Neue Provinz: Coworking in der Peripherie

Vor über zwei Jahren trat ich die Stelle als Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin an. An diesem urbanen Hotspot hat man viel mit der Zukunft der Arbeit zu tun. Dies liegt wahrscheinlich zum einen in der Natur eines Coworking Space, aber unsere Nachbarn rund um den Rosenthaler Platz sind unter anderem das Jobsharing-Startup Tandemploy, das Stahlindustrie-Startup kloeckner.i und die TA Zukunftsfabrik des Dokumentenmanagement-Experten TA Triumph-Adler. Ich befinde mich also in sehr guter Gesellschaft, wenn es um Fragen der Zukunft der Arbeit geht.

Doch ein Teilaspekt der Zukunft der Arbeit ist seitdem sehr präsent in meinem Arbeitsalltag und dieser mag auf den ersten Blick so gar nicht zur Torstraße passen: der ländliche Raum. Dass das Thema in den letzten Monaten auch verstärkt in den Feuilletons dieses Landes diskutiert wurde, überraschte mich kaum. Durch das Thema Coworking merke ich bereits seit 2015, dass dieses Thema bewegt. Dieser Entwicklung, die älter und weitreichender ist, möchte ich mit dieser neuen Netzpiloten-Kolumne Rechnung tragen und mich mehr mit dem ländlichen Raum beschäftigen.

Mit der Begrifflichkeit der Neuen Provinz versuche ich die Bedeutung dieser Veränderungen, die wir im ländlichen Raum heutzutage sehen können, zu würdigen und sie in eine Reihe mit den Ideen der Neuen Arbeit und der Neuen Räume zu stellen. Provinz galt bisher als ein doch sehr abwertender Begriff für eine Gegend, die im Vergleich zur Großstadt wenig zu bieten hat. Genau dies scheint mit in der Neuen Provinz, durch Digitalisierung und einen Sinneswandel bei den lokalen Akteuren, inzwischen überwunden zu sein bzw. überwunden werden zu können.


Das Thema Coworking lenkte meinen Blick auf den ländlichen Raum, es soll deshalb auch den Auftakt für diese Kolumne darstellen. Im Sommer 2015 reiste ich mit meiner Frau für zwei Monate durch Europa, wir besuchten Coworking Spaces zwischen Barcelona und Stockholm. Die Coworking-Szenen anderer Länder sind mit der in Deutschland kaum zu vergleichen. In schwachen oder stagnierenden Wirtschaften blüht Coworking auf. In Frankreich stießen wir dann auch auf Coworking Spaces im ländlichen Raum, meist Ableger von Spaces aus der Stadt.

Das Pariser Coworking Space La Mutinerie eröffnete 2015 im beschaulichen Saint-Victor-de-Buthon, rund zwei Stunden vor Paris, einen weiteren Standort. Hier wird Coworking mit Coliving verbunden. Eine Folge war, dass sechs Coworking-Mitglieder aus Paris aufs Land zogen, wie mir Mitgründer Eric Van den Broek erklärte. Für diese Menschen war der Zugang zu einer Gruppe gleichgesinnter Menschen entscheidend. Erst als dies durch das Coworking Space gegeben war, zogen sie aufs Land, wo man preiswerter mit seiner Familie leben kann.

Das Lyoner Coworking Space La Cordée ist stets mit den Wünschen seiner Community gewachsen. Als die Member ein Space in Paris wollten, da sie dort öfters geschäftlich zu tun hatten, kamen die beiden Gründer Julie Pouliquen und Michael Schwartz diesem Wunsch nach und eröffneten einen Ableger in Nähe des Gare du Lyon. Inzwischen gibt es La Cordée Coworking Spaces in ganz Frankreich und so auch in dem französischen Alpendorf Morez. Dieses hatte sich um La Cordée bemüht, das wiederum einen Ort in den Alpen für die eigene Community suchte.

Und wie steht es um Deutschland?

Das La Mutinerie Village und das La Cordée Morez sind nur zwei Beispiele aus Frankreich, die hervorragend aufzeigen, worauf es ankommt – Anschluss an eine urbane Community – und welche Effekte ein Coworking Space auf dem Land haben kann – Zuzug von ortsunabhängig arbeitenden Menschen. In Deutschland gibt es inzwischen auch Beispiele wie die aus Frankreich, wenn auch weniger und vergleichsweise noch nicht so weit entwickelt. Und mit einem Unterschied: hierzulande ist das Mittelzentrum der bessere Standort als das Dorf selbst.

