Nach NSA-Skandal: Privacy-Startups sind das neue Schwarz

Privatsphäre im Internet sollte einerseits staatlich garantiert und geschützt werden, andererseits können auch wir Nutzer viel dafür tun, wie Jakob Steinschaden aufzeigt.

Die skandalösen Enthüllungen durch Leaker Edward Snowden über die Überwachungspraktiken von NSA und dem britischen Geheimdienst GCHQ haben Internet-Dienste wie DuckDuckGo oder BoxCryptor, die sich Privatsphäre und Datenschutz verpflichtet haben, viel Zulauf beschert. Doch dieser kurzfristige Boom ist nur die halbe Geschichte. Denn Risikkapitalgeber beginnen jetzt damit, Millionen in Privacy-Start-ups zu pumpen, die wir erst in mehreren Monaten und Jahren verwenden werden.

Ja, wir haben seit PRISM einen sehr starken Zuwachs an Nutzern erfahren dürfen. Innerhalb der letzten Wochen sind mehrere Tausend Nutzer unserer Software hinzugekommen.” Andrea Wittek, die junge Gründerin des bayrischen Security-Start-ups BoxCryptor, ist eine der wenigen Personen, die den PRISM-Skandal etwas Positives abgewinnen kann. Die Software, die ihre Firma aus Augsburg via Internet vertreibt, verschlüsselt Nutzerdaten lokal am Computer, bevor sie in Cloud-Dienste wie Dropbox, SkyDrive von Microsoft oder Google Drive (also die Server der durch NSA überwachten Unternehmen) hochgeladen werden. BoxCryptor hat seine Chance erkannt und sich sofort als Anti-Spionage-Software positioniert, an der sich die Schnüffel-Programme der NSA die Zähne ausbeißt. “Generell hoffen wir natürlich, dass PRISM nachhaltige Auswirkungen auf die Nutzer der Cloud hat. Das war jetzt ein Skandal, aber der nächste wird sicher nicht länger auf sich warten lassen. Jeder Nutzer sollte sich auch bewusst machen, dass kostenlose Cloud-Angebote meist nicht wirklich kostenlos sind. Denn dann zahlen die Nutzer mit ihren Daten”, sagt Wittek. “Wir hoffen also, dass die Nutzer nicht den Anbietern vertrauen und hoffen, dass ihre Daten schon sicher sind, sondern den Schutz ihrer Daten in die eigenen Hände nehmen.

Datenschutz als neues Verkaufsargument

BoxCryptor ist nicht das einzige auf Datenschutz spezialisierte Start-up, dass im Zuge von Snowdens Enthüllungen einen Aufschwung erlebt. Kim Dotcom, der seinen Online-Speicher-Dienst Mega als “The Privacy Company” bewirbt, twitterte unlängst: “Mega is growing rapidly. Internet users realize how important encryption is in times of total surveillance by the government.” Auch die PR-Branche ist auf den Trend aufgesprungen: Messer PR aus München rührt für die Security-Software SharedSafe die Werbetrommel: “Der Skandal um das NSA-Abhörprogramm PRISM verunsichert Internetnutzer weltweit. Wie vor kurzem bekannt wurde, werden seit 2007 die Daten auf Servern großer IT-Unternehmen und vieler Telefonprovider kontinuierlich abgegriffen. Das Tool SharedSafe des Freisinger Herstellers rootloft richtet sich an alle, die Cloud-Dienste nutzen, jedoch ihre Privatsphäre wahren möchten.

Auch IBM ist auf den Geschmack bekommen und verkündete, in der Datenschutzhochburg Deutschland ein neues IT-Center mit 300 Stellen zu eröffnen, das “Made in Germany”-Produkte anbieten wird. Es kursieren außerdem Listen wie jene unter http://prism-break.org, die Alternativen zu Betriebssystemen, Browsern und Internet-Diensten der überwachten IT-Riesen Google, Facebook, Apple und Microsoft nennen. Neben Linux-Distributionen, Firefox, WordPress, dem Anonymisierungs-Tool TOR, der freien Facebook-Alternative diaspora und der virtuellen Währung Bitcoin immer fix mit dabei: Die auf Privatsphäre bedachte Suchmaschine DuckDuckGo, die sich kürzlich über eine Verdreifachung der Suchanfragen freute.

“Private Web” bleibt Zukunftstraum

Vom Anbruch eines neuen Privacy-Zeitalters zu sprechen, wäre aber noch verfrüht. Tausende neue BoxCryptor-Nutzer und Millionen neue DuckDuckGo-Sucher sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Belege, dass die IT-Giganten Apple, Google und Facebook wegen Überwachungsängste plötzlich an Nutzerschwund leiden, gibt es bis dato nicht. Die ganz große Mehrheit ist zu bequem, um sich von iPhone und Dropbox, von Google Maps und Skype loszureißen und die datenschützenden Alternativen zu nutzen. Denn wer sie schon ausprobiert hat, der weiß: DuckDuckGo und Co. funktionieren einfach nicht so reibungslos wie jene Web-Dienste, die unsere persönlichen Daten verarbeiten.

Zumindest derzeit nicht. Denn interessanterweise haben die NSA-Leaks noch einen Effekt: Risikokapitalgeber machen plötzlich Geld für Start-ups locker, die sich der Privatsphäre verschrieben haben. “Ich glaube, dass Lösungen, die dieses Thema breiter adressieren, viel Markt finden werden”, sagt etwa Oliver Holle vom Wiener Internet-Investor SpeedInvest. “Ein Beispiel ist sicher Snapchat mit einer Bewertung von 800 Millionen Dollar, sehe aber auch Chancen für EU-Startups, da auf der großen Skepsis gegenüber US-Playern aufzusetzen.” Auch ein anderer, großer österreichischer Internet-Investor, der nicht genannt werden will, sagt: “PRISM hat für neue Impulse im Mark gesorgt. Wir werden bald eine ganze Reihe an Start-ups sehen, die sich dem Thema Datenschutz widmen.” Das ist ein radikales Umdenken: Wie ein anonym bleibender Wiener Start-up-Gründer berichtet, hätte er noch vor kurzem keine Förderung für eine Datenschutz-Idee erhalten.

Snapchat als Speerspitze

Neben Snapchat – die Smartphone-App löscht (nicht immer) verschickte Bilder wieder, sobald der Empfänger sie angeschaut hat – hat auch Disconnect.me, das Start-up eines EX-Googlers, auf sich aufmerksam gemacht. Die Entwickler des Browser-Plugins, das beim Surfen übertragene Daten verschlüsselt und Tracking durch Dritte unterbindet, hat von FirstMark Capital 3,5 Mio. Dollar Risikokapital bekommen. Diese und andere Investments werden die neuen Privacy-Start-ups auch dringend brauchen: Es braucht meistens viel Geld, Zeit und Arbeitskräfte, um große, gut funktionierende Web-Dienste aufzubauen, die etablierten Web-Firmen Konkurrenz machen können und von mehr als nur einer eingeweihten Runde (Hacker, Journalisten, Blogger, Netzaktivisten etc.) genutzt werden.


Image (adapted) „Please!“ by Josh Hallett (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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