Willkommen in der musikalischen Zeitmaschine: Das Radiogefühl unserer Kindheit ist zurück

Vielleicht ist dieses Erlebnis an den Millenials vorbeigegangen, aber ältere Semester dürften diese Erinnerung mit einem nostalgischen Gefühl verbinden: Endlose Stunden im Auto, meist auf dem Rücksitz und auf einer Fahrt in den weit entfernten Urlaub, die Eltern vorn nicht nur am Lenkrad, Gas und Bremse, sondern auch am Autoradio-Knopf – und irgendwann wurden die lokalen Radiosender durchprobiert.

Meistens hat das eine ganze Weile gedauert, bis man etwas gefunden hat, auf das sich alle einigen konnten, denn man kam auf der Suche an einer Menge Ungeliebtem vorbei – von urigen Blasmusiksendern über langweilige Dudelfunk-Gewinnspielsendungen bis hin zu ellenlangen Wortbeiträgen in fremder Sprache. Denn: Nicht immer gab es den Komfort der Auswahl zwischen verschiedenen, sorgfältig zusammengestellten Playlists oder Streams wie heutzutage.

Was vor einigen Jahren wie eine Erlösung vom lokalen Radiodiktat erschien, könnte jetzt aber wieder Trend werden. Eine Homepage stellt sich als mutiger Einzelkämpfer gegen die glattgebügelten, immergleichen, werbefinanzierten und allzeit verfügbaren Streams und gibt sich unberechenbar. Das Projekt radiooooo.com (geschrieben mit mindestens fünf und höchstens etwa 25 „O“) gibt dem Nutzer das unwiederholbare Erlebnis zurück, das es früher nur im Analogradio gab: Sich in Geduld zu üben und einen Song tatsächlich bis zum Ende anzuhören.

Back for Good: Das Radio, das man nicht vorspulen kann

Im Gegensatz zu randomisierten Streaming-Angeboten wie Spotify, Deezer oder den auf Empfehlungen basierenden YouTube-Playlisten, die andere Nutzer erstellt haben, definiert sich radiooooo.com durch seine Zufälligkeit und Unwiederholbarkeit. Eine Pause-Taste gibt es nicht, einen Zurück- oder Vorspul-Button sucht man ebenso vergeblich. Die einzige Auswahlmöglichkeit, die die Hörer haben, besteht darin, dass ungefähre Jahrzehnt und das Land, in das man musikalisch und gedanklich reisen möchte, auszuwählen – die Urlaubs-Assoziation und die Neugierde auf fremde Kulturen und Szenen muss also durchaus gegeben sein. Eine liebevoll gezeichnete Landkarte, auf der man sich zwecks Länderauswahl bewegt, hilft beim Navigieren.

In der Songauswahl kann der Nutzer die etwas ungenaue, aber deshalb nicht unspannende Auswahl zwischen den verschlagworteten Stilrichtungen „Slow“, „Fast“ und „Weird“ treffen. Zusätzlich gibt es noch einen „Taxi-Modus“, der den Hörern an mehrere Ziele bringt und eine Art Playlist erlaubt. Jeder Song, auch die Taxi-Strecke, kann natürlich auf sämtlichen sozialen Netzwerken geteilt und geliked werden – und so hoffentlich noch mehr Inspirationen hereinbringen. Außerdem erlaubt ein Link zum iTunes-Store, die Neuentdeckungen direkt zu kaufen.

Screenshot Homepage (Image via radiooooo.com)

Die Zeitspanne des musikalischen Repertoires umfasst etwa die letzten 100 Jahre – wer immer schon einmal wissen wollte, wie sich chinesische Volksmusik der 30er Jahre, russische Schmusehits der 70er oder echte Merkwürdigkeiten aus Ländern, die man musikalisch sonst eher nicht auf dem Schirm hat (hier sei nur die Antarktis, eine geheimnisvolle Insel namens „Lazy Island“ oder die verheißungsvolle „Party Island“ genannt), anhören möchte, sollte sich hier ausführlicher umschauen.

