Neue Provinz: Hinter dem Tellerrand liegt die Welt


Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor drei Jahren saß ich das erste Mal mit dem Bürgermeister der Einheitsgemeinde Tangerhütte, Andreas Brohm, spätabends in einer Gaststätte. Zusammen sprachen wir über die Altmark und das Potenzial im ländlichen Raum. Andreas war noch nicht lange Kommunalpolitiker, er lebte auch noch in Berlin und pendelte rund 75 Minuten zu seinem neuen Arbeitsplatz. Früher arbeitete er als Manager von Musicals und tourte durch ganz Europa. Er war ein Rückkehrer geworden, inzwischen wohnt er auch mit seiner Familie wieder in Tangerhütte, aber einer mit einem anderen Mindset. Vor allem ist er als viel bereister Mensch jemand, der ein anderes Verständnis für Raum hat.

In unserem Gespräch sprach er von den wunderschönen und leerstehenden Fabrikhallen in Tangerhütte und wie praktisch diese für Leute aus der Theater- und Musicalszene wären. Hier, etwas über eine Stunde vor Berlin, gibt es noch Raum, um sich auszuleben oder einfach nur große Bühnenbilder einzulagern. Dabei beschrieb er die Nähe mit einem interessanten Bild: Wenn er einem Musical-Manager aus New York City erzählen würde, dass er die Logistik seines in Berlin aufgeführten Musicals in Tangerhütte lagern könnte, würde dieser wahrscheinlich erst einmal auf der Landkarte nach Tangerhütte suchen müssen, um dann festzustellen, dass es ja nur einen Daumen breit links von Berlin liegt. Perfekt also.

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Das „Daumens links von Berlin“-Prinzip muss verinnerlicht werden.

 

Vor anderthalb Jahren traf ich Sten Tamkivi, einen der Gründer von Teleport, im Büro des besonders sicheren Messengers Wire in Berlin. Wie viele Esten bei Wire arbeitete auch Sten früher bei Skype. Diese Herkunft ist ein Geheimnis hinter der Ausrichtung und auch dem Erfolg von Startups wie Skype und Teleport. „Wenn du etwas in einem so kleinen Land wie Estland gründest, dann denkst du von Beginn an die ganze Welt mit. Es gibt keinen estnischen Markt für den es sich als Unternehmen lohnt, Produkte zu entwickeln“, erklärte mir Tamkivi im Gespräch auf der Dachterrasse überm Hackeschen Markt. Noch so ein Blick vom Kleinen aufs Große. Geprägt von den unendlichen Ausmaßen des virtuellen Raums.

Tamkivis acht Jahre bei Skype prägten auch seinen Blick auf Arbeit. Skype ermöglicht Menschen, von unterwegs mit anderen zusammenzuarbeiten. Die Firma selbst nutzt es auch. „Skype startete in 2003 und ich kam 2005 dazu – um 2006 rum hatten wir bereits 200 Leute an zehn verschiedenen Standorten. Jede Woche musste ich mich fragen, ob wir diese Person dort vor Ort einstellen, ob wir sie bitten sollten nach woanders umzuziehen oder ob wir dort ein Büro eröffnen sollten“, schilderte Tamkivi. Im großen Deutschland lamentieren Unternehmen über einen angeblichen Fachkräftemangel. Währenddessen richtete ein Startup aus dem kleinen Estland seine Prozesse auf eine weltweit agierende Belegschaft aus.

„Kultur isst Strategie zum Frühstück“

Beide Begegnungen zitiere ich oft in meinen Vorträgen über das Potenzial von Coworking im ländlichen Raum. Das Thema wird seit rund zwei Jahren viel diskutiert, ich werde dafür zu vielen Konferenzen eingeladen. In erster Linie um zu erklären, was Coworking ist und ob ein Coworking Space im ländlichen Raum funktionieren kann. In den meisten Fällen tut es das nicht. Nachdem ich aber das Geschäftsmodell eines Coworking Space erklärt habe und darauf hinweise, dass niemand kommen wird, um ein St. Oberholz in Hohenwulsch zu starten, erkläre ich, dass Coworking selbst aber kein Geschäftsmodell ist, sondern eine Kultur, wie man Arbeit und Räume organisieren kann. Und die gilt es vor Ort zu entwickeln.

