos testen. Account anlegen und los geht’s durch 7 Einrichtungsschritte. Um den Einstieg zu erleichtern gibt es 8 vordefinierte Ausgaben-Schwerpunkte, ich wähle Lokales (Berlin) für den Anfang und 2 Ausgaben International am Schluß.


In den nächsten 2 Schritten erfolgt die Zusammenstellung der Inhalte: erst mit Zeitungen, dann mit Online-Inhalten. Die Bild fliegt gleich mal raus, für lokale Inhalte reicht mir ein wenig Berliner Zeitung. Aus den Zeitungen lassen sich Titelseite, Feuilleton oder Seite 2 & 3 etc. wählen. Die Online-Inhalte sind ebenfalls in Ressorts gegliedert, die Blogpiloten fliegen gleich mal raus aus meiner Niiu. Über die Reihenfolge lässt sich eine Gewichtung der eigenen Vorlieben herstellen, schließlich ist nie gesichert, daß auch wirklich in allen Bereichen von allen zur Verfügung stehenden Anbietern Inhalte geliefert werden. 5. Schritt zur eigenen Zeitung: Layout auswählen. Die Niiu kommt in Blau oder Rot, der Titel kann frei eingegeben werden, genauso wie ein Motto und eine Grußbotschaft. Als ergänzende Gadgets können Aktien, Wetter oder ein Sudoku auf erster oder letzter Seite platziert werden. Zusätzlich darf ein eigenes Bild hochgeladen werden. Bestellung aufgeben, noch ein paar Daten wie die Adresse eingeben, fertig.

Das hört sich alles recht einfach und schlüssig an, schauen wir mal, wie sich eine solche Zeitung liest und was so an Technik dahintersteckt. Das fängt an bei der Druck-Technik, benötigt werden Maschinen, die sich schnell und kostengünstig auf unterschiedliche kleine Auflagen einrichten lassen. Die Entwicklung solcher Drucker ist noch recht neu. Und die Inhalte: einerseits muss der rechtliche Rahmen und die Vergütung für die Nutzung geregelt werden, andererseits müssen die Inhalte in einem Format vorliegen, das die Zusammenstellung in einer neuen Zeitung ermöglicht. Bei der Vorstellung, mit wievielen unterschiedlichen Redaktions- und Veröffentlichungssystemen Zeitungen und Blogs arbeiten, lässt sich erahnen, daß die Vereinheitlichung unterschiedlicher Formate zur Weiterverwendung keine triviale Frage ist.

Und wie fügen sich die Inhalte nun in der Niiu zusammen? Antwort: Gar nicht! Von meinen 6 Test-Ausgaben landen nur die letzten 3 bei mir, auf die deutsche Post ist ja schon länger kein Verlaß mehr. Daher wird für alle regulären Abos ein Extra-Lieferservice mitgeliefert, über den sichergestellt wird, daß die Niiu pünktlich bis 8 im Briefkasten steckt. Auf der Titelseite meiner Ausgabe vom 9.3.2010 lächelt mir Christoph Waltz mit Oscar entgegen. Der Rest der Seite ist gefüllt mit Blog-Einträgen, z. B. über polyextremophile Tardigrades, die in extremen Umgebungen überleben können. Der Artikel endet mit 3 kryptischen Sätzen – achso, da wären jetzt Bilder online! Ähnlich ergebnislos ist der Versuch, die nicht vorhandenen Links zu klicken. Für die klassischen Print-Inhalte ergibt sich jedoch auch kein besseres Bild: Artikel enden mit dem Verweis auf Seite Sowieso, natürlich ausgerechnet da, wo’s grad spannend wird!

Jede Seite hat ein anderes Erscheinungsbild, andere Typographie und in meine internationale Ausgabe haben sich tatsächlich 2 Seiten in Kyrillisch eingeschlichen … ich ertappe mich dabei, zur Orientierung erstmal die ursprüngliche Zeitung zu erfassen, dann die Seitenstruktur zu erkennen und dann erst entscheiden zu können, was ich nun lesen möchte. Irgendwo in meinem Hinterkopf blinkt das Wort „Leistungsschutzrecht“ auf. Ist es das, was Verlage geschützt haben wollen? Wie wollen sie damit als Distributoren wettbewerbsfähig werden in einem zukünftigen Zeitungsmarkt, für den die Niiu eine erste Manifestation sein könnte? Besser sieht es da für die Online-Inhalte aus, die sauber gesetzt im Niiu-Layout erscheinen. Wobei sich hier gleichberechtigerweise die Frage stellt, warum das Online-Layout nicht übernommen wird.

Verhandlungspartner für die Übernahme der Inhalte sind Verlage und Online-Content-Anbieter wie z. B. Qype oder Wikipedia. Da im Voraus nicht klar ist, welche Autoren erscheinen werden, ist es schwierig, direkt mit den Inhaltserstellern oder Autoren zu verhandeln. Ausserdem befindet sich Niiu noch in einem 6-monatigen Test-Stadium, um die Entwicklung im Allgemeinen und die Frequenz von abgefragten Inhalten im Besonderen zu beobachten.

Mein Fazit: Reizen würde es mich, noch mehr mit den Online-Inhalten zu spielen, gerne hätte ich hier ein größeres Spektrum an Blogs. Für meinen Gebrauch könnte ich mir vorstellen, daß Niiu hier einen Teil Feedreader-Funktionalität ersetzen könnte. Zumal, wenn in Zukunft wie z. B. bei der eingangs erwähnten Twittertimes Nachrichten aus der Peergroup bzw. dem Social Graph automatisch beigemischt würden. Die Gestaltung des Niiu-Online-Interfaces und den Ablauf des Zusammenstellens der Inhalte finde ich irgendwie holprig. Die Ausgabe, die morgens um 8 im Briefkasten sein soll, muss bis 14 Uhr des Vortages fertig konfiguriert sein. Eine für mobile Endgeräte optimierte Version, iPhone- oder Android-Application gibt es nicht. Sinnvoll wäre das schon, z. B. um im allgemeinen Alltagsstreß bei einer Verschnaufpause in der U-Bahn rechtzeitig Änderungen vorzunehmen. Eine Ausgabe für ePaper oder Kindle ist auch nicht geplant, konsequent, denn es geht in erster Linie um das Print-MashUp. Allerdings, so verrät Wanja Oberhof – einer der Geschäftsführer von Niiu – im Gespräch, könnte durchaus eine Application für das iPad mit dessen Markteintritt kommen.

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Regine Heidorn

Regine Heidorn

 ist als Informations-Architektin für das Berliner Exzellenzcluster Topoi tätig. Nach philologischen, ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Studien, Radkurierfahrerei in Bremen und einer Ausbildung im Multimedia-Bereich in Berlin ist sie seit 2006 selbständig. Schwerpunkte: Informationsarchitektur, Webprogrammierung und digitale Geisteswissenschaften.

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