Icons (Bild: Ian Lamont [CC BY 2.0], via Flickr)

Multi-App-Strategie oder die Abkehr vom ganzheitlichen Ansatz

Der Siegeszug von Mobile bringt immer mehr große Internet-Unternehmen wie Facebook, LinkedIn oder Twitter dazu, sich in Einzelteile zu zerlegen – freiwillig. // von Daniel Kuhn

Icons (Bild: Ian Lamont [CC BY 2.0], via Flickr)

Die großen Internet-Unternehmen zerbrechen am zunehmenden Mobile-Siegeszug. Dies ist allerdings nicht etwa Folge von hartem Wettbewerb, sondern geschieht komplett freiwillig. Die zunehmende Nutzung von Smartphones und Tablets macht es nötig, die umfassenden Angebote für diese Geräte anzupassen und auf viele einzelne spezialisierte Apps aufzuteilen. Der Nutzer kann somit zielgerichtet aussuchen welche Funktionen er nutzen will und bleibt gleichzeitig den großen Unternehmen treu, ohne es oftmals zu merken.


Warum ist das wichtig? Immer mehr Nutzer nutzen das Web heute über mobile Endgeräte, die wiederum andere Nutzungsszenarien bieten, aus denen andere Anforderungen an Apps hervorgehen.

  • Ein stetig wachsender Prozentsatz von Nutzern konsumiert Webinhalte auf Mobile-Geräten.
  • Die unterschiedlichen Geräte und Anwendungsszenarien machen gebündelte Apps mit großem Funktionsumfang überflüssig.
  • Große Internetunternehmen teilen die eigenen Dienste auf kleine, zweckgebundene Apps auf und führen übernommene Dienste unverändert weiter.

Übernahmen über Übernahmen

Angefangen hat alles mit Instagram. Als Facebook den Fotofilterdienst vor rund zwei Jahren aufgekauft hat, ging es dem Social Network vor allem darum, einen möglichen Konkurrenten in Schach zu halten. Als man dann herausfand, dass sich der Dienst sich nicht in das eigene Kerngeschäft integrieren lässt, beschloss man, Instagram einfach als eigenen Dienst weiterzuführen. Und was gut funktioniert, kann man später mit WhatsApp, Moves und einigen weiteren übernommenen Startups gleich wiederholen.

Facebook ist mit diesem Strategiewechsel allerdings nicht alleine. Twitter zum Beispiel lässt unter anderem die aufgekauften Unternehmen Tweetdeck und Vine eigenständig weiterlaufen. Ein weiteres Beispiel ist Yahoo, die nach wie vor auf Einkaufstour sind und dabei viele Dienste wie das wohl prominenteste Beispiel Tumblr bestehen lassen, statt zu versuchen diese in das vorhandene eigene Angebot zu integrieren.

Für alles eine App statt eine App für alles

Der längst abgegriffene Witz, dass es für alles eine App gibt, ist gar nicht so weit von der neuen Strategie der großen Unternehmen entfernt. In einem Interview mit der New York Times erklärt Mark Zuckerberg diese neue Strategie und deren Hintergründe. Früher kam die überwiegende Mehrheit der Nutzer über Desktop-Rechner auf die Seiten von Facebook und Co. Die Unternehmen waren es daher gewohnt, auf einer Webseite möglichst alle Dienste gebündelt anzubieten, damit es für ihn keinen Grund gibt, die Seite zu verlassen.

Heutzutage nutzen aber immer weniger Menschen Desktop- oder Laptop-Rechner und stattdessen immer mehr mobile Endgeräte. Anfangs versuchte man noch, den Funktionsumfang der Desktop-Seiten möglichst komplett in eine App zu übernehmen – doch die Einsicht ließ nicht lange auf sich warten, dass Mobile-Nutzer andere Dinge wollen. Schnellen Zugriff auf die gewünschten Dienste, die Kontrolle darüber, welche Benachrichtigungen man erhält. Zudem ist der Platz auf den kleinen Touchscreens ganz stark limitiert, so dass Apps mit einem einzelnen Zweck deutlich übersichtlicher und nutzerfreundlicher sind, als gebündelte Allround-Pakete. Facebook musste dies etwas schmerzhaft im vergangenen Jahr am eigenen Leib erfahren, nachdem der Versuch, Android-Nutzern Facebook Home als Haupt-Interface auf das Smartphone schmackhaft zu machen grandios gescheitert ist.

Masse mit Klasse

Das Ergebnis dieser Neuausrichtung? Facebook will noch in diesem Jahr eine ganze Armada an eigenständigen Apps in die App-Stores bringen. Paper ist hier sicher nur der Anfang und der Messenger soll dadurch mehr Zuspruch erfahren, dass man die Funktion aus der eigentlichen Facebook-App entfernt. Auch andere Unternehmen wie LinkedIn haben bereits mehrere Apps mit unterschiedlichen Aufgaben in den App-Stores platziert und auch Dropbox bewegt sich mit Mailbox und Carousel stetig vom reinen Anbieter von Cloud-Speicher weg. Und die Rechnung scheint aufzugehen.

Wenn es gelingt, den Nutzer teilweise vielleicht sogar ohne sein Wissen an die eigenen eigenständigen Apps zu binden, kommt dies einem kleinen Triumph über die Konkurrenz gleich. Wobei der begehrte Lock-In-Effekt, also die Bindung der Kunden an das eigene Angebot vor allem durch den optionalen Log-In mit dem zentralen Nutzerkonto ausbleiben kann. Dies kann man aus Sicht des Nutzers durchaus positiv werten. Allerdings hat dieser dafür als direkte Folge mit einer unüberschaubaren Flut an Mini-Apps zu kämpfen – aber auch dafür findet bis dahin sicher jemand eine Lösung in Form einer App.


Teaser & Image by Ian Lamont (CC BY 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind.

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