Mit Crowdfunding zum Radioprojekt

Entstanden ist diese Idee, wie sollte es auch anders sein, beim Autofahren. Benjamin Moreau, ein junger französischer DJ, wollte laut Gründungslegende den Oldtimer-Sportwagen seines Vaters testen – natürlich inklusive laut aufgedrehter Soundanlage. Als er das Autoradio anstellte, machten die kommerziellen Sender ihm aber einen Strich durch die Rechnung: stampfende Beats und verzerrte Autotune-Gesänge wollten so gar nicht zu den edlen Ledersitzen und dem mondänen Fahrgefühl passen.

Natürlich hätte sich Moreau auch einfach einen x-beliebigen YouTube-Stream suchen und auf das Beste hoffen können, doch die Algorithmen sind oft genug enttäuschend oder allzu vorhersagbar – jeder, der sich schon einmal im Laufe eines Abends im YouTube-Dschungel verirrt hat, kann das sicherlich bestätigen. Als DJ verfügte Moreau nicht nur über eine riesige Plattensammlung und jede Menge Unterstützer, sondern wusste auch, wie mühsam es sein konnte, sich seine Songs und Versionen zusammenzusuchen: „Das Internet sorgt dafür, dass man fast alles finden kann. Man muss aber wissen, wo man suchen muss.“ Ein eigenes Projekt musste also her.

Als die Idee der „musikalischen Zeitmaschine“ genug gereift war, wandte man sich an eine Crowdfunding-Plattform. Der Ansatz passte perfekt: Die Community sollte von vorn herein eingebunden werden, zunächst finanziell, später auch mit Inhalten. Die Idee hat sich auch auf die fertige Seite übertragen: Die Nutzer der Seite können in die Community eintreten und Songs aus ihrem Fundus aus allen Epochen hinzufügen, um zu diesem auditiven, weltumspannenden Puzzle etwas beitragen zu können – völlig ohne Algorithmen.

DJs und Musikliebhaber: Das Team von radiooooo.com (Image via radiooooo.com)
DJs und Musikliebhaber: Das Team von radiooooo.com (Image via radiooooo.com)

Die Urheberrechtsfrage wird umgedreht

Die komplizierte Frage nach dem Urheberrecht hat sich natürlich auch bei diesem Projekt gestellt. Die Betreiber operieren hier erfreulicherweise sehr offen: Jeder Song, den ein Nutzer hochlädt, wird zunächst vor der Freigabe von einem Urheberrechtsexperten geprüft. Im Anschluss wird das entsprechende Label angefragt, ob man deren Inhalte nutzen darf, und erst dann findet er Eingang in die Songdatenbank. Auf diese Weise kann eine Fehlermeldung umgangen werden und kein Nutzer muss juristische Konsequenzen fürchten.

In Fragen der Usability muss dem Entwicklerteam hier definitiv ein großes Lob ausgesprochen werden. Auch sollen vorrangig lokale Künstler und die Kulturszene gefördert werden – kommerzielle Hits wird man hier also, abgesehen von dem ohnehin beabsichtigten Zufallsprinzip, eher selten vorfinden.

Die Datenbank muss wachsen

Während dieser Beitrag entstanden ist, versuchte die Autorin, einen möglichst diversen Eindruck der Seite zu bekommen. Hierbei tat sich jedoch ein hausgemachtes Problem auf: je abseitiger und genauer die Angaben wurden, desto geringer war natürlich die Songauswahl – aserbaidschanische Musik aus den Zwanzigern hat schließlich nicht jeder auf der Festplatte. Leider ergibt sich hier irgendwann eine gewisse Wiederholung. Doch dieser kann jeder Nutzer entgegenwirken, in dem er selbst teilnimmt und Songs aus seinem Fundus hinzufügt. Einen Effekt hat die Seite auf jeden Fall bewirkt: sie will neugierig machen auf andere Epochen und Kulturen – mit Erfolg!

Mit der Aussage, von nun an müsse man „nie mehr in der Mittelmäßigkeit des Internets herumkramen“, haben sich die Entwickler sicherlich ein hehres Ziel gesetzt – doch diese Herausforderung, seine musikalischen Schätze mit der Welt zu teilen, nimmt sicherlich jeder Musikliebhaber gerne an.


Images by radiooooo.com


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten. Sie ist Historikerin, Anglistin, Kinonerd, Podcasterin und Hörspielsprecherin. Seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, treibt sie sich in allen möglichen Ecken des Internets herum. Sie twittert als @keksmadamund bloggt beiDie Gretchenfrage. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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