„Nerve“: Wetten wir bald auf das Leben unserer Social-Media-Idole?

Am Donnerstag startet ein Zuckerwatte-Thriller in den Kinos, der sich mit den sozialen Medien auseinandersetzt. Spannend daran ist weniger die Machart als das Thema selbst. Denn hier trifft Live-Streaming auf riskante Mutproben. „Nerve“ ist der Titel eines nicht ganz legalen Online-Spiels, in dem die Menschen entweder Player oder Watcher sind.

Die Player erwartet das große Geld und Watcher zahlen immense Summen, um a) in den Profilen der Player herumschnüffeln zu dürfen, diese b) zu riskanten Challenges herauszufordern und c) zuschauen zu können, wenn es an die Umsetzung geht. Richtig perfide kann es werden, weil sich die Watcher dank der gesammelten Informationen aus den Social-Media-Profilen natürlich die Vorlieben und Ängste der Player zunutze machen. Ein Geheimnis vor den Eltern kann somit schnell zum Druckmittel werden, um den Player auch zur nächsten Mutprobe zu überreden – bis es richtig gefährlich wird.

Der Film startet mit dem Computer-Bildschirm von Vee (Emma Roberts, „Palo Alto“). Erst öffnet sie Spotify, startet einen Powerpop-Track von Lowell feat. Icona Pop, liest eine Mail, browst ein wenig durch Fotos und schon klingelt Facetime. Durch die Computer-Kamera bekommen wir die Hauptdarstellerin nun das erste Mal zu Gesicht. Ein cleverer Schachzug, bedenkt man die Prämisse des Werks. Hier wird Online First gelebt!

Obwohl die Zielgruppe des Social-Media-Krimis eher Schüler und Studenten sein dürften und alles auf Highschool-Teenie-Konflikte hinausläuft, kann man sich doch über den Zeitgeist erfreuen, den „Nerve“ von der ersten bis zu letzten Minute hinterfragt. Müssen wir alle Dinge online teilen, damit sie auch eine Wirkung für uns haben? Ist es gesund, dass ein andauernder Wettkampf um Likes, Shares und Views stattfindet? Und wie schnell lassen wir uns online in Rollen drängen, die uns eigentlich gar nicht entsprechen?

Die Mechanismen hinter „Nerve“ sind gar nicht mal so unrealistisch. Schon heute ist Aufmerksamkeit die absolute Währung in den sozialen Medien. Wenn Facebook beispielsweise ein neues Feature ausrollt, schenkt es den Anwendern auch Reichweite. Wer zuerst Videos postet, wird im Feed bevorzugt angezeigt. Wer zuerst Live-Streams anbietet, bekommt Mitteilungen an seine Follower geschenkt. Erst nach und nach wird die organische Reichweite wieder eingeschränkt, damit die Seiteninhaber Geld in die Hand nehmen, um ihre potentielle Reichweite auch auszuschöpfen.

„Nerve“ fügt diesem Prozess den Nervenkitzel hinzu. Außerdem stellt der Film die These auf, dass wir tatsächlich auch Geld in die Hand nehmen würden, um Teil der Lebenswelt unserer Social-Media-Ikonen zu werden. Schließlich ist es ein großer Spaß, an ihrem Alltag teilhaben zu können – informativ, unterhaltsam und orientierend zugleich.

Man stelle sich nur vor, dass Casey Neistat nicht mehr nur sein tägliches Video-Tagebuch veröffentlicht, sondern andauernd die Kamera mitlaufen lässt. Näher geht’s nicht! Und dann ist es schon nicht mehr so weit, bis uns der Live-Chat allein nicht länger genügt und wir Gefallen daran finden, die Ereignisse aktiv beeinflussen zu können. Warum auch nicht? Wir bezahlen ja schließlich dafür.

Erinnert sich noch jemand an „Second Life“? In der virtuellen Welt konnte jeder sein, wer er wollte. Von Außenstehenden wurde man allerdings immer schräg beäugt, weil das alles ja nicht echt sei. Guess what: Dank Live-Streaming, Virtual-Reality-Brillen und ein bisschen Geld-Motivation könnten wir schon bald wirklich ein „First Life“ erleben. Und quasi direkt in die Haut von jemanden schlüpfen, den wir in der Realität steuern.

Das Online-Spiel in „Nerve“ wirkt gegen diese Vorstellung noch harmlos. Kein Wunder, stammt die Jugendbuch-Vorlage „Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen“ doch aus dem Jahr 2012. Instagram und Snapchat kannte zu dem Zeitpunkt noch niemand und auch die Mobilfunknetze waren noch nicht dazu in der Lage, Live-Streams stabil wiederzugeben. Das sieht heute schon ganz anders aus.

Es dürfte daher nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Plattformen den passiven Videokonsum durch Formate der aktiven Teilhabe aufbrechen. Und wenn das soweit ist, werden wir uns gar nicht mehr vorstellen können, wie wir jemals unbeteiligt vor einem Video verharren konnten.

„Nerve“ startet am 08.09.2016 in den Kinos. Der Thriller mit Emma Roberts und Dave Franco („21 Jump Street“) regt zu futuristischen Gedankenspielen ein.


Image by StudioCanal


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David Streit

David Streit

ist Designer, Journalist, Cineast und manchmal alles zusammen. Mit Arthur Avenue hat er die Redaktion für die Streaming-Ära ins Leben gerufen. Weil die guten Inhalte online immer schwieriger zu finden sind, hilft er Medienmarken und Streaming-Plattformen bei der Zusammenstellung von unterhaltsamen Playlisten.

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