Die New York Times versucht sich an VR-Filmen

Mittels virtueller Realität erzählte die New York Times ihren Lesern die Geschichten von jungen Flüchtlingen, nahm die Leser auf Wahlkampfreise mit und ermöglichte ihnen, die Trauer in Paris mitzuerleben. Nun ist es Zeit, sie auf den Pluto zu begleiten.

Mit „Auf der Suche nach Plutos kaltem Herzen“ nimmt der Times-Wissenschaftsautor Dennis Overbye die Zuseher mit auf einen virtuellen Rundgang über die Oberfläche des Planeten. Das Projekt, das auf dem Tribeca Film Festival zu sehen sein wird, wird im Laufe des Monats veröffentlicht – zusammen mit einer neuen Lieferung von etwa 300.000 Google-Pappbrillen an Times-Abonnenten. (Die Times hatte bereits im November eine Million der Brillen verteilt.)

Dieses neue Projekt stellt einen bedeutenden Meilenstein für die Times dar. Im Gegensatz zu bisherigen VR-Projekten, die alle in Kooperation mit VR-Produktionsfirmen wie VRSE produziert worden waren, ist das Pluto-Erlebnis ganz allein von der Times-eigenen Wissenschafts- und Grafikabteilung auf die Beine gestellt worden. Dies zeigt nicht nur das Engagement der Times im technischen Bereich, sondern macht ebenfalls deutlich, inwiefern  Nachrichtenredaktionen mittlerweile in der Lage sind, mit den bestehenden Technologien Videos zu produzieren, so Sam Dolnick, der für die VR verantwortliche New York Times Redakteur:

Es gibt eine Reihe neuer Fragen zu der Technologie, zur Erzählkunst und zur Bearbeitung. Was es so spannend macht, ist, dass jeder sich mit den Fragen neu auseinandersetzt. Sogar unsere Experten arbeiten erst seit einem Jahr daran. Daher fühlt sich alles so offen an.

Dolnick sagt, dass virtuelle Realität ihr größtes Potenzial entfaltet, wenn sie Menschen an Orte transportiert, die sie alleine nicht besichtigen können. So ist die virtuelle Reise auf den Pluto eine der mächtigsten Anwendungsmöglichkeiten der neuen Technologien. Aber die Times bearbeitet noch weitere Projekte. Diese Woche erklärte sie, dass sie gerade an ihrer ersten Reihe von Episodenfilmen arbeite, um damit den einmaligen Zugang zur virtuellen Realität, den sie und andere Nachrichtenagenturen eröffnet haben, weiter auszubauen.

Ich habe mit Dolnick über die Annäherung der Times an die virtuelle Realität sowie die entstehenden ethischen Grundlagen für VR-Journalismus gesprochen und gefragt, welche Zukunft die Times für das, was sie „meditative VR“ nennt, sieht.

 

Ricardo Bilton (RB): „Auf der Suche nach Plutos kaltem Herzen” und „Die Verdrängten” scheinen ganz andere Schwerpunkte zu haben. Wie gehören sie zusammen?

Sam Dolnick (SD): Sie sind in der Tat ganz unterschiedliche Filme, aber der rote Faden ist, dass sie beide auf clevere Art und Weise das Medium benutzen. Von „Die Verdrängten” haben wir gehört, dass die Zuschauer sich auf eine Art mit den Kindern im Film verbunden fühlten, wie es für einen traditionellen Nachrichtenartikel eher schwierig zu erreichen ist. Wir haben Hunderte von Geschichten über die Flüchtlingskrise geschrieben, doch was wir immer wieder von den Leuten hörten, war, dass sie mittlerweile abgehärtet waren. Mit diesem neuen Medium konnten sie den Kindern aber in die Augen sehen, was einen bleibenden Eindruck hinterließ und sie nachhaltig schockierte.

Das Pluto-Projekt ist insofern eine neue Nutzung des Mediums, als dass es einen an einen Ort bringt, den man eigentlich niemals betreten könnte, und einen die Wunder eines neuen, fremden Planeten erleben lässt – und zwar auf eine Art und Weise, wie es eine traditionelle Geschichte oder sogar ein traditionelles Video nicht vermögen.

RB: Wie halten Sie die Leute bei der Stange? Viele dieser VR-Projekte machen zunächst einen großen Wirbel, doch dann vergessen die Leute sie schnell wieder.

