Neue Tools für Opinary-User: Einbetten und weiterverbreiten

Cornelius Frey hat mehr als 10 Jahre im Ausland gelebt, als er Weihnachten 2012 nach Deutschland zurückkehrte. Während er für McKinsey & Co. in Nigeria arbeitete, blieb er auf dem neusten Stand über die Neuigkeiten aus Europa und war frustriert darüber, wie schwierig es war, öffentliche Meinungen über verschiedene Themen, die in den Schlagzeilen waren, zu messen und einzuschätzen.

Pia Frey, Cornelius’ Schwester, war Journalistin und Produktmanagerin in Deutschland und, wie viele im News-Business, unglücklich mit dem Stand herkömmlichen Kommentierens. „Ich war zutiefst verärgert über diese gestörte Beziehung zwischen den Herausgebern, den Redaktionen und den Nutzern. Die Herausgeber sagen nur immer zueinander: Lies nie die Kommentare“, erzählte mir Pia. Aus diesen Diskussionen erwuchs etwas, das später Opinary werden sollte, das von den beiden Frey-Geschwistern gegründete Start-up, das Herausgebern interaktive, einbettbare Tools zur Verfügung stellt, die die Meinungen der Nutzer messen. Max Meran ist der dritte Mitbegründer der Firma und Verantwortlicher für Partnerschaften. Cornelius ist der Vorstandsvorsitzende von Opinary und Pia ist Beraterin, die mit Herausgebern arbeitet.

Wie alles begann

Das Startup begann erstmals 2013 als Nebenprojekt mit dem Namen Pressekompass, was gleichzeitig der Name ihres ersten Produkts war. In den frühen Tagen von Opinary war Pia Studentin an der Axel Springer Akademie, einem Trainingsprogramm von Herausgebern. Sie nahm dann eine Rolle als Produktentwicklerin für Die WELT, ebenfalls bei Axel Springer, an. Die WELT war unter den ersten Anwendern von Pressekompass und den anderen Werkzeugen von Opinary.

Pia verbrachte den Sommer 2015 in der Bay Area, wo sie als Teil ihres Jobs bei Ozy, ebenfalls ein Unternehmen, in das Axel Springer investiert, arbeitete, um mehr über Strategien zu lernen, die Leser oder das Publikum mit einzubeziehen.  „Das war die erste Hilfe, die ich von ihnen bekam: Dass sie mich das haben machen lassen“, sagte sie. „Und dann haben sie es mich nicht nur machen lassen, sondern uns sogar massiv darin unterstützt, Kooperationen einzugehen und miteinander darüber nachzudenken: Wie können wir unsere Werkzeuge nutzen?“ Die Firma änderte vergangenen Januar ihren Namen in Opinary, weil sie weitere Werkzeuge über die ursprüngliche Kompassoberfläche hinaus einführte. Die Gründer wollten außerdem einen Namen, der für ein amerikanisches Publikum schmackhafter wäre, nachdem sie ihre Expansion in die USA planen.

Der interaktive Austausch von Gedanken

Von Beginn an ist es Opinarys Ziel, dass Nutzer ihre Meinungen zu bestimmten Themen ganz einfach und im Kontext zu dem, was andere darüber sagen, teilen können, während sie sich außerdem an laufenden Diskussionen über das Thema orientieren. Seine Überzeugungskraft für Herausgeber besteht darin, dass seine Werkzeuge es Nutzern ermöglichen, interaktiv Gedanken auszutauschen, ohne sich mit den Unannehmlichkeiten des Maßhaltens beim traditionellen Kommentieren herumschlagen zu müssen.

Das ursprüngliche Werkzeug, Pressekompass, veranschaulicht verschiedene Aspekte eines Themas – zum Beispiel ob eine rechtsorientierte Partei die jüngsten australischen Wahlen gewinnen könne – anhand eines Kompass und stellt dann die Positionen verschiedener Kommentatoren und Analysten basierend auf ihren Positionen grafisch dar. Leser können ihre eigenen Markierungen auf dem Kompass setzen um ihre eigen Position im Vergleich zu der anderer Nutzer zu zeigen. Das beliebteste Werkzeug von Opinary ist momentan das Speedometer, das ähnlich zum Pressekompass ist, es Nutzern aber nur erlaubt, Themen auf einer Achse zu bewerten. Nutzer können sich selbst auf dem Speedometer platzieren und zusehen, wie ihre Meinung den Durchschnitt verändert, der durch die Nadel repräsentiert wird.