Dazu braucht es aber andere Blickwinkel. So wie die von Andreas Brohm und Sten Tamkivi. Nur Andersdenker*innen reichen aber auch nicht aus. Kultur isst Strategie zum Frühstück, lautet ein Ausspruch von Petter Stordalen, Gründer und Geschäftsführer der skandinavischen Hotelkette Nordic Choice. Und dieser weist auf einen gängigen Irrtum hin: Nicht Menschen machen Kultur. Es ist genau andersrum. Die Kultur formt die Menschen. Regionen an sich brauchen eine Kultur, die es ihnen ermöglicht, andere Blickwinkel einzunehmen. Eine Kultur, an denen sich die Verwaltung und andere Akteure orientieren können, die inspiriert. So wie es beispielsweise die belgische Stadt Gent seit ein paar Jahren erfolgreich praktiziert.

Neuer Blickwinkel auf die Neue Provinz

Das von Tamkivi gegründete Startup Teleport sammelt über 80 Standortdaten von Orten auf der ganzen Welt. Ortsunabhängig arbeitende Menschen, eher verstörend gerne als Digitale Nomaden bezeichnet, nutzen diese und ähnliche Dienstleistungen. Damit können sie sich nach ihren Vorstellungen eine Rangliste von für sie passenden Orte suchen. Man kann beispielsweise einstellen, wie viel Prozent seines Gehalts man für Miete, Essen, Kultur oder den öffentlichen Personennahverkehr ausgeben möchte. Außerdem auch welche Leistungen es vor Ort geben soll, wie gut das Internet sein soll oder wie sicher oder unternehmerfreundlich der Ort sein soll, wenn man dort hinziehen sollte. Die Welt wird so zu einem Dorf.

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Es braucht neue Blickwinkel auf die Provinz.

Zugegeben, es ist ein Gedankenexperiment. Mehr noch nicht. Aber lassen Sie sich bitte einmal darauf ein. Wenn Arbeit heute ortsunabhängig und dezentral organisiert ist, was sie ist, und uns der Neoliberalismus neben vielen gesellschaftlichen Nachteilen zumindest preiswertes Reisen ermöglicht, ist die Frage, die wir uns stellen sollten: Von wo möchte ich arbeiten? Unsere Vorstellungen von Arbeit sagen auch viel darüber aus, wie wir unser Leben gestalten und was uns wichtig ist. Wenn nun in einer Rangliste wie der von Teleport, für Sie selbst als Ergebnis rauskommt, dass Sie eher nach Werben an der Elbe oder Bali ziehen sollten, würden Sie es tun? Nein? Nun gut, andere Menschen machen das aber schon heutzutage.

Vor allem Gründer*innen und Freelancer, die in der digitalen Kreativwirtschaft arbeiten, handeln bereits heute derartig konsequent. Zum Teil müssen sie es, da sie auf andere Standortfaktoren angewiesen sind als Festangestellte. Wenn jetzt ein altmärkisches Nest wie das durchaus malerische Werben bei Teleport eine Top-Platzierung landet, da die Kommune vielleicht Glasfaser-Internet besitzt, einen guten Verkehrsanschluss an Hamburg und Berlin, preiswerte Mieten, sowieso viel Platz und eine Willkommenskultur für Zugezogene oder eine effiziente Wirtschaftsförderung für Entrepreneure hat, dann könnten Menschen sich auf den Weg an die Elbe machen. Wenn Werben denn sichtbar für diese Menschen ist.

Erst Stendal, dann London… oder so

Kommunen müssen verstehen, dass sie im globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen. Und, dass diese Zielgruppe interessant für sie ist. Allein zu erkennen, dass das Menschen sind, die ihre Arbeit mitbringen, also Einkommen, aus dem sie dann vor Ort ihre Steuern zahlen, scheint viele Kommunen noch zu überfordern. Statt mithilfe der Coworking-Kultur Räume für ortsunabhängige Arbeit und interdisziplinären Austausch der Anwohner*innen zu entwickeln, werden große Unternehmen durch Steuererleichterungen zum kurzfristigen Ansiedeln geködert. Diese bringen oft wenig gut bezahlte Jobs mit, aber in den meisten Fällen sowieso keinerlei Perspektive für eine zukunftsfähige Arbeitswelt.

Orte in der Peripherie von Metropolen, durch schnelle Züge mit hoher Taktung und Internet gut an diese angeschlossen, selbst das Zentrum des sie umschließenden ländlichen Raums, müssen den Blickwinkel des „Daumens links von Berlin“-Prinzips verinnerlichen. Sie müssen u.a. die Struktur für eine moderne Arbeitswelt legen und sich weltweit auffindbar machen. Was wie eine Ansiedlungspolitik für Flat Whites schlürfende Expats klingt, hilft auch den Menschen vor Ort. Diese brauchen die gleichen Bedingungen, aber auch Impulse von außen. Jemand aus São Paulo oder Shenzhen, mit einer die Welt verändernden Idee, muss Stendal für sich wichtiger als London bewerten. Oder Prüm in der Eifel. Oder Finsterwalde.


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Tobias Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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