SD: Wir erwarten von unserer VR-App nicht, dass sie zur täglichen Gewohnheit wird, wie unsere Haupt-Nachrichtenapp. Aber wir haben eine Vielzahl an Wegen gefunden, die Leute wieder zurückkommen zu lassen. Wir senden zum Beispiel Push-Benachrichtigungen bei neuen Videos, schreiben E-Mail-Newsletter, promoten unsere Webseite mobil und in den sozialen Netzwerken. Wir haben eine Menge Kanäle, über die wir die Leute erreichen können.

Wir freuen uns außerdem darauf, dieses Jahr unsere Episodenfilme herauszubringen. Die Idee ist, richtige VR-Shows zu produzieren, die einen verbindenden roten Faden und eine Serienstruktur haben. Wir sind der Meinung, dass wir so die Leute längerfristig zum Wiederkommen bewegen können.

RB: Ein anderer bedeutender Teil ist doch offenbar auch, die Leute mit dem passenden Equipment zusammenzubringen, nicht wahr?

SD: Ja. Hätten wir unser erstes Video veröffentlicht und dann einfach Feierabend gemacht, hätte es niemand geguckt. Der Grund für die große Resonanz war, dass Google uns einen gewaltigen Vertrauensvorschuss entgegenbrachte und uns half, eine Million Pappbrillen zu liefern. Ohne die Headsets geht es nicht.

RB: Was ist mit unterschiedlichen Themen?

SD: Wir werden uns weiterhin auf die großen Geschichten konzentrieren. Aber wir werden ebenfalls VR-Filme machen, die sich mit Style und Kultur beschäftigen. Die New York Times ist da vielschichtig. Wir experimentieren außerdem mit Formaten. Wir beschäftigen uns gerade mit einem Erlebnis, das wir scherzhaft „meditative VR“ nennen. Dies sind ungeschnittene Videos von wunderschönen Orten , die aus einer einzigen Einstellung heraus aufgenommen wurden. So kann man zum Beispiel bei Sonnenuntergang an einem jamaikanischen Strand sein oder an einem kanadischen Wasserfall. Sie sind genau dort in dem Moment. Sie schauen sich um. Es gibt keine Geschichte und es passiert nichts weiter. Ich würde es nicht einmal unbedingt Journalismus nennen. Es ist einfach etwas sehr Mitreißendes, etwas, das in der virtuellen Realität sehr eindrucksvoll wirken kann.

RB: Eine der Nebenwirkungen des Einsatzes dieser neuen Technologien ist, dass man auch mit neuen ethischen Fragestellungen konfrontiert wird. Bei „Die Verdrängten“ wurden Bedenken geäußert, wie und ob sich die Produzenten verstecken sollten, so dass sie nicht innerhalb der 360-Grad-Kamera zu sehen waren. Ist das eine ethische Problematik im Zusammenhang mit neuen Technologien?

SD: Das stimmt nicht. VR ist nicht arrangierter als andere Filme auch. Man positioniert die Kamera und oft verlässt man den Raum, um zu schauen, was passiert. Der Videojournalist Ben Solomon, der Co-Regisseur von „Die Verdrängten“ sagt, dass ein Videodreh oft wie das Jagen mit einem Gewehr ist – man weiß genau, hinter was man her ist.

VR zu drehen ist dagegen eher wie das Aufstellen einer Bärenfalle. Man stellt sie hin und hofft das Beste. Es ist eine andere Art der Erzählkunst, aber ich bin nicht der Ansicht, dass man von einer inhärenten journalistischen Kompromittierung sprechen kann. Man kann es theoretisch auf eine unaufrichtige Art und Weise machen, aber das ist nicht die Herangehensweise, die wir verfolgen.

RB: Es hat den Anschein, dass die ethischen Grundlagen der VR, journalistisch gesehen, ziemlich fließend sein werden, wenn die Leute sich auf die neue Technologie eingestellt haben.

SD: Es wird anders sein. Traditionellerweise erscheint der Videojournalist in Dokumentationen nicht. Er ist hinter der Kamera, nicht im Bild. Vielleicht werden wir akzeptieren, dass in der virtuellen Realität der Regisseur innerhalb des Bildes ist, man ihn also sehen kann, und dies ein Teil der Transparenz ist. Am wichtigsten ist es, dass die Zuschauer verstehen, was wir tun und was sie sehen, und dass wir transparent und offen hinsichtlich des gesamten Prozesses sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Caucus Tourism: Virtual Campaigning“ by Phil Roeder (CC BY 2.0)


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Ricardo Bilton

Ricardo Bilton

ist Journalist und schreibt für das Nieman Journalism Lab. Er setzt sich stark mit dem Thema "Virtual Reality" auseinander. Zuvor war er als Reporter bei Digiday zuständig und schrieb unter anderem Artikel für VentureBeat, ZDNet, The New York Observer and The Japan Times.

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