Fabian Westerheide über Künstliche Intelligenz


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland. Die Konferenz findet am 23. März 2017 in Berlin statt.


Künstliche Intelligenz (KI) und die Frage, was den Menschen und die Maschine zusammenbringt, treibt den Unternehmer, Venture Capitalist, Autor und Redner Fabian Westerheide um. Nachdem er in verschiedene Unternehmen investierte, ist er seit 2014 Geschäftsführer von Asgard – human VC for AI und leitet die KI-Konferenz Rise of AI. Außerdem ist er Koordinator für Künstliche Intelligenz beim Bundesverband Deutscher Startups. Ich habe mich mit ihm im Vorfeld zur Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland, bei der er als Speaker auftreten wird, zum Interview getroffen.

Was fasziniert Sie an Künstlicher Intelligenz?

Das war ein Prozess. Ich komme vom Land und habe schon immer an Computern herumgebastelt und mich für die Auswirkungen zwischen Mensch und Maschine interessiert. Dann bin ich Unternehmer geworden und habe in insgesamt 35 Firmen investiert, von denen die meisten aus dem Softwarebereich stammen. Irgendwann wusste ich, dass das Thema Künstliche Intelligenz, was mich durch Science-Fiction-Literatur schon seit den Achtzigern beschäftigt hat, endlich greifbar wurde. Mich fasziniert vor allem, dass es so ein komplexes Thema ist und wirtschaftliche, gesellschaftliche, militärische und politische Konsequenzen hat. Es betrifft sowohl Unternehmen als auch den einzelnen Menschen, es betrifft letztlich die ganze Menschheit. Das ist ein Thema, bei dem ich meine ganze Begeisterung für Politik und Gesellschaft einfließen lassen kann. Und ich fühle mich sehr wohl damit, weil es um mehr als Geldverdienen geht. Künstliche Intelligenz kann wirklich die Menschheit verändern – in die eine oder in die andere Richtung.

Was ist der nächste Entwicklungsschritt für die Künstliche Intelligenz?

Die Maschine muss noch besser lernen zu lernen. Das bedeutet, dass sie mit wenige Daten zurecht kommt und mit weniger Transferwissen arbeiten kann. Zum Beispiel kann man derzeit eine KI, die ein bestimmtes Auto fährt, nicht einfach in ein anderes selbstfahrendes Auto verpflanzen. Man kann sie auch nicht benutzen, um mit ihr mit Aktien zu handeln oder ein Flugzeug zu fliegen. Sie ist eigentlich ziemlich idiotisch angelegt und genau auf ihre Hardware programmiert. Innerhalb dieser Grenzen kann sie aber jederzeit weiterlernen. Wir müssen also den Schritt schaffen, dass die Software Hardware-unabhängig wird und Vorwissen aufbauen kann. Vor ein paar Wochen hat Google Deep Mind ein sehr interessantes Paper veröffentlicht, wo sie mit einer KI ein Spiel gespielt haben. Dieselbe KI wurde verwendet, um ein neues Spiel zu lernen. Die KI wurde also deutlich besser, weil sie über das Wissen verfügt, wie man so ein Spiel spielt. Sie konnte es auf ein anderes Spiel übertragen und dadurch besser werden als eine KI, die nur auf dieses eine Spiel hin programmiert wurde.

Ist das der Schritt zwischen einem gut funktionierenden Algorithmus und einem denkenden Wesen? Ich gebe zu, ich scheue mich etwas, diesen Prozess schon als Denken zu bezeichnen. Ich würde eher sagen, es ist eher ein Weiterverarbeiten. Oder fängt das Denken hier schon an?

Das ist schwierig zu sagen, hier fängt eigentlich eher die nächste Diskussion an: Denkt der Mensch wirklich, oder sind wir nicht viel eher hormon- und instinktgetrieben? Wie viel davon ist durch unser Unterbewusstsein bestimmt? Die meisten Menschen treffen Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde. Wir nennen das Bauchgefühl oder Instinkt. Eigentlich ist es aber eine Erfahrungskurve. Wir brechen unsere Erfahrungen herunter und denken nicht darüber nach, sondern handeln. So ist es bei der Maschine auch. Sie können noch nicht auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückgreifen oder auf eine jahrelange Erziehung. Wir als Menschen hingegen haben ungeheuer viel Input verarbeitet und sind biologisch dafür ausgelegt, alles abzuspeichern. Seit es im Jahr 2012 den großen Durchbruch mit den neuronalen Netzen gegeben hat, haben die Maschinen auch ein Kurzzeitgedächtnis. Was noch fehlt ist ein Langzeitgedächtnis und das Abstraktionslevel. Und genau das passiert gerade: Wir bauen Schritt für Schritt ein kollektives Gedächtnis auf, eine Art Schwarmintelligenz. Wir müssen also noch nicht einmal eine menschenähnliche KI haben, um zu erreichen, dass sie denkt, sondern wir brauchen eine KI, die untereinander kommuniziert und kollektiv Wissen verarbeitet. Wenn ein Auto beispielsweise einen fatalen Fehler macht, wie es bei dem Tesla-Unfall mit dem LKW geschehen ist, dann passiert ihm das ein einziges Mal. Seit diesem Vorfall können alle hunderttausende Teslas da draußen LKWs erkennnen. Das ist eine Intelligenzleistung, die mehr schafft als ein einzelner Mensch.

Image by Fabian Westerheide
Image by Fabian Westerheide

Wir müssen die KI also nicht nur schulen, sondern auch erziehen?

