Mittelklasse-Smartphones: Warum Software künftig wichtiger als Hardware ist

Google und Apple sehen günstige Geräte zunehmend als Verkaufskanäle für ihren Digital-Content. “Good-enough-smartphone” nennen einige US-Journalisten bereits einen Trend am Mobile-Markt, der nicht länger zu ignorieren ist: Herstellern, Apple und Google allen voran, geht es nicht mehr darum, das technisch beste Gerät am Markt zu haben, sondern die Massen mit Smartphones zu versorgen, die solide Spezifikationen zu moderaten Preisen bieten. Die Hardware rückt in den Hintergrund, und Software und Personalisierungsmöglichkeiten werden immer wichtiger.

Sprachsteuerung, Foto-Funktion, smarte Benachrichtigungen: Die Produkt-Webseite des neuen Moto X der Google-Tochter Motorola preist das Smartphone nicht mit technischen Spezifikationen an, sondern mit Features. Es erkennt deine Sprache und wartet auf Befehle! Schüttle es für schnelle Schnappschüsse!! Bestimme selbst, welche Farbe es hat!!! Bildschirmauflösung? Prozessorleistung?? Megapixel??? Um das zu erfahren, muss man weit nach unten scrollen und in den “Details” nachlesen.

Mit dem Moto X hat Google still und heimlich eine neue Smartphone-Ära eingeläutet. Es geht nicht mehr um die besten Specs, sondern um praktische Features, Funktionen und Farben. “Das Moto X ist weit davon entfernt, die neueste und beste Technologie zu präsentieren, seine primären Features drehen sich um Nutzerfreundlichkeit und und Personalisierung”, schreibt der kanadische Journalist Navneet Alang. Ihm zufolge seien die Zeiten, in denen sich die Hersteller mit immer höheren Display-Auflösungen, immer schnelleren Prozessoren und immer dünneren Gehäusen gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, vorbei. “Selbst Mittelklasse-Smartphones bieten oft schon mehr Funktionen als die meisten Konsumenten brauchen”, so Alang.

Und so geht es Google und seiner Tochterfirma nicht darum, sich mit LG, Samsung und HTC um das leistungsfähigste Smartphone zu matchen, sondern mit Nützlichkeit zu punkten. Die Hardware-Spezifikationen rücken in den Hintergrund, denn mal ehrlich: Wer braucht schon 15-Megapixel-Kameras für Instagram-Schnappschüsse, wer benötigt unbedingt Quadcore-Chips, um “Pflanzen gegen Zombies” zu spielen, und wer braucht mehr Pixel am Full-HD-Display, als man mit dem freien Auge erkennen kann? Stattdessen muss schlaue Software einfache, schnelle und hilfreiche Funktionen bieten, um schnell auf Informationen zugreifen, Entertainment-Angebote zu finden und Kommunikation abwickeln zu können. Laut Marktforscher ABI Research werden Mittelklasse-Smartphones (= Geräte um 250 bis 400 Dollar) 2018 fast die Hälfte des gesamten Marktes ausmachen.

Bei Googles Erzrivalen Apple geht es in eine ähnliche Richtung. Beim iPhone 5C (das “C” steht für “Color”), das voraussichtlich am 10. September präsentiert wird, geht es nicht um spektakuläre Hardware, sondern um ein buntes, freundliches Gerät zu erschwinglichen Preisen für die Masse – und natürlich um ein Gerät, auf dem das neue Betriebssystem iOS 7 läuft, in das mit “iTunes Radio” ein eigener Musik-Streaming-Dienst eingebaut ist. Auch bei Googles Android geht es in eine ähnliche Richtung: Das Betriebssystem dient dem Internet-Konzern als Plattform, um Content und Services an die Massen zu tragen – etwa Games (Play Play Game Services), Musik („Google Play Music All Access“) oder den persönlichen Assistenten Google Now.

Auch bei Apple floriert das Content-Geschäft und wird dem iPhone-Hersteller 2013 etwa 16 Mrd. US-Dollar einbringen, wie der Apple-Analyst Apple-Analyst Horace Dediu schätzt. Wie auch Amazon sehen Google und Apple ihre Hardware immer mehr als Fenster zu ihren Cloud-Diensten, die in Gestalt von digitaler Musik, Filmen, Spielen oder Büchern Geld aus den Taschen der Konsumenten locken sollen. Damit verwandeln sich die IT-Konzerne immer mehr in virtuelle Warenhäuser, in denen die Kundschaft alles vom MP3 bis zur Zeitung in digitaler Form konsumieren sollen und langfristig mehr Geld ausgeben, als hätten sie bloß ein teures Smartphone gekauft. „Weil sich die Smartphone-Penetration von Early Adopters zum Massenmarkt bewegt hat, ist das Smartphone als Produkt weniger abhängig von technischer Überlegenheit und mehr abhängig von Zuverlässigkeit und Wert„, sagt Jeff Orr vom Marktforscher ABI Research. “Das Low-Cost-Smartphone wird zum Werkzeug für die Betreiber, höhere Einnahmen mit Daten machen zu können.


Image (adapted) „an evening playing ’smartphone‘ pub quiz with the exeter twitterati!“ by Phil Campbell (CC BY 2.0)


 

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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