Opinary hat einige verschiedene Schnittstellen eingeführt, darunter eine, die es Nutzern möglich macht, vorauszusagen, wie sich die Aktien entwickeln werden, eine, die sie sich selbst in einem politischen Spektrum platzieren lässt und einer, die die Leistung  von Fußballspielern bewertet. Außerdem werden laufend neue Werkzeuge entwickelt, so auch eines, dass Nutzer Filme oder Fernsehshows bewerten lässt. Zehn deutsche Nachrichtenzentralen nutzen Opinary derzeit und die Firma plant ihre Expansion in die USA. Cornelius hat diesen Frühling sechs Wochen in den USA verbracht und sich dort mit Investoren und Herausgebern getroffen. Er sagte, dass vier amerikanische Nachrichtenorganisationen die Werkzeuge in den nächsten Monaten nutzen werden, ihre Namen wollte er aber nicht verraten.

Über den Tellerrand von „Gefällt mir“-Angaben blicken

Typischerweise nutzen etwa 30 Prozent der Leser die Werkzeuge, die von Opinary auf einer Seite eingebettet sind, sagt Pia, bemerkt aber auch, dass dies von Seite zu Seite und von Thema zu Thema unterschiedlich ist. Sie arbeitet auch mit den Redaktionen an den besten Praxisumsetzungen, damit Herausgeber den Einsatz der Werkzeuge zu maximieren versuchen können. Ihre Seite umfasst insgesamt elf Mitarbeiter, darunter ein Redaktionsteam, das Grafiken entwirft, die Herausgeber auf ihren Seiten, basierend auf den Tagesneuigkeiten, einbetten können. Etwa zwei Drittel des Inhalts von Opinary wird von seinen eigenen Mitarbeitern entworfen, das andere Drittel wird von Herausgebern entworfen, die das CMS von Opinary nutzen.

Spiegel Online, die gesonderte digitale Präsenz der wöchentlichen Zeitschrift Der Spiegel in Deutschland, war der erste Abnehmer, der Opinary nutzte. Matthias Streitz, der Chefredakteur von Spiegel Online, sage, dass sich die Seite dazu entschieden hätte, Pressekompass zu nutzen, weil es fähig war, treffend zusammenzufassen, wie Kommentatoren und andere Abnehmer über Themen berichteten, während es außerdem eine einfache Beteiligung der Nutzer erlaubte.

„Es scheint banal, aber es ist eine Kombination von Elementen, die wir auf dem deutschen Markt zu dem Zeitpunkt so nicht hatten“, sagte Streitz. „Es machte intuitiv Sinn, als wir es sahen“. Spiegel nutzt die Schnittstellen von Opinary mit durchschnittlich 2,8 Artikeln pro Tag. Cornelius sagte, dass die frühe Partnerschaft mit Spiegel besonders hilfreich war, weil die Seite Rückmeldung über das Design zusammen mit Vorschlägen der Redaktion bot. Im März erhielt die Firma ihre erste Investition von außen: Eine Million Euro. Zuvor lief Opinary aus eigener Kraft; Cornelius sagte, dass die Gründer „nicht mehr als“ 50.000 Euro ihres eigenen Gelds investierten, weil die Firma begann, Einnahmen zu erzielen, als die Herausgeber anfingen für die Nutzung der Werkzeuge zu bezahlen.

Finanzierung mittels leserorientierter Werbung

Der nächste Schritt für Opinary ist die Monetarisierung. Als die Firma startete, mussten Herausgeber für die Nutzung der Werkzeuge zahlen, aber nun wird zu einem Umsatzanteil-Modell übergegangen, bei dem Herausgeber eine Kürzung an den Werbeanteilen jeder Werbung bekommen, die auf ihrer Seite gezeigt wird.