Genau das. Der Hirnforscher Danko Nikolic sagt, wir brauchen einen KI-Kindergarten, eine Art DNA für künstliche Intelligenz. Ich finde diese These sehr interessant. Wir müssen es schaffen, diese Lernalgorithmen einer KI beizubringen. Sie muss lernen zu lernen, damit sie weiß, wie man selbst Wissen generiert. Das können wir Menschen besonders gut. Die KI kann das noch nicht, also wird der Durchbruch im Lernalgorithmus die nächste Stufe sein. Dann muss man sie trainieren, ausbilden und erziehen, wie man Kinder erzieht. Wenn das passiert, wird das, was wir jetzt haben, schneller und auch deutlich interessanter. Eine KI hat noch keine Eigenmotivation, ich weiß aber, dass Teams bereits daran arbeiten.

Welche Jobs sind bisher immer noch nicht vollständig durch Maschinen ersetzbar? Wo geht hier die Entwicklung hin?

Momentan sind es zwei: Menschen und Komplexität. Wir sind Menschen und wollen deshalb natürlich weiterhin menschliche Interaktion. Ich behaupte, dass ‚Made by Humans‘ irgendwann bei Produkten ein Qualitätsmerkmal sein wird, für das die Leute mehr bezahlen werden. Bei der Interaktion kann es zu einer Mischung kommen: In der Pflege werden wir Pflegeroboter haben, die uns beispielsweise dabei helfen, den schweren alten Mann zu wenden, aber die menschliche Komponente muss erhalten bleiben. Eine KI nimmt dich nicht in den Arm, sie kann aber konkrete Ergebnisse liefern. Das dauert wohl aber noch gut 10 bis 15 Jahre. Eine KI kann erkennen, wie Prozesse am besten durchzuführen sind, aber bei emotionaler Intelligenz muss sie eben passen. Wir brauchen keinen menschlichen Maler, aber einen menschlichen Innenarchitekten. Je einfacher der Job ist, desto eher können wir ihn durch die Maschinen erledigen lassen. Sie hat aber noch immer ein Problem mit der Motorik, das haben wir noch nicht gelöst. Softwaretechnisch hingegen ist sie uns natürlich haushoch überlegen, jeder Taschenrechner kann besser rechnen als du und ich.

Wir müssen der KI auch Kontext beibringen, damit sie uns wirklich helfen kann.

Bei Service-KIs funktioniert das sogar schon. Die KI kann erkennen, ob der Kunde gut oder schlecht gelaunt ist, ob er etwas umtauschen will und ob sie ihm noch mehr Angebote machen soll oder nicht. Das würde ich schon als Kontext bezeichnen. Jeder, der schon einmal Kundensupport gemacht hat, wird das kennen – man muss Zweideutigkeit erkennen und das kriegen schon wir Menschen manchmal nicht ordentlich hin. Wie wollen wir da erwarten, dass die KI es besser macht? Der erste Schritt ist also: Sie muss lernen, es zumindest schon einmal besser zu machen als der Schlechteste von uns.

Wenn man manche Artikel liest, werden die Maschinen oft sehr dystopisch als unser Untergang beschrieben, sowohl gesellschaftlich als auch arbeitstechnisch. Wie gehen Sie mit dieser Angst der Menschen um?

Ich erlebe es ab und zu, dass die Menschen bei einem gewissen Level fast schon technologiefeindlich sind und regelrecht Angst vor der KI haben. Aber ich finde, dass Probleme wie die globale Erwärmung, der Terrorismus oder auch nur zu viel Zucker im Blut viel gefährlicher für die Menschheit sind. Wir sollten wirklich versuchen, etwas unaufgeregter an das Thema KI heranzugehen. Ja, die Digitalisierung frisst eine Menge Jobs. Aber das ist doch super! Niemand muss mehr langweilige Jobs machen, wir haben viel mehr freie Zeit. Wir können die KI benutzen, um in unserer Tätigkeit noch produktiver zu sein. Wir können so sogar mehr Jobs nach Europa holen, weil es günstiger und effektiver ist, die Handgriffe an eine KI outzusourcen als an irgendwelche ausgebeuteten Clickworker in Indien. Das Ganze bringt einen enormen strukturellen Wandel mit sich, weil wir uns von der Industriegesellschaft zur Servicegesellschaft und auch zu einer Wissensgesellschaft wandeln.

Die Großkonzerne von heute haben bereits begriffen, dass sie sich entwickeln müssen, sie tun sich damit aber noch etwas schwer. Das sind reine Industrieunternehmen, die aus einer ganz anderen Hierarchie und einer anderen kulturellen Epoche kommen. Künstliche Intelligenz ist hier nur die Spitze des Eisberges, denn unsere Industrie ist nicht für digitale Umbrüche gerüstet. Wir sind an dieser Stelle in kultureller Hinsicht noch komplett falsch aufgestellt.

Wie steht es um die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland?

Das deutsche Problem daran ist, dass wir mal wieder den Trend verschlafen. Es gibt kaum KI-Unternehmen hierzulande – wir sind eher auf den abgeschlagenen Plätzen zu finden. Im Moment sind die US-amerikanischen KI-Unternehmen besser finanziert und es gibt viel mehr Firmen als hier, obwohl der Markt nicht so groß ist wie unserer. Es geht auch nicht darum, noch etwas zu entwickeln, dass uns unser Essen schneller liefert, sondern darum, dass uns eine strategische Entwicklung entgeht. Wir brauchen endlich mehr Forschung, mehr Kapital und mehr Unternehmen in Deutschland und Europa, um eine strategisches, wirtschaftliches und politisches Gegengewicht herstellen zu können. Nur dann können wir auf Augenhöhe miteinaner verhandeln.


Image (adpated) „Neural“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten. Sie ist Historikerin, Anglistin, Kinonerd, Podcasterin und Hörspielsprecherin. Seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, treibt sie sich in allen möglichen Ecken des Internets herum. Sie twittert als @keksmadamund bloggt beiDie Gretchenfrage. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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