Das Coworking 0711 aus Stuttgart hat im vergangenen Jahr, rund 30 km südwestlich der Landeshauptstadt im beschaulichen Herrenberg, einen Coworking Space für pendelnde Coworker aus der Region eröffnet. Auf Initiative der lokalen Politik gibt es ähnliche Projekte unter anderem in Prüm in der Eifel und im brandenburgischen Finsterwalde. Sie alle haben die Menschen vor Ort im Fokus, die für ihre Arbeit in die nächstgelegene Großstadt pendeln (was schlecht für die Umwelt und die eigene Gesundheit ist), obwohl ihre Arbeit teilweise auch ortsunabhängig möglich wäre.

Deshalb ist ein guter Verkehrsanschluss an eine Großstadt, sowohl mit dem Zug als auch mit dem Auto, ein entscheidender Faktor. Ein Coworking Space sollte nicht auf einem Dorf sein, dort wird es sehr wahrscheinlich auch nicht funktionieren, sondern in einem Mittelzentrum liegen und von da in den ländlichen Raum wirken. Doch noch ist Coworking Space ein schwieriges Geschäftsmodell in Deutschland, weshalb es neue Akteure braucht, die Coworking in die Peripherie tragen und dort betreiben. Ein Akteur könnten beispielsweise Banken sein.

Next: Coworking in Frankfurt (Oder)

In den vergangenen Monaten habe ich in beratender Tätigkeit für die Sparda-Bank Berlin eG an einem Projekt mitgearbeitet, das zum Ziel hat, noch diesen Sommer das erste Coworking Space in Frankfurt (Oder) zu eröffnen. Unter dem Namen Blok O entsteht im ehemaligen Kinderkaufhaus auf der Magistrale ein Ort, der Coworking Space und Bankfiliale zukünftig miteinander verbinden soll (Blok O geht auf die Bezeichnung des Objekts in den historischen Bauplänen der Magistrale zurück). Dies wird die Stadt und auch diesen Teil von Brandenburg beeinflussen.

Drei Punkte sind an Blok O besonders spannend: Erstens, eine Bank gründet ein Coworking Space, in dem es zugleich ein Member wie alle anderen sein wird und nicht der Vermieter. Zweitens, eine multikulturelle Stadt wie Frankfurt (Oder) bekommt mit dem Coworking Space einen mehrsprachigen Ort des Miteinanders, den viele Einwohner*innen eher dem polnischen Słubice zugetraut hätten als der linken Oderseite. Und Drittens, in einer Pendler*innenstadt wie Frankfurt (Oder) gibt es nun einen Ort für kollaboratives und ortsunabhängiges Arbeiten.

Coworking BLOKO Ansgar Oberholz und Martin Laubisch
Coworking-Pionier Ansgar Oberholz und Sparda-Bank Berlin-Vorstand Martin Laubisch präsentieren Blok O in Frankfurt (Oder). Bild: Sparda-Bank Berlin eG

Ich bin gespannt zu sehen, wie genossenschaftliches Coworking in der Neuen Provinz, zu der damit Frankfurt (Oder) samt Umland gezählt werden kann, funktionieren und vor allem wirken kann. Das St. Oberholz wird ein Mitbetreiber des Blok O werden, ich werde also auch viel vor Ort sein können. Das Projekt könnte der konzeptionelle Beweis werden, wie und vor allem von wem Coworking betrieben werden muss, damit diese Idee der Organisation von Arbeit bisher strukturschwachen Gegenden Anschluss an die Zukunft der Arbeit geben kann.

#Landrebellen auf der Grünen Woche

Diese Woche fand auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft statt. Auf dem Panel „Die neuen Landrebellen: Nach der digitalen Revolution ist vor dem Kulturwandel“ diskutierte ich mit anderen Akteuren die Möglichkeiten der Digitalisierung für den ländlichen Raum. Besonders interessant waren aber die Menschen, die mir nach der Veranstaltung von ihren Plänen und Überlegungen zu Coworking im ländlichen Raum erzählten. 2018 wird ein spannendes Jahr.

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Tobias Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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