Nachdem ein Leser ein Werkzeug benutzt hat, erscheint eine Werbeanzeige, die zu dem Inhalt passt. Nutzt zum Beispiel ein Leser Opinary, um zu sagen, dass er einer Aktie optimistisch gegenüber steht, könnte eine Werbeanzeige für eine Online-Handelsplattform auftauchen, die dem Leser die Chance bietet, diese Aktie tatsächlich zu kaufen. Opinary bietet auch native Inhalte an, bei denen Marken ihre eigenen Ideen einbringen können.

Auf der anderen Seite versucht Opinary, Geld zu verdienen, indem es Marktrecherchen und Umfragen durchführt. Es arbeitet daran, Mechanismen zu entwickeln, die es Firmen oder Kampagnen erlauben, die anonymisierten Daten, die aus den Werkzeugen errechnet werden, zu verwerten, zusammen mit zusätzlichen Fragen über beispielsweise das Alter oder Geschlecht.

„Werden wir die Typen sein, die es schaffen, einen 50-minütigen Fragenkatalog mit 60 Fragen über ein superdetailliertes Thema abzufragen? Nein.“, sagte Cornelius. „Aber wir können Markenunternehmen ein breites, relevantes und interessantes Panel bieten, und das sehr schnell, weil wir jetzt schon jeden Tag mit Millionen Leuten reden.“

„Wenn sie erstmal die Werbung in das Werkzeug integriert haben, werden wir die Einnahmen teilen, aber im Moment funktioniert das noch nicht.“, sagte Streitz vom Spiegel Online. „Das ist vielleicht das große Fragezeichen, das über diesem Projekt hängt: Werden sie es schaffen, es zu monetarisieren? Ich finde die Idee prinzipiell gut, und ich mag die Leute, mit denen wir arbeiten, aber trotzdem habe ich es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht funktionieren sehen.“

Ganz oder gar nicht!

Das ist ganz offensichtlich eine der Schlüsselfragen. Nachdem die Nachfrage der Herausgeber zugenommen hat, haben die Gründer von Opinary festgestellt, dass es unhaltbar war, die Firma als Nebenprojekt oder Halbzeitbeschäftigung zu führen. Pia verließ die WELT und auch Cornelius gab seine Stelle auf und zog letzten Herbst zurück nach Deutschland. Meran, der für McKinsey in Südafrika arbeitete, kehrte ebenfalls nach Deutschland zurück. „Opinary ist in Hinsicht auf die Reichweite und das Potenzial für Herausgeber und das Interesse von Investoren und Marken sehr schnell gewachsen“, sagte Pia. „Es ist mein Baby. Ich könnte jemanden finden, der dieses Baby für mich großzieht oder ich könnte es selbst tun. Jemand anderen zu finden, war keine Option für mich.“

Jan-Eric Peters, der nun Upday führt, das gemeinsame Handyprodukt von Axel Springer und Samsung, führte damals die Axel Springer Akademie und war Pias Chef bei Die WELT. Er sagte, dass er sie das Start-up verfolgen ließ, während sie bei der Zeitung arbeitete, weil digitale Innovation wichtig für die Hinterlassenschaft von Abnehmern ist.

„Manche würden sagen, dass es schade ist, dass Pia die WELT verlassen hat, nachdem wir so viel Mühe in sie gesteckt haben“, sagte er mir in einer Email. „Meine Sicht darauf ist anders. Wir brauchen Menschen in unserer Industrie, die den (traditionellen) Medien helfen, im digitalen Zeitalter bessere Leistungen zu erbringen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „compass“ by Unsplash(CC BY 1.0)


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Joseph Lichterman

Joseph Lichterman

schreibt für das an der Harvard Universität angesiedelte Nieman Journalism Lab über Innovation in der Medienbranche. Davor arbeitet er für die Nachrichtenagentur Reuters und berichtete über den wirtschaftlichen Niedergang von Detroit.

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